Da drang ein anhaltendes und heftiges Trommeln an des Königs Ohr, und als er sich forschend zur Seite wandte, unterschied er beim Grauen des Tages in einigem Abstand einen kleinen Tambour, der, mit den Schlegeln in der Hand, noch gegen den Feind gewendet da stand. Neben ihm lag ein Offizier auf dem Rücken, beide Arme gerade ausgestreckt. Der große, galonierte Hut saß noch stattlich und vornehm auf seinem Kopf. Das Halstuch aus französischen Blonden wehte rot befleckt im Winde, und rings um die abgetragenen Rockschöße schimmerten durcheinander in dem tauigen Heidekraut Konfektbissen und Silbermünzen.

»Wer ist der Gefallene?« fragte der König.

Rittmeister Ridderstadt antwortete:

»Es ist ein tapferer Kriegsmann vor Gott, von vielen Menschen aber geschmäht … Es ist ein bevorzugter Freund Eurer Majestät … Es ist Grothusen!«

Als Ridderstadt dies geantwortet hatte, ging er selbst in das Handgemenge zurück und erlitt den Tod.


Es war finstere Winternacht, als der König endlich in seiner Sechsruderschaluppe das unter Stückkugeln und Bomben rauchende Stralsund verließ. Düring, der so unermüdlich die Mühsale des Königsrittes geteilt hatte, war außerhalb der Stadtmauern in seinem Blute gefallen, aber sein Bruder saß am Steuer auf dem Rücksitz. Eine Menge Arbeiter gingen mit Keulen und Haken zu beiden Seiten der aufgebrochenen Eisrinnen, und Rosen, der zuvorderst stand, war dem König so lebendig ähnlich, daß sie ihm den Abschied winkten.

Von feindlichen Kugeln verfolgt, erreichte die Schaluppe das offene Meer. Vergebens spähte jedoch Rosen nach den beiden schwedischen Schiffen »Snapp-opp« und »Snare-Sven«, die zur Begegnung hierher befohlen, aber vom Sturm zurückgeworfen worden waren. Da stieg der König mit seinen beiden Begleitern und einem Lakaien an Bord einer schweren Lastgaleote, die, mit roten Lappen auf ihrem dunkeln, elenden Segel, den Anker lichtete. Wo schwamm wohl jetzt die stolze Flotte, auf deren Deck er vor fünfzehn Jahren, jung und siegesgewiß, des alten Piper frohes Händeklatschen vernommen hatte! Die drohende Reihe von Masten, die Rosen am Horizonte auskundschaftete, war die von Tordenskiold. Erst weit draußen im Meer begegnete ihnen die Brigantine »Snapp-opp«, und mit zornigen Befehlen und düsteren Augen betrat der König das verspätete Schiff. War das der gnädige Herr, von dem die Seeleute hatten erzählen hören, daß er mit zierlichen Verbeugungen den Hut unter den Arm zu stecken pflegte? Er hob die Hand, um die Besatzung zu begrüßen, aber er beugte sich langsam und steif, und strafend fielen seine ersten Worte unter schwedischer Kriegsflagge:

»Der Schiffer von ›Snapp-opp‹ wird gestäupt werden! Aber der von ›Snare-Sven‹, der ganz ausgeblieben ist, er soll füsiliert werden!«

Der Sturm hob eine Eisscholle empor. Sie streckte ihren weißen Hals über den Plattbord wie die Geister Ertrunkener, aber als die Dunkelheit sich wieder ausbreitete, stand der König noch schweigend beim Mast … Wäre er nicht ein Fürst gewesen, so hätte er sich noch wenden und eine versteckte Freistatt suchen können, aber jetzt würden ihm die Menschen bald nachlaufen und ihn mit sich ziehen. Er hätte eine Kaperflotte wehrhaft machen und auf dieser seine Jahre zwischen Degen und Schüssen verbringen können, nun aber befahlen ihm seine Untertanen, sich heimzuwenden, um ihrer Düngerhaufen und Sennhütten zu warten. Je mehr er sich dem Schonenwall näherte, desto deutlicher deuchte es ihn, daß es gelte, unter Feinden ans Land zu steigen. Er erinnerte sich des frühen Morgens an Karlbergs Königshof, als er, ehe die Großmutter und Schwestern erwacht, sich mit Hultman die Treppe hinunter stahl und in den Krieg ritt. Er wollte die bekannten Gesichter nicht wiedersehen. Er wollte nicht durch Stockholms Straßen reiten und das Volk mit Pechfackeln einen verschlagenen und schiffbrüchigen König begrüßen sehen. Wohl sah er, daß diese Schweden stets ihr Leben für ihn und das Stückchen Land ließen, das noch ihr Eigentum war, aber er wußte auch, daß viele unter ihnen in ihren stillen Gebeten Gott anriefen, er möge ihm einen schnellen Tod geben. Er sah das alles ebenso klar, als er es ehedem undeutlich gesehen hatte. Er dachte nicht an Frieden und Versöhnung. Er konnte nicht vergessen, daß die Tausende, die ihm gefolgt waren, ihre Kugel bekommen hatten, und daß seines Volkes Wehklagen und Segnungen sie in ihren überwachsenen Gräbern weich gebettet hatten, daß sie heilige Männer geworden waren, deren Sünden vergessen, aber deren Taten gepriesen wurden. Für einen Krieger gab es nur zwei Wege zur Versöhnung mit Gott und den Menschen, das war der Sieg oder die Todeswunde.