»Wäre Mörner nicht ein gleich schlechter Philosoph, als er guter Hausvater ist, so würde er hier eine schwere Nuß zu knacken bekommen. Nein, lies das Geschriebene nicht … es sind nur einige Lappalien, die ich eines Abends da unten in Lund aufsetzte. Immer, wenn ich nach einiger Zeit den Gedankenbau wiedersehe, den ich aufzurichten versuchte, bekomme ich Lust, mich als Feind zu verkleiden und meine eigene Redoute zu stürmen. Ob wirklich das Vergnügen des Gedankens in dem Gefecht selbst liegt? Die Wollust, die Glückseligkeit, die vollkommene Zufriedenheit … wäre das das Lebensziel, dann wäre das Ziel etwas Endliches, ein Stück klares und blankes, aber totes und regungsloses Gold. Warum das Leben als eine Basis betrachten und oberhalb derselben die Zwecke sammeln wie ein Bündel Linien in einer Winkelspitze, in einem einzigen Punkt? Warum nicht das Leben zu dem Punkt machen, aus dem die Zwecke ausstrahlen wie unendliche Linien, wie Stamm und Äste an einem Baum, dessen Krone in Ewigkeit immer weiter und belaubter wird? Warum nicht sagen: es gibt kein Schlußziel, aber Billionen Zwecke, die sich, ein jeder für sich, in Unendlichkeit zu Billionen neuer auseinanderzweigen? Wie viel größer wird dann doch das irdische Leben jedes einzelnen Menschen!«
Mörner antwortete:
»Eure Majestät sind ein schwerer Zweikämpfer in gelehrten Disputationen, und nie höre ich meinen gnädigen Herrn so beredt wie in derlei Fehden, aber ich kann nicht wie Grothusen selig die Spitze bieten. Ich kann nur dies antworten: Wenn aus einem Erdenleben in das Unendliche Äste empor wachsen, dann birgt auch die kleinste Handlung der Stunde eine ewige Verantwortung …«
Er riß seinen Rock mit Eifer auf und reichte dem König einige versiegelte Briefe hin.
»Bedenkt, Majestät, auch die lumpigste Anzeige kann wahr sein und für Jahre die Sense aus der Hand des Sensenmannes schlagen.«
Der König kannte im voraus diese Schriftstücke, die mit zierlich geschriebenen Druckbuchstaben und ohne Unterschrift seine Nächsten anschwärzten und ihm einen plötzlichen Tod voraussagten. Die Drohung mit dem Tod ängstigte ihn nicht mehr als das Schwirren einer Kugel. War er nicht sozusagen seit seinen Knabenjahren jeden Morgen aufgewacht, bereit, vor dem Dunkelwerden unter den Gefallenen auf dem Feld zu liegen. Er warf die drei Briefe unerbrochen ins Feuer, einen nach dem anderen, und stand in dem niedrigen Möllerhäuschen so ruhig, als hätte sein letztes Heer erschöpfter und ausgehungerter Jünglinge alle Kronen Europas auf einem Troßwagen mitgeführt.
»Antworte mir aufrichtig!« sagte er nach einigem Schweigen. »Auf wie viele kann ich mich noch verlassen … ich meine nicht in einem Treffen … sondern wenn alles gegen uns geht?«
»Muß ich antworten? Ist es Befehl?«
»Ja, auf wie viele kann ich mich noch verlassen?«
»Auf keinen!«