Die Soldaten blieben stehen und wendeten sich um. Er winkte ihnen zu, weiter zu gehen, und folgte ihnen nach, aber er war bleich geworden wie ein toter Mann.


Der König hatte sich auf dem Bergrücken vor dem Laufgraben der Festung eine Bretterhütte erbauen lassen, und ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl wurden dorthin gebracht. Keine Soldaten standen mit geladenen Musketen Posten an der Tür, und der wachthabende Adjutant wurde oft in verschiedenen Angelegenheiten fortgeschickt. Der König überwand sogar seine frühere Scheu vor der Einsamkeit der Nacht und ließ nicht länger mehr zu, daß ein Page neben seinem Bette schlief. Erschöpft von des Tages Mühen, schlief er mitunter draußen auf dem Walle ein, mitten vor den feindlichen Kanonen und den in dem Laufgraben arbeitenden Soldaten. Jeder hätte in der Dunkelheit sich zu ihm schleichen und sein Leben mit einem Degenstoß auslöschen können. Die schlaflosen und angsterfüllten Nächte der Ukraine nach dem ersten zerschmetternden Schlage des Schicksales waren nur noch als Narbe in der Falte zwischen den Augenbrauen zurückgeblieben. Er hatte seine Seele in Mißgeschicken so abgehärtet wie seinen Körper in Strapazen. Er grübelte keine Minute mehr über die Gefahr, aber er wußte, daß sie näher als je ihre schwarze Wolke über sein Haupt gehängt hatte, und dies erfüllte ihn mit der getrosten Ruhe einer entschwundenen Jugend. Seine Stimme war hart geworden, aber die befehlende Ruhe entzündete ihren verjüngenden Glanz in seinen Augen. Alles, alles, was Elend und Untergang Finstres verbergen, erhob sich rings um ihn, und er stützte sich auf seinen Wacholderstock, und, oftmals ungeduldig scheltend, leitete er die Arbeit der Soldaten.

Zeitweise betrachtete er den Himmel und suchte die Sternbilder heraus, die er kannte, aber wenn der Nebel sich senkte und die Dunkelheit tiefer wurde, schloß er mitunter die Augen und rechnete an den Fingern: Dreihundert … dreihundertfünfundachtzig … neunzig … vierundneunzig … vierhunderttausend Reichstaler! – Ob Görtz wirklich so viel bis Dezember würde auftreiben können? Wie sollte wohl sonst das Heer instand gehalten werden? Und ob wohl Görtz schon innerhalb zweier Tage ankommen würde? War es nicht die Erwartung seiner Ankunft, die im Lager solche Aufregung verbreitete? Was war in der Beziehung zu tun? Der König kannte keine Skrupel, denn er war ein Wegelagerer geworden, der Geld und Eigentum verachtete. Hatten ihn die Schweden nicht einen Verrückten genannt und die Hand nach seiner Krone ausgestreckt? Nun wohl, das verzieh er ihnen, seitdem er ihnen geantwortet hatte; aber bis zum äußersten wollte er sie zusammenhalten, wenn auch Grund und Boden brennen sollte. War das nicht der Auftrag, war das nicht das Gottesgebot, das er in seiner Seele beschworen hatte? Es war jetzt keine Zeit für Faulenzer, die am liebsten daheim in ihren Lukenbetten lagen. Und Görtzens Plakat, das auf jedem Gemeindehaus seinen königlichen Namen unter Meineiden von Frieden und dem Wohl der Untertanen hatte prahlen lassen? Wo hatte er während seines Feldzuges die Fürsten in der Stunde der Not wohl anders handeln sehen? Und waren sie nicht dennoch weise und gut genannt worden, wenn es ihnen geglückt war? Wenn der Sturm vorüber war, wollte er Gericht halten und Recht schaffen. Strenge hatte er befohlen, nie mit Wissen Ungerechtigkeit. Nun galt es, die Festung Fredriksten zu erobern, die vor ihm auf dem Felsrücken mit ihren grauen Mauern und den scharfen Ecken den Weg nach Norwegen hinauf verschloß. War nicht das Außenwerk Gyldenlöw schon mit dem Degen in der Hand genommen? – Mit dem Degen in der Hand? – Er schloß die Augen, wie er oft zu tun pflegte, wenn er ungesehen war, und wiederholte leise die Worte. – Sie meinen, daß ich dich versuche, ewiger, wunderlicher Gott, heiliger Geist, meine Freude, meine Wonne, mein Labsal. Immerzu sagen sie: bleib' auf halbem Wege stehen, wo wir stehen bleiben, sonst versuchest du Gott; setze dich nieder, wo wir ermatten, sonst nennen wir dich nicht länger unseren Gideon. – Du, der du Schiedsrichter bist, vor dir demütige ich mich in meiner Not, ich zerknirschter Sünder. Bin ich jetzt irre gegangen auf der Erde, so schlage mich tot darnieder!«

»Der König ist auf seinem Posten eingeschlafen,« sagten die Soldaten, als sie ihn mit gesenktem Haupt und dem heruntergezogenen Hute sahen.

Er hörte sie, sah auf und antwortete:

»Noch nicht!«

Am ersten Sonntag im Advent stieg der König zu Pferd und ritt durch den Nebel nach dem Möllerhäuschen in Tistedal hinunter. Er war trüben Sinnes, und um seine Schwermut zu übermannen, setzte er sich auf die Bank am Kaminfeuer und sah seine Papiere durch. Es waren Bittschriften und alte Briefe und durchkreuzte Rechnungen, noch von dem Aufenthalt in Lund. Seine Augen blieben schließlich auf zwei Halbbogen haften, die mit einer Messingnadel aneinander befestigt und mit seiner eigenen schwerleserlichen Schrift beschrieben waren. Er las:

»Anthropologia Physica. Der natürliche Trieb alles Lebendigen ist das, was Passion oder Genuß der Wollust genannt wird. Die Wollust ist von zweierlei Art, nämlich Wollust der Seele und des Körpers. Wollust der Seele wird die genannt, an der der Körper keinen Teil haben kann. Aber Wollust des Körpers wird die genannt, die der Körper mitsamt der Seele fühlt … Die drei Teile des Körpers sind: Die materielle Gestalt, wodurch die Figur des Körpers mit ihren äußeren und inneren Teilen geformt wird; die fließende Materie, die aus dem Blut mit dem, was dazu gehört, besteht; der materielle Spiritus oder Geist, als die allerfeinsten Teile der materiellen Wesenheit, ist die Kraft und das Lebendige in dem Blute selbst und empfängt das Leben und die Empfindung von dem lebendigen Geist oder Seele, und dieselben verursachen den ganzen Leib. Dieser vergeht auch von sich selbst, sobald irgend ein Körper oder Glied abstirbt … Die Ursache, warum die Seele beider Wollusten teilhaftig ist, und daß der Körper einzig und allein die fleischliche Wollust fühlt, ist die, daß das Leben eigentlich eine Eigenschaft der Seele ist, da es der Leib, der in sich selbst eine tote Wesenheit ist, durch der Seele Werk empfängt … Das, was gemeiniglich unter dem Namen der fünf Sinne verstanden wird, besteht nur in einem, was Empfindung genannt wird, und ist eine Wirkung der Seele, die, nach einer jeglichen Beschaffenheit des Körpers und der Gestaltung, sich auf fünferlei Weise dartut …«

Er stand von der Bank auf und faßte den eintretenden Feldmarschall Mörner am Gürtel.