»Sonderbar!« dachte er. »In den Laufgräben hier fallen fast jede Nacht eine Menge Soldaten … Woher kommt da die Macht, Hunderte von Menschen zwingen zu können hier stehen zu bleiben und zu fallen, ohne daß sie wagten, einander die drei einfachen Worte zuzurufen: Wir gehorchen nicht! …«

Er wollte knieen und den Himmel um Verzeihung bitten und sich selbst einreden, daß seine Handlung gerecht sei, aber er vermochte es nicht. Er wußte nie, was er selbst wollte; und wenn ein Kind ihm zugerufen hätte, die Muskete hinzuwerfen, würde er gehorcht und den Rat gelobt haben. Aber niemand redete ihn an, und niemand sah ihn, und er fürchtete sich nur, weiter zu zögern, seine eigene angstvolle Ungewißheit zu verlängern. Er spannte den Hahn. Er legte die Muskete an die Backe. Er zielte nach dem, für den er seine Landsleute unterwürfig fallen und verbluten sah … Aber der Finger lag zitternd und lahm am Drücker.

Schritte näherten sich. Es war der grauhaarige Hultman, der in Knöpfschuhen und weißen Strümpfen und den Hut ehrfurchtsvoll unter den Arm gesteckt, über die Felsen kam, mitten zwischen den schwirrenden Stückkugeln. Vor sich trug er die mit einer Serviette zugedeckte Blechschüssel, die des Königs Abendessen enthielt. Sobald er den Wall heraufgekommen war, breitete er die Serviette über den Hut, stellte sodann die Schüssel darauf und bot sie dem König an, der stehend speiste und hin und wieder seinen treuen Diener am Rockknopf packte. Tolle Aarasson senkte die Muskete und hörte ihn sagen:

»Hultman fängt an im Gang ebenso steif zu werden, wie der alte Brandklepper es auf seine alten Tage war … Aber niemand ist mir treuer gefolgt, wohin es auch ging, und deshalb ernenne ich ihn auf der Stelle zum Küchenmeister. Mit den Jahren bleiben immer weniger der Alten von ehedem übrig …«

»Gott, barmherziger Gott!« murmelte Tolle Aarasson und wiegte sich mit der Muskete in den Armen hin und her.

Er sah, wie Hultman wieder seinen Weg durch den Kugelregen machte und der König, die Wange gegen die linke Hand gestützt, sich über den Wall hinüber lehnte. Der Mond, der in seiner Fülle stand, stieg jetzt klar und groß über dem Fichtenwald empor.

Schwedische, deutsche, italienische und französische Offiziere unterhielten sich nahebei in ihren verschiedenen Sprachen und ratschlagten, wie sie den König von seinem bloßgestellten Posten herunterlocken könnten. Maigret, der jetzt auch dazu gekommen war, zog ihn leise am Mantel und sagte:

»Dies ist kein Posten für Eure Majestät … Kartätschen und Musketenkugeln haben nicht mehr Achtung vor einem König als vor dem gemeinsten Soldaten.«

Da hob Tolle Aarasson die Muskete wieder mit beiden Armen. Er warf sie zu Boden, daß der Schuß abbrannte und der Knall in dem Krachen des feindlichen Feuers erstarb.

»Nie,« stammelte er. »Niemals! Ein schwedischgeborener Mann kann das nie, warteten auch fünfzig Dukaten unter jeder Birke Norwegens. Dann lieber desertieren oder selbst fallen. Was frage ich nach den Dukaten … Es war sein Leben, das ich nehmen wollte … Und ich vermag es nicht! Ich könnte es erst, wenn ich die Augen zumachte. Gibt's hier keinen fremden Scharfschützen, der mit geschlossenen Augen einen König erschießen kann?«