Tolle Aarasson merkte nicht, daß der Mond schon in den Graben hineinschien und seinen eigenen Schatten mit den runden Gliedern und den lächelnden Knabenwangen auf den Abhang des Walles warf.
»Was machst du hier, mein Lieber?« fragte der König. »Immer voran und auf den Feind los!«
Tolle Aarasson fuhr empor, drehte sich auf dem Absatz herum und begann auf die Festung loszumarschieren. Hinter sich hörte er noch, wie die Offiziere den König ermahnten, herunterzusteigen.
Der König antwortete ihnen:
»Fürchtet nichts!«
Da griff Tolle Aarasson nach den Hutecken, ohne länger zu wissen, was er tat, und fing an über Schanzkörbe und Reisighaufen zu springen, immer vorwärts und auf den Feind los. Viele schwedische Soldaten, die ihn sahen, standen auf, um ihm zu folgen und zu desertieren. Er blieb stehen und schlug mit der Hand nach ihnen, und jedesmal, wenn er sich umdrehte, erkannte er den König auf dem Wall. Warum ergriff er da nicht einen Spaten und fing an zu graben. Das war es doch wohl, was der König gemeint hatte. Statt dessen lief er immer heftiger und blinder, und zuletzt wußte er nicht, ob er dies tat, um zu gehorchen, oder um zu desertieren. Er suchte Schutz hinter Baumstümpfen und in Klüften, aber dennoch kam er der Festung immer näher. Seine weichen Glieder bluteten schon aus drei Wunden, aber er achtete nicht auf die warmen Tropfen, die unter dem Handschuh herunterflossen, sondern sagte Gebete und Psalmen her und nannte sich einen ewig verlorenen Verbrecher, der über den Verkauf seiner Seele gebrütet hätte.
Er kam an ein entzweigeschossenes Außenwerk von geringer Größe, das verlassen schien, aber als er Stimmen norwegischer Soldaten hörte, verbarg er sich zwischen den Schanzkörben.
Einige Schritte von ihm entfernt stand ein Feldstück auf zerstörten Rädern, braunrot vom Rost und mit der Mündung gegen des Königs Wall. Es war mit Grieß und altem Eisenschrot geladen. Angefressene Musketenkugeln lagen da, die vor hundert Jahren ein betrunkener Seeräuber gleichgültig in seiner Kugelzange gegossen hatte, während er ein liederliches Lied für seine Dirne summte. Verbogene Schlüssel und Nägel lagen da, die vor langen Zeiten aus der Scheune eines Bauern gefallen waren, und zu hinterst lag ein zusammengebogener Klöppel, der einst in dem sonnigen Hochgebirge in einer Kuhschelle beim Walljodeln der Mägde geläutet hatte.
Lange, zerrissene Wolken eilten weißschimmernd über den Mond, und Tolle Aarasson lag zwischen den Schanzkörben, blutend, mit gefalteten Händen.
»Dies ist so eine Nacht,« stammelte er, »da der Himmel weit offen steht und Gott die Erde in so tiefen Gedanken betrachtet, daß die Menschen seinen Blick fühlen. Sie mögen entfliehen … sie mögen sich verbergen … sie mögen Verbrecher sein, wie ich, oder Heerführer, sie spüren doch seinen Blick … Ein Held … was ist ein Held? Das ist Standhaftigkeit bis zum letzten, Standhaftigkeit gegen Widersacher, gegen Freunde. Aber du dort oben, du bist dein Rächer wie der Menschen Rächer; und wenn das Stundenglas deiner Gnade abgelaufen ist, hebst du in Allmacht deinen Finger und der Held lehnt seinen Kopf zur Erde … und liegt versöhnt …«