Schon ist der neue Chausseebau
Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.

Gerade in dieser stillen Abgelegenheit, die nicht bis zur völligen barbarischen Isolierung geht, konnte sich die häusliche Sittlichkeit guter Menschen entwickeln und erhalten. Unser Städtchen liegt am Mittelrhein gerade da, wo in weintragender, fruchtbarer, vielbevölkerter Gegend die Sitten menschlicher sind und das Blut leichter und fröhlicher ist. Der Vater wünscht einmal, sein Sohn Hermann solle sich etwas in der Welt umthun und

Sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt
Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.

Und in einer Rede des Pfarrers kommt Straßburg nochmals vor:

Denn wir waren in Straßburg gewohnt den Wagen zu lenken,
Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich
Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durch
Staubige Wege hinaus bis fern zu den Auen und Linden
Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.

In jener Gegend hatte der Dichter selbst seine Heimat, dort waren seine Jugendjahre verflossen: in Frankfurt war er geboren, in Straßburg hatte er zwei Jahre zugebracht, die durch sein Liebesverhältnis mit Friederike von Sesenheim, durch die Bekanntschaft mit Herder und die literarische Revolution in seinem Innern zu den inhaltvollsten seines Lebens geworden waren. Dort liegen die Wurzeln seiner Poesie. Wer aus dem Norden Deutschlands den Main überschreitet, der wird an dem vollen Leben und der naiven Fröhlichkeit der Menschen inne, daß er in Goethes Heimat- und Jugendluft atmet: hier wurden seine Lieder empfangen und geboren; hier umklang des Dichters Seele von früh auf in der konkreten und graziösen Volkssprache jener Hans-Sachsische Ton, der in seinen Werken so unendlich heimatlich zu uns spricht und über den wir mit so tiefer Rührung lächeln; hier fand er in der vollen Teilnahme an dem Leben und in der Fülle der Anschauung, die es gewährte, ein Präservativ gegen den blöden und zähen Pedantismus der Schule; hier endlich in dem Element leichterer Sitten an der Grenze des hellen und humanen Frankreich knüpften und lösten sich immer von neuem die Bande der Liebe, wie sie bei dem gröberen niederdeutschen Stamme und den Engländern, die nur die beiden gleich widerwärtigen Pole der Prüderie und der Prostitution kennen, in so unbefangen menschlicher Weise nimmermehr möglich gewesen wäre. Alle Dichtungen Goethes sind nur später aufschlagende Blüten seines Main- und Rheinaufenthalts und wir dürfen behaupten, daß auch Hermann und Dorothea nicht bloß auf jenem Schauplatz spielt, sondern in seiner Essenz von dorther geflossen ist. Kindergefühle und alte Eindrücke belebten des Dichters Darstellung jener Menschen und Gegenden. Er war in dem dortigen Bürgertum geboren und blieb ihm bei aller aristokratischen Vornehmheit innerlich verwandt. Wir müssen uns unser Städtchen in einem der Querthäler des Rheins denken; es ist wahrscheinlich von Fachwerk erbaut und mit einer Mauer und einem trocknen Graben umgeben. Das Städtchen enthält eine fleißige, wohlhabende Bevölkerung voll Lust, Neugier und Thätigkeit; es ist gewerbsam, denn

Mancher Fabriken befliß man sich da und manches Gewerbes

und die Einwohner betrieben neben dem städtischen Geschäft auch Weinbau und Ackerbau. Am Markte liegt das neue grüngestrichene Haus des Kaufmanns, des reichen Mannes, mit großgetäfelten Fenstern und weißer Stuckatur in grünen Feldern, denn wer thut es dem Kaufmann nach, der

bei seinem Vermögen
Auch die Wege noch kennt, auf denen das Beste zu haben?

Woraus zugleich hervorgeht, daß die Fenster der übrigen Häuser aus jenen kleinen sechseckigen, mit Blei verbundenen Scheibchen bestehen. Am Markte liegt auch die Apotheke zum Engel und das Wirtshaus zum goldenen Löwen, dessen Besitzer der Vater unsres Hermann ist; beide waren einst nach dem großen Brande, der das Städtchen vor zwanzig Jahren zerstört hatte, die schönsten am Markte, sind jetzt aber von dem Hause des Kaufmanns verdunkelt. So ist auch der goldene Engel Michael, der die Offizin des Apothekers bezeichnet, von der Zeit ganz gebräunt. An das Wirtshaus zum goldenen Löwen stoßen doppelte Höfe, Scheunen und Ställe; ihnen schließt sich der weite Garten mit Apfel- und Birnbäumen und Kohlpflanzungen an und reicht bis an die Stadtmauer, bis zu einer Laube von Jelängerjelieber. Dort hatte einst der Ahnherr unsres Löwenwirtes, der würdige Bürgermeister, aus besondrer Gunst ein Pförtchen durch die Mauer brechen dürfen, um den weiten Umweg durch das Thor zu vermeiden. Trat man durch das Pförtchen hinaus und überschritt den trocknen Graben, so gelangte man an den aufsteigenden Weinberg, den ein bedeckter Laubgang auf unbehauenen Platten hinanführte; zu beiden Seiten wuchsen große, weiße und rötlichblaue Trauben, nicht zum Keltern, sondern zum Nachtisch, und den übrigen Berg bedeckten Stöcke mit kleineren Trauben, von denen der edle Wein kommt. Rief man auf der Höhe des Weinbergs, so kam ein geschwätziges Echo von den Türmen der Stadt zurück. Eine Thür führte dort auf das weite goldene Kornfeld, das den breiten Rücken des Hügels bedeckte und das man auf einem schmalen Grasrain durchschritt dem Birnbaum zu, der oben die Grenze der Felder bezeichnete, die dem Wirt zum goldenen Löwen gehörten. Man wußte nicht, wer jenen Baum gepflanzt. Er war weit und breit in der Gegend zu sehen, seine Früchte waren berühmt; in seinem Schatten freuten sich die Schnitter des Mahles und rasteten die Hirten mit ihrer Herde. Bänke von hohem Rasen und Stein umgaben seinen Stamm. Zwei der lieblichsten und rührendsten Szenen des Gedichts spielen unter diesem Baum und man kann von ihm wohl rühmen, was Cicero von der berühmten Platane des Plato, die am Anfang des Phädrus vorkommt, preisend sagt, daß sie mehr durch die Darstellung des Philosophen als durch den Quell an ihrem Fuße so gediehen. Verfolgte man von dem Baume den Pfad weiter, so erblickte man bald den Turm eines Dorfes und sah die Häuser und umgebenden Gärten in geringer Entfernung. Dort lag ein weiter, grüner, rasenbedeckter Anger, den uralte Linden beschatteten, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. Unter den Bäumen befand sich ein flachgegrabener Brunnen, zu dem man auf Stufen hinabstieg; eine Mauer faßte den immer lebendigen Quell ein und steinerne Bänke zum Ruhen umgaben ihn. Das Wasser stand in hohem Rufe: