Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.

Auch an diesem Brunnen unter diesen Bäumen geht eine der herrlichsten Szenen vor, die Begegnung beider Liebenden, ihr Gespräch und gemeinsames Schöpfen. Ueber die Bedeutung der Linden vor den Dörfern, in deren Schatten sich die Gerichtsstätte der Gemeinde befand, vergleiche man Jakob Grimms deutsche Rechtsaltertümer, wo zwei interessante Stellen aus Hans Sachs angeführt sind. Auch außer der Weihe zur Gemeindestätte ist die Linde auf dem Anger, die Quelle unter der Linde ein altnationaler, ländlicher Lustort und durch die Poesie so verbreitet wie die Platane bei den antiken Dichtern. So heißt es im Parzival:

dâ vor stuont ein linde breit
ûf einem grüenen anger

und an einer andern Stelle:

dâ vermûret und geleitet was
durch den schaten ein linde.

Auch in Tristan und Isolt weiß der Dichter das einsame Paradies, in welches er die Liebenden versetzt, nicht besser zu schmücken als durch einen Anger, drei Linden und in ihrem Schatten eine Quelle:

und einhalp was ein planje,
dâ vlôz ein funtanje,
ein vrischer küeler brunne
durchlûter als diu sunne;
dâ stuonden ouch drî linden obe
schône unde ze lobelîchem lobe,
die schermeten den brunnen
vor regene unde vor sunnen.

Diese ganze Lokalität ist nicht etwa abgesondert geschildert, nicht ein vorausgeschicktes Gemälde, welches abstrakt, d. h. außer dem lebendigen Zusammenhang mit dem Treiben und den Empfindungen der Menschen vor uns aufgestellt würde, sondern alle Züge sind unbefangen in die Erzählung verwebt, einer nach dem andern tritt in der Entfaltung der Fabel von selbst mit ein, trägt diese und wird von ihr getragen und atmet in demselben heitern Element anschaulicher Gegenwart.

An die Oertlichkeit schließt sich die Jahreszeit, das Wetter, der Himmel. Ein halber Tag genügt dem Gedicht: die am Mittag beginnende Handlung ist am Abend vollendet. Wir befinden uns im Hochsommer, glühend brennt die Sonne, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Unter dem Thorweg des Hauses ist zwar Schatten, aber die Fliegen umsummen die Gläser und, wer behaglich ruhen und trinken will, zieht sich in die inneren Räume zurück, wo die stärkeren Mauern die warme Luft abwehren. Hermann, der ins nahe Dorf eine Fahrt gemacht, läßt die Pferde im Schatten der Bäume halten, und wie sie nach Hause eilen, quillt der Staub wirbelnd unter ihren Hufen. Schon wankt das Korn schwer und golden, die Ernte ist für den nächsten Tag bevorstehend. Nach dem heißen Tage steigt am Abend der klare Vollmond am Himmel auf, mit ihm ein schweres Gewitter. Die Sonne hatte beim Untergehen mit getürmten Wolken gekämpft und bald hier bald dort hervorbrechend eine kurze glühende Beleuchtung über die Gegend geworfen: später, als es völlig Nacht geworden, blickte der Mond mit schwankenden Lichtern durchs Laub, bis ihn die schwarzen Wetterwolken gänzlich umhüllten. Die Nacht bedeckt sich immer breiter mit sinkenden Wolken, der Sturm saust, der Donner grollt und Regengüsse schlagen herab. Auch dieser einfache Witterungsverlauf verwebt sich untrennbar mit dem Thun und Fühlen der geschilderten Menschenwelt; zu rechter Zeit mit kurzen Zügen angedeutet, hebt er anschaulich und ausdrucksvoll deren Momente. Wie herrlich begleitet die Mondnacht und das Gewitter Hermanns und Dorotheas Heimgang durch das Kornfeld und den Weinberg, ihr Ruhen unter dem Birnbaum, ihr schüchtern vertrautes Gespräch und die Umarmung auf den Stufen! Und die letzte Szene im Hause, wo wir der Vollendung des reinsten Liebes- und Familienglücks beiwohnen, wie rührend wird sie gehoben durch das draußen stürmende Unwetter und den Regen, der durch die finstre Nacht niederströmt! Auch daß der Dichter gerade den Sommer wählte, ist der glückliche Griff des Genies. Der Hochsommer ist die Zeit, wo das nordische Leben für einige Wochen an dem Himmel Ioniens teilnimmt, wo die Geschäfte und Zusammenkünfte der Menschen in die freie Natur treten, wo die unförmlichen Hüllen fallen, die farbigen Trachten sich hervorwagen und unter Bäumen, auf Wegen und in Gärten Gestalten und Szenen sich bilden. In dem ganzen Gedicht waltet eine sommerliche, lichtvolle Phantasie, gerade wie umgekehrt auf dem ganzen Hamlet die Nebel Skandinaviens liegen.