Gang der Fabel.

Wie die Grammatiker die Geschichte des Herodot nach der Zahl der Musen in neun Bücher teilten, wie manche, z. B. Krates von Mallos, auch den Homer nach neun Gesängen ordneten, so hat auch Goethe sein kleines Epos in neun Gesänge zerlegt und jeden nach einer Muse benannt. Er ließ die Musen abwechselnd singen mit schöner Stimme von der Götter Herrlichkeit und den Schmerzen der Endlichkeit:

ἀμειβόμεναι ὀπί καλῇ
ὑμνεῦσίν ῥα θεῶν δῶρ' ἄμβροτα ἠδ' ἀνθρώπων
τλημοσύνας.

Und ganz wie die Grammatiker jedem Gesange des Homer eine Ueberschrift gegeben hatten, die dessen Inhalt andeuten sollte, z. B. τὰ ἐν Πύλῳ, νέκυια, μνεστηροφονία, ὄνειρος, so überschrieb auch Goethe jeden Gesang mit einem ganz allgemein gehaltenen Titel, z. B. Schicksal und Anteil, die Weltbürger, das Zeitalter u. s. w. Alles dies fand man unbescheiden (so z. B. der Rezensent in der Bibliothek der schönen Wissenschaften) zumal im Hinblick auf jenes Epigramm, welches erzählt, daß Herodot die Musen bewirtet und von jeder eines seiner Bücher zum Zeichen der Dankbarkeit erhalten habe. Allein wenn Goethe es in den Gedichten dieser Zeit liebte, den Musen seinen Gesang zu weihen, so hat dieser fromme Dienst keinen andern Sinn, als daß der bescheidene Dichter still zurücktritt und den Gesang sich selbst durch seinen eigenen innewohnenden Trieb, eben durch die Huld der Musen Gestalt und Gesetze geben läßt. Der Rhapsode, sagt Goethe selbst, sollte als ein höheres Wesen in seinem Gedichte nicht selbst erscheinen; er läse hinter einem Vorhange am allerbesten, so daß man von aller Persönlichkeit abstrahierte und nur die Stimme der Musen im allgemeinen zu hören glaubte. Die Abteilung in Gesänge wird übrigens wie die des Dramas in Akte durch das Gesetz des pulsierenden Rhythmus, des Wechsels von Spannung und Ruhe erfordert: jeder Gesang umschließt mehr oder minder ein eigentümliches Bild und der Sänger benutzt jene momentane Unterbrechung, die Phantasie auf einen neuen Schauplatz zu versetzen oder den Sprung zu einer eintretenden weiteren Entwicklung der erzählten Begebenheiten zu erleichtern.

Der Dichter versetzt uns, was auch die Alten vom Homer rühmten, ohne Vorrede mitten in die Dinge. Das alte Ehepaar sitzt unter dem Thorweg des Hauses in behaglicher Ruhe und des Vaters abgerissen hingeworfene Bemerkungen, zwischen denen Pausen zu denken sind, lehren uns sogleich, wo wir sind und was heute vorgeht. Die Kriegsnot hat eine Menge Menschen von jenseit des Rheines zur Flucht genötigt, sie ziehen in einiger Entfernung von der Stadt vorbei, alle Einwohner sind trotz dem heißen Mittag hinausgewandert, den Zug zu sehen, und auch Hermann, der Sohn, ist in der neuen Kutsche hingefahren, um die Notleidenden zu erquicken. Allmählich kommen die Neugierigen zurück, die Straßen füllen sich, der reiche Kaufmann von drüben kommt an sein neues Haus gefahren, auch der Pfarrer und der Apotheker sind wieder da und gesellen sich grüßend zu den beiden Sitzenden. Einige allgemeine Betrachtungen, die die beiden hinzugekommenen Hausfreunde über das heutige Ereignis in verschiedenem Sinne anstellen, unterbricht die ungeduldige Hausfrau mit der Frage nach dem, was sie denn gesehen. Der Apotheker, schnell das Wort ergreifend, gibt darauf eine lebendige Schilderung des verworrenen Zuges der Flüchtigen, der ordnungslos unter Unfällen und Bildern mannigfachen Elends dem Dorfe zuging. Dieser Bericht rührt den menschlichen Hauswirt, aber in seiner behaglichen Art will er die Gedanken davon abwenden und lädt die Freunde zu einem erfrischenden Glase Wein in den kühleren Saal. Dort sitzen die drei Männer um den großen braunen Tisch und fröhliche Hoffnung belebt den Wirt. Dies Städtchen, ruft er aus, dessen Wohlstand seit dem großen Brande so sichtlich gedeiht, Gott wird es nicht von neuem untergehen lassen. Ja, fährt er nach einer bestätigenden Zwischenrede des Pfarrers fort, der mächtige Rheinstrom wird uns wie Wall und Graben schützen; die Streiter sind müde, alles deutet auf Frieden. Und wenn dann das Friedensfest gefeiert wird und in der Kirche Orgel, Glocke und Trompete das Tedeum begleiten, wenn doch dann dies hohe Landesfest für mich auch ein häusliches Fest würde und mein Hermann mit der Braut vor den Altar träte. Aber ich fürchte, das wird nicht so sein, denn so thätig zu Hause, so schüchtern ist er nach außen, zeigt sich nicht unter den Leuten und flieht den Tanz und die Gesellschaft junger Mädchen. Indem er so sagte, rollte Hermanns Wagen donnernd unter den Thorweg.

Damit schließt der erste Gesang. Er enthält die Exposition in unmittelbar frischem Gemälde; noch kein Hindernis, kein Knoten, aber deutlich ist die eigentümliche Welt des Gedichts vor uns ausgebreitet, in der wir schon heimisch sind: die Bürgersitten, die Lage des Städtchens, Ort, Tageszeit, die Familie, das Ereignis des Tages, das bald das individuellere unseres Gedichts zur Folge haben wird; auch die Charaktere sind angedeutet; in dem Wunsche des Vaters und seiner Schilderung des Sohnes liegt die kommende Handlung; Aussicht auf fröhliche Entwicklung ist in dem ganzen heiter epischen Tone schon im voraus gegeben. Der Dichter versetzte uns nicht selbst in das Gedränge der Flüchtigen, welches Schauspiel uns zu mächtig in Anspruch genommen hätte; wir sollten vor allen Dingen mit dem behaglichen Bürgerhause und dessen Gliedern vertraut werden und, nachdem auf die Familie hinreichendes Licht gefallen, werden wir später an der Hand des Dichters den hohen Standpunkt ersteigen, wo wir das politische Wetter drohend am Himmel sehen.

Der zweite Gesang führt uns die Personen schon näher, und indem dies geschieht, schürzt sich der Knoten zusehends. Hermann tritt ins Zimmer und des Pfarrers kundiger Blick erkennt an seinem ganzen Wesen eine Veränderung: der Jüngling ist munterer und heiterer. Dies bestätigt unsre Ahnung von etwas Geschehenem, das bald in ruhigem epischem Fortgang sich vor uns aufthun wird. Hermann erzählt, wie er mit seinem Wagen etwas zu spät gekommen und den Zug schon vorüber gefunden; nur ein Wagen mit Ochsen bespannt war zurückgeblieben, den ein Mädchen, zu Fuße schreitend, mit langem Stabe lenkte. Das Mädchen sprach den Jüngling um eine Gabe für die auf dem Wagen im Stroh liegende bleiche Wöchnerin an, und da Hermann gerade deshalb gesandt worden, gibt er rasch und freudig das mitgebrachte wollene und leinene Zeug her. Wie das Mädchen weiter ins Dorf ziehen will, hat Hermann schnell so viel Vertrauen zu ihr gefaßt, daß er ihr auch alle Lebensmittel, die er im Wagen liegen hat, mitgibt mit dem Auftrag, alles im Dorfe unter die Notleidenden zu verteilen. Das Mädchen verspricht dies und beide scheiden. Nachdem Hermann so berichtet, spricht der Apotheker den Gedanken aus, wie doch derjenige glücklich sei, der in so schweren Zeiten nicht für Weib und Kind zu sorgen hat. Diese so einfache, sich von selbst ergebende und mit dem besondern Charakter des Sprechenden übereinstimmende Wendung leitet in unaufhaltsamem Fortschritt die Verwicklung ein. Hermann nämlich tadelt die Gesinnung des Nachbars und erklärt gerade heute lieber als je sich zur Heirat entschließen zu wollen. Beide Eltern stimmen freudig ein und die Mutter erzählt ausführlich, wie auch sie einst unter furchtbarer Not unmittelbar nach dem großen Brande ihre Ehe geschlossen, und lobt Hermann wegen seines Vertrauens, im Krieg und unter Trümmern freien zu wollen. Da fällt aber der Vater lebhaft ein und meint: Besser ist besser. Hermann soll kein unbegütertes Mädchen in ein leeres Haus, in drückende, armselige Verhältnisse führen; es soll die Wirtschaft reichlich besorgt und das häusliche Behagen durch gute Mitgift gleich anfangs verbürgt sein. Ja, Hermann, fügt er hinzu, du würdest mein Alter hoch erfreuen, wenn du mir aus jenem grünen Kaufmannshause dort drüben eine Schwiegertochter brächtest; der Mann ist reich, von seinen drei Töchtern solltest du eine wählen. Hermann erwidert, dies sei auch seine Absicht gewesen, aber die Mädchen seien eitel und lieblos, und dabei erzählt er einen Vorfall, wo sie singend und beim Klaviere sitzend sich über ihn lustig gemacht. Während die Mutter Hermanns Urteil über die Mädchen zu mildern sucht, fährt der Vater zornig auf und wirft ihm Beschränktheit und Mangel an Ehrgefühl vor. Da der Sohn sich schweigend der Thür naht, ruft der Vater immer mehr entrüstet: Denke nicht, mir je eine Bäuerin als Schwiegertochter ins Haus zu bringen; ich verlange von ihr, sie soll sich gefällig zu benehmen wissen, Erziehung haben und meinem Hause zur Ehre gereichen. Da verließ Hermann schweigend das Zimmer.

Meisterhaft dient dieser Gesang dazu die Charaktere in den Wechselreden zu entfalten und in ihrer Verschiedenheit das Hindernis zu begründen, das die beginnende Handlung zugleich aufhält und forttreibt. Vater und Sohn empfinden verschieden im Punkt der Wahl eines Mädchens: der Boden eines Konflikts ist gelegt; wir ahnen, daß Hermann im Herzen schon die Geliebte trägt, daß ihr Stand mit den Wünschen des heftigen Vaters nicht übereinstimmt; wie von selbst fallen unsre Gedanken auf jenes Mädchen, von dem Hermann eben erzählt hat; er, der in der Wirtschaft Erfahrene, konnte das Mädchen und alles, was sie sorgend that, gewiß rasch beurteilen. Vielleicht wären ihm die Gefühle, die ihr Anblick, ihr Gespräch in ihm erregt, nicht einmal deutlich zum Bewußtsein gekommen oder er hätte sie still und ängstlich verborgen, wenn nicht die einfache Bemerkung des Apothekers und das daran sich knüpfende Gespräch seinen inneren Zustand rasch zur Reife gebracht und die Verhältnisse in scharfer Beleuchtung gezeichnet hätte. Hier ist keine Wendung, kein Glied in der Kette wegzudenken. Man kann die Erzählung der Mutter von dem Brande und ihrer an dies Unglück sich knüpfenden Heirat als eine Episode betrachten, damit auch dies epische Erfordernis hier nicht fehle; in der That führt die ganze Stelle von dem Boden der gegenwärtigen Situation ab und gewährt ein kleines, überaus liebliches und wahres Bild für sich; dennoch aber ist sie in dem Fortgang des Gespräches wesentlich und steht in der nächsten inneren Beziehung zur Gegenwart. Die in diesem und dem ersten Gesange geschilderten Szenen der Flucht und Verwirrung erinnern übrigens an manches, was der Dichter selbst in der Champagne erlebte und in seinem Tagebuche, der Campagne in Frankreich, uns erzählt hat, so namentlich das Umstürzen des großen schwerbepackten Wagens und die von dem unbekannten Mädchen der bleichen Wöchnerin geleistete Hilfe.

Der dritte Gesang enthält noch keine weitere faktische Fortführung. Wir hören den fortgehenden Reden zu, die dazu dienen, die Charaktere und Gesinnungen zu entwickeln und den in ihnen liegenden Gegensatz sowie die mögliche Ausgleichung nach allen Seiten zu beleuchten. Nach dem harten Anstoß und der bewegten Leidenschaft des vorigen Gesanges beruhigt sich in diesem die Stimmung; gegenseitiges Gespräch mildert die Aufregung des Vaters sowie die Furcht des Hörers. Die Mutter, nachdem sie den Vater wegen seines harten Benehmens gescholten, eilt dem Sohne nach, um ihn zu begütigen.

Am Anfang des vierten Gesanges begleiten wir die suchende Mutter auf ihrem Wege. Hier wird nun die Gegend geschildert, Garten, Weinberg, Feld, Birnbaum, immer aber in unbefangener Verknüpfung mit der Wanderung der besorgten, sich nach ihrem Sohne umsehenden Mutter. Naturbild und Muttersorge tritt als eins und unabgesondert in unsre Empfindung ein. Die Naturschilderung ist nicht die modern-sentimentale, nicht die Gemütsschwelgerei Werthers, was mit dem Tone des ganzen Gedichts gestritten hätte, sie ist auch nicht die des abstrakten Kenners der Landschaft, sondern sie bleibt auf dem Standpunkt des unverdorbenen menschlichen Gefühls, das sich zwar der Natur freut, aber diese Freude noch gar nicht von dem Wohlsein, dem Nutzen und der Fruchtbarkeit abtrennt. Der Weinberg ist schön, aber besonders deshalb, weil er so herrliche Trauben trägt. Um den Birnbaum schwebt die Poesie des Alters, die Poesie ferner Landschaft, die vor dem unter ihm rastenden Wanderer ausgebreitet liegt, aber nicht minder dient zu seiner Verherrlichung, daß er so schmackhafte Früchte trägt und dem Hirten wie dem Schnitter in der heißen Mittagsstunde willkommenen Schatten gewährt. Einen bloß malerischen Baum mit schöner Aussicht zu schätzen läge ganz außer der Empfindungssphäre unsres Gedichts. Die Darstellung schwebt vielmehr in jener Mitte, wo der Gegensatz des rein prosaischen Nutzens und der unwahren weichherzigen Natursentimentalität noch gar nicht hervorgebrochen ist; sie erhält sich in jener primitiven, wiederum homerischen Einheit, wo die Schönheit der Natur und die Natur als Sphäre des Ackerbauers, Gärtners, Jägers, Fischers, Schiffers u. s. w. zu einem Gesamteindruck zusammenfließen und ein Gesamtgefühl bilden. Landschaft und Wetter, Sonne, Pflanzen, Wiesen und Berge, alles wird hier mit dem Auge des schaffenden Arbeiters, des besitzenden Bürgers, des einsammelnden, von der Erde sich nährenden Ansiedlers betrachtet; die Natur wird geliebt als Bodenkultur, als αἶα βιόδωρος in Sophokles' Philoktet. Zugleich erhalten wir das Bild der geschäftigen Hausfrau, die keinen Schritt vergeblich thut, sich in ihrem Gebiete und Besitze fühlt und in diesem Gefühl ihr kleines, durch Fleiß erworbenes Königreich durchwandert. Der Spur des Sohnes immer weiter folgend, finden wir ihn endlich abgewandt unter dem Birnbaum sitzend. Er hat Thränen im Auge, indem die Mutter ihn überrascht. In dem nun folgenden Gespräch tritt uns die Hauptperson, Hermann, nahe ans Herz. Wie durch Zauber thut sich sein Sein und Wesen vor uns auf, wir hören seine Geständnisse und die echt menschliche Wahrheit seiner Worte und Entschließungen gewinnt ihm unsre Teilnahme und Rührung. Obgleich ganz episch in langen weitausholenden Reden sich fortbewegend, enthält die ganze Szene doch mit meisterhafter Entwicklung den Verlauf innerer Gemütsbewegungen, die sich unter Thränen in der Einsamkeit erst verbergen, dann halb sich verraten, dann endlich hervorbrechen und zum Entschlusse, zur That werden, den Prozeß zwischen der leidenschaftlichen Seelenerregung des Sohnes und Jünglings, die sich endlich in die Brust der Mutter ergießt, und der erst betroffenen, dann mit liebevoller Besorgnis forschenden, endlich nach erfolgtem Geständnis beratenden mütterlichen Helferin. Zu der Wahrheit, mit der dieser stufenweise fortgehende Prozeß fortgeführt ist, zu der Sicherheit, mit der sich das Verhältnis von Mutter und Sohn nach den in ihm liegenden Momenten darlegt, kommt noch der Reichtum dieses Verhältnisses selbst, der Reichtum an sittlich-menschlichen Motiven, den der Augenblick bei aller Einfachheit in sich trägt. Ein Sohn, den eine unglückliche Liebe in seinem Innern schmerzvoll zerreißt, eine weinende Mutter, die sich voll Muttermitleid forschend und ratend über ihn niederbeugt — diese Szene ist an sich rührend und heilig. Sie ist heilig, wie es die Madonnenbilder Rafaels sind, auf denen gleichfalls durch Darstellung der Mutter mit dem Kinde der reinste menschliche Inhalt uns vor Augen gestellt wird. Und diese menschlich rührende Szene ist in eine Oertlichkeit verlegt, die sie mit allem poetischen Zauber umgibt: es ist der Rasensitz unter jenem Birnbaum, von wo der sehnsüchtig kummervolle Blick nach der Gegend hinreicht, in der die Geliebte weilt.