Diese Einfalt und Schlichtheit der Rede hat aber nicht den Sinn, als sei sie dem Gegenstande nicht gewachsen. Im Gegenteil: mit den geringsten Mitteln erreicht der Dichter die tiefste Wirkung. Die Wahrheit ist es, wodurch er wie durch Zauber die Phantasie weckt und das Gemüt rührt. Kein falsches Wort drängt sich zwischen den Gegenstand und die Anschauung, kein ungehöriger Ton trübt die durchsichtige Klarheit, die uns bis ins innerste Herz der Dichtung blicken läßt. Alles bloß Rhetorische, alle künstlichen Blumen, Tropen und Metaphern sind hier ausgeschlossen. Ein Pöbelgeschmack, der grelle Farben liebt, eine durch Gewürz abgestumpfte Zunge, ein kindisches Urteil, das sich durch blitzende Glasperlen bestechen läßt, kann an dieser einfach-wahren Rede kein Gefallen finden, die so schmiegsam dem jedesmaligen Gegenstande sich anschließt, die Empfindung in ihren innersten Tönen voll und leise hervorströmt und überall den gediegenen Gehalt des Gedankens ohne Abzug und Zusatz auf ganz antik naive Weise ausprägt. Je prunkloser und ruhiger sie ist, desto mehr hat es der Dichter in der Gewalt durch vermehrte Wärme, erhöhte Farbe und beschleunigte Bewegung die Wirkung an passenden Punkten ins Unendliche zu steigern. Solche Stellen sind die Blumen unter den Blättern im Kranz:

Gib auch Blätter, den Glanz der blendenden Blumen zu mildern;
Auch das Leben verlangt ruhige Blätter im Kranz.

So ist zwar zur Schilderung von Hermanns Liebe nicht viel Aufwand von Worten gemacht, dennoch kommen glühendere Stellen wie folgende vor, wo nun die Wirkung um so tiefer ist:

Ich will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich
Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. —
Und süßes Verlangen ergriff sie. —
Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder
Innen und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.

Wenn der keusche Dichter einmal ein Bild braucht, so übt es gewiß durch beglückende Wahrheit eine ergreifende Macht auf unsre Phantasie. Ein geringerer Dichter hätte sich z. B. die Gelegenheit nicht nehmen lassen das Gewitter, das die Liebenden überfällt, mit Pomp zu schildern: Hier finden wir nur wenige Striche, die aber eine zauberische Wirkung üben. Sie gingen, heißt es, der sinkenden Sonne entgegen, die sich gewitterdrohend in Wolken hüllte und aus dem Schleier bald hier bald dort eine ahnungsvolle Beleuchtung strahlte. Diese Worte malen aufs glücklichste den Zustand des Himmels und der Erde in dem Moment, wo Gewitterwolken die Sonne zu verhüllen drohen. Die Streiflichter fallen dann glühend auf das Feld, über den Wald, sind zerstreut und vorübergehend, erscheinen hie und da, werden abwechselnd vom Wolkendunkel verschlungen und überfliegen die Gegend, wie eine plötzlich erhellende Ahnung den Geist überfliegt, der dann wieder in bewußtloses Dunkel versinkt. Indem Hermann und Dorothea unter den Birnbaum gelangt sind, ist es schon Nacht; nur der Vollmond steht am Himmel. Vor ihnen, sagt der Dichter, lagen in Massen gegen einander Lichter hell wie der Tag und Schatten dunkler Nächte. Das Eigentümliche des Mondlichtes die Welt in große Massen abzusondern ist hier so wahr und einfach angegeben, daß die dadurch erregte Phantasie das Ganze des Bildes leicht vollzieht. Auch in Schillers Erwartung heißt es:

Der Mond erhebt sein strahlend Angesicht,
Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen.

Wie glücklich ist das Gefühl der Wolkennacht in dem Verse ausgedrückt:

Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken.

Oder das Gefühl des Ackerbaus, der über fruchtbare Ebenen seinen Segen erstreckt:

Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich aufthut.