Lange hab' ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,
Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden
Von mir weggehn; ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.
Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich
Wieder begegnen und so mir die viele Mühe versüßen. —
Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,
Freund sich los von Freund; so löst sich Liebe von Liebe. —
Heilig sei dir der Tag, doch schätze das Leben nicht höher
Als ein anderes Gut; und alle Güter sind trüglich.
So heißt es im Reineke Fuchs:
So scheut das böse Gewissen
Licht und Tag; es scheute der Fuchs die versammelten Herren,
was prosaisch wäre: der Fuchs scheute die Versammlung, wie das böse Gewissen Licht und Tag zu scheuen pflegt.
Ueberhaupt könnte Hermann und Dorothea gerade im Punkt des Periodenbaus zu einer reichen Quelle der Belehrung werden. Die Rede fließt so verbindungslos und dennoch in so ununterbrochenem Zusammenhang, sie bewegt sich bei dem freisten Gang so voll Numerus, die Glieder, die sich logisch auf einander beziehen, sind oft so weit von einander, ohne jemals die volle Klarheit dieser Beziehung einzubüßen; das epische Prinzip der Episodik durchdringt so sehr jedes einzelne, daß man auch hierin an Homer und die bei diesem Dichter herrschende Einheit von Kunst und kindlicher Einfalt erinnert wird. Jakob Grimm bemerkt in seiner Grammatik, es finde sich nach epischer Weise in Hermann und Dorothea kein einziges Präsens historicum, während in Vossens Luise am Anfang des dritten Gesangs aus der Erzählung gewichen wird und Wielands Oberon nach romanischer Weise solche Präsentia im Ueberfluß hat.
Bei aller Wahrheit und Natürlichkeit unterscheidet sich die poetische Sprache in unserm Gedicht dennoch von der prosaischen des gemeinen Lebens. Der Dichter erreicht diese Idealität, indem er scheinbar den Boden der alltäglichen Rede gar nicht verläßt, ja indem er auf demselben ganz bequemlich sich niederläßt. Die Nachlässigkeiten der mündlichen Rede erhebt er zu poetischen Freiheiten: dies zeigt sich sogleich an der Wortstellung. Diese ist überall die ganz natürliche des täglichen Redens und nirgends gehindert, verschoben und gezwungen wie so oft bei Voß und Klopstock; im Sprechen aber lassen wir ein Wort, das uns erst im Lauf der Rede eingefallen ist, nachfolgen, während es eigentlich schon hätte vorangehen müssen. Dies wendet nun der Dichter als poetische Kühnheit an, z. B.
Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes
oder:
Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.
So ist an unzähligen Stellen des Gedichts der Genetiv von dem regierenden Substantiv getrennt. Eben dahin gehört die so häufig vorkommende Nachsetzung des Adjektivs mit dem Artikel, die gleichfalls nur der poetischen Sprache angehört und dennoch aus der Rede des gemeinen Lebens entspringt, wo wir das vergessene Adjektiv gleichsam erklärend nachholen: