Goethe verdankte die Schönheit seines Hexameters, die in Deutschland, wo die Schule und das Handwerk immer mächtig war, geringe kritische Anerkennung fand, bloß dem Ohr und dem richtigen Gefühl, denn die Theorie desselben war ihm fremd. Er ging, wie einst wegen des Jambus zu Moritz, so zu Voß in die Schule und hätte von diesem bei minder glücklichem Instinkt viel böse Angewöhnungen annehmen können. Hin und wieder erscheinen in dem Gedicht vossische Kunstgriffe, die wir indessen gerade zu den metrischen Fehlern zählen. Wenn es heißt:
Tretet herein in den heiteren Raum, in das kühlere Sälchen,
so ist das Diminutiv 'Sälchen' für 'Saal' ein ganz vossischer Notbehelf, zwei Silben zu erzwingen, wo der Sinn sich mit einer begnügt hätte. Auch der bald darauf gebrauchte pretiöse Genetiv:
Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,
der unnütz hinzugefügte Spondeus 'sorgsam', denn die Sorgsamkeit bildet hier gar keinen wesentlichen Zug, sowie die ganze folgende zu niederländische Schilderung der geschliffenen Flasche, der grünlichen Gläser u. s. w. ist eine nicht angenehm auffallende Nachahmung des Dichters der Luise. Einigemal begegnen auch Vossens beliebte schleifende Spondeen: auf halbwahren Worten ertappt, selbst hinging nach Paris, daß unwillig sie flieht, vom scheu-unsicheren Blicke, die hochherzig ein Mädchen vollbrachte u. s. w., und es könnte wohl sein, daß der Dichter manche Stellen der Art als besondern metrischen Schmuck hineinkorrigierte, als er die letzten Gesänge des Gedichts noch einmal mit Humboldt genau durchging und dessen prosodische Bemerkungen benutzte, worüber er an Schiller berichtet.
Der mit Geschrei und Jubel dem Dichter vorgehaltene siebenfüßige Hexameter:
Ungerecht bleiben die Männer und die Zeiten der Liebe vergehen
scheint uns ein Schreibfehler, der durch Weglassung des 'und' leicht zu verbessern ist, wenn nicht vielmehr die Zäsur bei 'Männer' das Ohr des Dichters täuschte; denn eben die Zäsur und Pause hebt mit Leichtigkeit über die ganz flüchtigen drei Silben weg. In der neuesten Quartausgabe von Goethes Werken finden wir das 'und' getilgt. Riemer erzählt: Ich hatte Goethen bereits aufmerksam darauf gemacht; weil aber der Vers, ohne sein proverbialisches Ansehen zu verlieren und eine gewisse grata negligentia einzubüßen, nicht wohl zu ändern war, ich mich auch erinnerte, daß Friedrich August Wolf einmal, von diesem Verse sprechend, ihn nicht nur entschuldigt, sondern auch durch homerische Beispiele erläutert habe, so ließen wir ihn stehen oder hingehen. Nun machte später auch Heinrich Voß, der Sohn, auf ihn aufmerksam und Goethe soll, wie jener erzählt, gesagt haben, die siebenfüßige Bestie möge als Wahrzeichen stehen bleiben.