Die Notwendigkeit des Schicksals kann doppelt zur Darstellung gebracht werden. Der Dichter stellt entweder die Begebnisse hin und erklärt ihren Gang nicht durch das Mithandeln ewiger Göttermächte. Dennoch muß durch das Ganze sich die Empfindung durchdrängen, daß es sich nicht um das bloß Zufällige handelt, sondern die Geschicke in sich selbst begründet sind, ohne daß die dunkle Macht deshalb hervortritt, bestimmt individualisiert und in ihrer Thätigkeit poetisch vorgestellt wird. Hierher gehört das Nibelungenlied. Oder es erscheint eine vielgestaltige Götterwelt, welche eingreift. Zwischen Göttern und Menschen ist wechselseitige Selbständigkeit nötig. Die ersteren dürfen nicht leblose Abstraktionen, die Menschen nicht bloß willenlose Werkzeuge sein. Im Christentum haben die Engel und Genien zu wenig Körper. In Bezug auf die Götterwelt besonders ist der Unterschied künstlicher und ursprünglicher Epen wichtig: so bei Virgil und Homer. Die Anschauungsweise des Dichters und der dargestellten Welt bei Virgil ist nicht im Einklang: die Götter sind bloße Erdichtungen, künstliche Mittel, mit denen es nicht Ernst ist. Bei Homer schweben die Götter in dem magischen Licht zwischen Dichtung und Wahrheit: der Glaube an sie ist der Glaube an den substanziellen Gehalt, den sie repräsentieren. Gemacht sind auch Milton, Bodmer, Klopstock, Voltaire; überall Zwiespalt des Inhalts und der Reflexion des Dichters. Bei Klopstock spukt Wolffsche Metaphysik. Gottvater und die himmlischen Heerscharen sind gar nicht zur Individualisierung gemacht, wie die homerischen Götter. Klopstocks Welt ist bodenlos, seine Engel und Teufel leere Einbildung, Abbadonna, der bekehrte Teufel, eine absurde Inkonsequenz des Lasters, des personifizierten Lasters. Klopstock gefällt sich in unrealen Personen und Dingen, die nicht aus der wirklichen Welt und deren poetischem Gehalt herausgegriffen sind. Moralische Weltrichterschaft geht auf Allgemeines, während Dante bestimmte Personen verurteilt. Die Reden der Erzväter und biblischen Figuren stimmen schlecht mit der geschichtlichen Gestalt zusammen, in der wir sie kennen. Der historische Fond ist hier verflüchtigt, im ganzen Gedicht viel Hohles, Abstrakt-Verständiges und zum absichtlichen Gebrauch Herbeigeholtes.
Das Epos muß Einheit und Rundung haben. Dadurch ist es ein Werk der freien Kunst, während die Wirklichkeit sich zerstreut, in einem endlosen Verlauf von Ursachen, Wirkungen und Folgen sich fortzieht.
Das Epos blüht nur in Zeiten ruhigen Behagens, es stirbt in Zeiten drangvoller Arbeit, rapider Entwicklung. Mit der fortschreitenden Kultur ist zugleich Entzweiung gegeben, darum ist das Epos nicht die Kunstform zivilisierter Zeitalter.
Das Epos floß aus Volksgesängen zusammen. Sobald eine größere Menge derselben gegeben, aufgeschrieben und gesammelt war, so kam von selbst die Aufforderung sie untereinander zu verbinden. Eine Zusammensetzung dieser Art fließt aus dem bestimmten Gedanken, um den sich die Teile fest verbinden, den sie halb dem epischen Dichter an die Hand geben, den dieser zur andern Hälfte selbst ausbildet. Diese Einheit, die man lächerlicherweise als einen Beweis gegen die volksmäßige Entstehung der großen Epen hat geltend machen wollen, ist die Grundbedingung jedes größeren in ein Ganzes geschlossenen Volksepos.
Die epische Betrachtungsweise des Lebens ist gleich der antiken, der griechischen. Konzentration in allem Dichten und Treiben, Liebe des Ortes und Vaterlandes, Lebenslust, frohes Ergreifen der nahen Gegenwart, Einheitsliebe, Umfriedigung, Geschlossenheit, das Unendliche überall als eins und sich verwirklichend in dem Einzelnen und Endlichen und Individuellen. Bei den Neueren und den nordischen Völkern herrscht phantastische Ausschweifung, die Flucht in die Ferne, in das Endlose und in die jenseitige Zukunft. Die Tempel der Griechen sind in der schönsten Harmonie des Inneren und Aeußeren, mit einem Blick überschaubar; jeder gotische Dom ist mit riesenhafter Anlage begonnen, als ob er nie fertig werden sollte: theokratische Rundbogen, ritterliche Spitzbogen, industrielle Böden; ungeheure Türme, deren Einzelheiten dem Auge verschwinden, bei den Griechen Metopen und Skulpturen großartiger, um den Eindruck zu lassen, um alles einem Blick zu gewähren.
Das Epos ist weder komisch noch tragisch: es spaltete sich nicht in diese zwei Zweige wie das Drama. Denn indem das Epos erzählt, was war, indem es auf ein altertümliches Heroengeschlecht gerichtet ist, ist es vorherrschend ernst, ruhig, heiter; das Drama, die Gegenwart darstellend, ist teils tragisch teils komisch, wie die Begebenheiten der bürgerlichen Welt.
Das Epos und die naive Dichtung bleibt bei den geschilderten wirklichen Zuständen stehen, die sentimentale bezieht sich auf Ideen. Das Epos fällt in Zeiten, wo die Kraft der Phantasie lebendig ist, daß sie keiner Hilfe bedarf.«
Die feinsinnigsten Bemerkungen über epische Poesie, besonders über Homer und seine Zeit, die letzthin erschienen sind, finden sich in Hermann Grimms herrlichem Buche über die Ilias, dessen Fortsetzung jeder echte Freund der Poesie mit Sehnsucht erwartet.
Die Stelle Goethes an Schiller steht im Briefe vom 9. Dezember 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 360 Spemann).
S. [24]. Ueber Goethes Nausikaa (Werke Band 10, S. 97. 406 Weimarische Ausgabe) vgl. Scherer, Aufsätze über Goethe S. 177.