Hermann und Dorothea ist so wenig ein politisches Gedicht, daß es vielmehr in seiner innersten Substanz antipolitisch ist, daß es uns als ein unverdorbenes Vermächtnis aus jener stillen Zeit überliefert ist, die den Stürmen der politischen Epoche vorausging. Es ist aus der inneren Tiefe der deutschen Nationalität hervorgehoben, die überall nur die zweite Rolle spielen wird, wo die Aufgabe aus der Stille der Natur in den Kampf des Willens, aus der Familie in den Staat sich versetzt.

Karl Grün wendet Goethes Abkehr von der Politik positiv und will darthun, die Erringung abstrakter politischer Rechte sei Goethe zu wenig gewesen und er habe weiterblickend jenes ganze Streben als zu eng und leer verschmäht. Allein Goethe ruht nicht auf der überwundenen politischen Bewegung, nicht auf deren Konsequenzen, sondern auf der Zeit vor der Revolution, wo jene Bewegung noch gar nicht hervorgebrochen war. Der Kommunismus setzt die Tendenzen des Liberalismus als durchgeführt voraus; das System politischer Gleichheit, die gleiche Geltung abstrakter Persönlichkeit ist ihm nur nicht genug: er will jedem einzelnen auch gleiches Wohlsein, gleiche Möglichkeit humaner Bildung, wahrhaften Anteil an den materiellen und geistigen Gütern des Lebens verbürgen und den Individualismus in einem sozialen Organismus zugleich binden und befreien. Nun strebt zwar auch die deutsche Dichtung nach dem Besitz humaner Schönheit, aber ohne dem Leben die vorgefundene, durch Naturkräfte ihm gegebene Gestalt nehmen zu wollen. Im Gegenteil, die Idee der Natur ist es, die jenes ganze Geschlecht, an dessen Spitze Goethe steht, bei seinem Abfall wie bei seinem Schaffen leitet. Der Frieden der Natur, ihre stille Entwicklung, ihr Gewährenlassen wird das Vorbild auch im Menschenleben: Was die Pflanze willenlos ist, sei du es wollend, das ist's. Die Liebe wird wieder in ihr Recht eingesetzt, ebenso die dunkle mächtige Naturkraft des Genies, die Familie, die Tradition, die Sage, die Poesie. Der Mensch fühlt sich mitbegriffen in dem großen schaffenden All, ordnet sich ihm unter und wird in offener Hingabe, im Drang der Umstände und Bedingungen zum Gleichgewicht schöner Bildung getragen. Aller starren Satzungen, durch welche die Menschenwillkür der Natur entgegentritt, allem leblosen Dünkel des Verstandes, den abstrakt formalistischen Diktaten der Kirche entzieht sich das Subjekt durch Wiederherstellung lauteren Menschengefühls in sich. Alle Unruhe der kämpfenden Geschichte, jeder Anspruch, empörerisch Leben und Gesellschaft umzugestalten, wird von Goethe als dem Werden und Wachsen der Natur entgegengesetzt verabscheut. Die ausbrechenden politischen Stürme sind daher störend, sie drängen nach Goethes eigenem Ausdruck ruhige Bildung zurück. Der Sozialismus betrachtet nun zwar sein Objekt, den Menschen, auch nicht als abstraktes Rechtsindividuum, sondern als lebendiges Ganzes, dem in allen Bedürfnissen und in seiner vollen Bestimmung Rechnung getragen werden soll; er will ihn kein Opfer werden lassen weder der negativen Moralität noch den Scheinbildern religiöser Transscendenz; hier in dem Rhodos dieser reichen Gegenwart soll er genießen und sich bilden und der Fülle der Welt sich bemächtigen. Aber der Sozialismus will mit dem autonomischen Prinzip der Revolution eingreifen und gestalten und das Recht des Individuums auf allseitige Existenz in Vollzug setzen. Der Sozialismus verwirklicht ein philosophisches Ideal, er ist revolutionär und so dem naturphilosophischen Humanismus Goethes gerade entgegengesetzt. Goethe steht außer der Geschichte, der Kommunismus fußt auf ihr, indem er ihre bisherigen Resultate bekämpft. Goethe läßt bei seiner Humanisierung des Individuums den Staat außer Augen, der Kommunismus will gerade die leere Form des Staates erfüllen. Goethe ist unpolitisch, der Kommunismus ist ultrapolitisch. Und welche Verwandtschaft hätte die affirmierende Anerkennung des Privateigentums in Hermann und Dorothea, welches Gedicht Karl Grün auch weislich übergeht, mit den Tendenzen des Kommunismus? Gewiß finden wir gerade hier den echten Goethe reiner als in manchen Grillen der Wanderjahre, die der Greis geschrieben.

Auch Dahlmann bespricht in seiner Geschichte der französischen Revolution das Verhältnis des kritischen Geistes in Frankreich zu der deutschen Literaturperiode des achtzehnten Jahrhunderts. Nachdem er Montesquieu, Rousseau und Voltaire genannt, fährt er fort: Faßt man diese drei hervorragenden Köpfe zusammen und fügt noch als vierten Mann den genialen Diderot hinzu, der noch mehr ätzende Elemente im Geiste trug, so erkennt man recht deutlich, daß der vierzehnte Ludwig bei weitem höhere Güter als bloß industrielle antastete, damals als er seine fleißigen Reformierten ausstieß; denn er schnitt mit ihnen das Asyl für eine unabwendbare Entwicklung der menschlichen Geisteskräfte ab, welche sich in dieser bedächtig prüfenden Glaubensform unschädlich hätte ablagern können; der Protestantismus ist ja nun einmal begnügt, wo man ihn auch allenfalls bloß duldet, der Katholizismus dagegen will die Alleinherrschaft führen und Ludwigs Dragoner verhalfen ihm dazu; aber herrscht denn am Ende eine Kirche wirklich, von welcher sich die ersten Köpfe der Nation mit Trotz und Geringschätzung abwenden? Ganz anders stand auch diese Sache im deutschen Reiche; denn in demselben achtzehnten Jahrhundert trug der deutsche Reichsboden vier großbegabte Männer, welche ihr gediegenes Wesen aufrichtig hinstellen durften, wie es war, unbekümmert darum, wie es zu den Glaubenssatzungen stehe, welchen der westfälische Frieden Schutz verleiht: Winckelmann, Lessing, Goethe und Schiller; Pflanzen dieser edeln Gattung konnten nur auf einem Boden gedeihen und ihre unsterblichen Früchte zeitigen, auf welchem der Protestantismus ein Recht des Daseins hat und sich zugleich mit dem Katholizismus friedlich eingewöhnen und ausgleichen soll, da denn der unwiderstehliche Wert solcher höheren Naturen den seichten Verketzerungstrieb nach beiden Seiten zu Boden wirft; was diese deutschen Männer nicht ohne heißen Kampf zwar, aber ohne Verbitterung ihres lichten Innern überwanden, die Hindernisse, welche dumpfer Glaubenseifer einer edeln Geistesbildung entgegensetzt, an diesen Klippen scheiterten jene starken Geister Frankreichs und es schlug hier die verwandte Richtung in den Witz des Grimmes und eine giftige Leichtfertigkeit um, weil sie keinen erlaubten Boden fand. — Hier haben wir die beliebte deutsche Weise, religiöse Kategorieen überall zum Mittelpunkt von allem zu machen und sie auf Gebiete zu übertragen, wo in ihnen die Bewegung gar nicht liegt. Dahlmann teilt also die vulgäre Meinung protestantischer Theologen, Frankreich sei deshalb in die Revolution gefallen, weil der Protestantismus dort nicht hatte durchgesetzt werden können, womit die ebenso verbreitete katholische Ansicht, die Revolution sei nur die natürliche Konsequenz des in der Reformation enthaltenen Aufruhrprinzipes, in direktem Widerspruch steht. Nun ist es aber reine Täuschung, das Luthertum oder den Calvinismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts für eine liberale Lehre zu halten, die einen unschädlichen Abzugskanal für den Vorwitz und das Neuerungsgelüst der Menschen gebildet hätte. Der Protestantismus setzte Autorität gegen Autorität, den geschriebenen Buchstaben gegen die Tradition; die lutherische Dogmatik ist in keinem Punkte freisinniger, in mehr als einem naturwidriger als die katholische; nicht die Autonomie der Vernunft, deren Verstocktheit und Blindheit die Reformatoren nicht genug einschärfen können, sondern der Glaube und die Schrift ist die Losung des Kampfes. Den Scheiterhaufen der Inquisition steht die Verbrennung Servets gegenüber, die von Melanchthon öffentlich gebilligt wurde. Mußte Galilei im Kerker widerrufen, so mußte der Philosoph Wolff auf Anklagen der Pietisten Halle und Preußen binnen vierundzwanzig Stunden verlassen bei Strafe des Stranges. Ludwig der Vierzehnte trieb die Reformierten durch Dragoner zum Lande hinaus, aber das erzprotestantische England verfolgte die Katholiken auf nicht minder empörende Weise und emanzipierte sie erst vierzig Jahre nach der französischen Revolution und auch da nur teilweise. Erst als durch das mannigfaltigste Zusammenwirken der verschiedensten Ursachen, besonders durch den Einfluß der Naturwissenschaften die Glaubensfinsternis gebrochen ward, begann der Protestantismus die Geistesfreiheit, die außer ihm gewonnen worden, für sein Prinzip zu erklären und auch das in ganz allgemeiner theoretischer Weise, da er gleichzeitig in praxi der Aufklärung jeden Schritt streitig machte. Winckelmann freilich fand in der hellenischen Kunst die selige Anschauung einer mit dem Geiste versöhnten schönen Sinnlichkeit; aber ist dies protestantisch, da doch der spezifische Charakter des Protestantismus gerade in der Sittenstrenge liegt, die er gegen die Sinnenfreundlichkeit des Katholizismus geltend machte? Mit keiner Epoche hat das Aufblühen der Poesie in Deutschland eine tiefere Aehnlichkeit als mit dem Humanismus Italiens im fünfzehnten Jahrhundert, der ganz so auf allmählicher Ueberwindung der Asketik des Mittelalters ruht, wie der deutsche auf Ueberwindung der lutherischen Theologie. Gerade gegen jenen Schönheitskultus in Italien aber war die Reformation gerichtet. Freilich ist die genannte Blütezeit Italiens doch in mancher Beziehung reicher als die drei Jahrhunderte später erfolgende deutsche, reicher um das mannigfache historische Leben, das gleichzeitig in Italien nicht fehlt. Stellt sich dem wunderbaren Genius Rafaels der ihm so nahe verwandte Goethes gegenüber, so suchen wir in Deutschland vergeblich nach einem Macchiavelli. Daß die politische und die humane Bildung getrennt sein können, sehen wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in England. Nirgends ist das reine Menschengefühl weniger entwickelt als in England, diesem angeblich hoch-zivilisierten Musterlande unsrer Doktrinärs, nirgends die Liberalität der Lebensansicht durch eine dickere Mauer theologischer Satzung und konventioneller Moral behindert: Heuchelei und Prüderie, Nutzen und Selbstsucht, Pharisäismus, Barbarei in der Kunst, öffentliche Herrschaft der Formel bilden eine trübe Atmosphäre der Unfreiheit, die auf dem englischen Leben und Denken lastet. Jene ideale Bildung des inneren Menschen, die Deutschland im achtzehnten Jahrhundert erreichte, ist bis auf den heutigen Tag in dem puritanischen England nicht erreicht und es kann zu ihr nicht anders gelangen, als durch politische Unglückstage. Auch in Frankreich war unter all den mannigfachen Bestrebungen nach dem Licht die Kunst und die Läuterung der Kunstempfindung nicht mitbegriffen. Dennoch bildet Frankreich für die ästhetische Verjüngung Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert die Voraussetzung. Lessing bekämpfte Voltaires Poetik, aber den Mut zu allen seinen kritischen Thaten gab ihm nur die breite Basis der Aufklärung, die Voltaire über den ganzen Weltteil gelegt. Auch die geniale Auflehnung in Goethe und seinen Genossen ist ohne den unmittelbar vorausgegangenen Kampf der kritischen Geister Frankreichs, der in einer positivistisch erstarrten Welt Luft und Licht schaffte, nicht denkbar. Für einen Geschichtschreiber wie Dahlmann ist es nun gewiß ein unglücklicher Gedanke, nach Wegen zu spähen, wie das von ihm geschilderte Ereignis hätte vermieden werden können, und friedliche Archäologen, Literaten und Dichter wie Winckelmann, Lessing, Goethe und Schiller höher zu schätzen, als historische Männer wie Voltaire und Rousseau. Nach dem Maß der Geschicke des Weltteils und der Geschichte der europäischen Menschheit im großen gemessen, ist der einzige Voltaire unendlich wichtiger als alle vier genannten Deutschen zusammen, und es müßte eine wahre Festlust für einen Historiker sein, seinen Einfluß zu schildern.


Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme.

Goethe liebte es nicht, wenn man ihn fragte, woher er den Stoff zu seinen Dichtungen genommen, wenn man gleichsam in die geheimnisvolle Werkstatt treten wollte, in der sie entstanden. So verriet er auch nicht, wie er zu der unserm Gedicht zu Grunde liegenden Fabel gekommen. Dennoch hat er später in Wahrheit und Dichtung, in seiner Erklärung der Harzreise im Winter u. s. w. selbst den Schleier, der die Entstehung mancher seiner Gedichte verhüllte, vor den Augen der Neugierigen weggezogen. Auch zu Hermann und Dorothea ist später die Quelle mit Wahrscheinlichkeit in einem Vorfall entdeckt worden, der sich im Jahre 1732 bei Vertreibung der Protestanten aus Salzburg ereignete. Nachdem schon im Jahre 1809 im Morgenblatt jemand darauf aufmerksam geworden, mußte 1827, wo Panses neue ausführliche Geschichte dieser Auswanderung erschien, jedem Leser die Aehnlichkeit einer darin erzählten kleinen Begebenheit mit der Fabel von Hermann und Dorothea in die Augen fallen. Geschöpft ist dieselbe ursprünglich aus einigen von der Salzburger Emigration handelnden und mit dem Ereignis gleichzeitigen Schriften. Eine von ihnen oder vielleicht ein neuer Abdruck in irgend einem Zeitungs- oder Unterhaltungsblatt muß Goethe in die Hände gefallen sein. Wir geben die betreffende Stelle aus einer kleinen Flugschrift vom Jahre 1732, die die Quelle der übrigen Berichte gewesen zu sein scheint und den Titel führt: Das liebthätige Gera gegen die Saltzburgischen Emigranten d. i. kurze und wahrhaftige Erzählung, wie dieselben in der gräflich Reuß-Plauischen Residenzstadt Gera angekommen. Dort heißt es (nach dem Abdruck in einem Aufsatz von Yxem, woselbst sich auch die drei übrigen Relationen in vergleichender Zusammenstellung nebst interessanten Bemerkungen finden):

In Alt-Mühl, einer Stadt im Oettingischen gelegen, hatte ein gar feiner und vermögender Bürger einen Sohn, welchen er oft zum Heyrathen angemahnet, ihn aber dazu nicht bewegen können. Als nun die Saltzburger Emigranten auch durch dieses Städtgen passiren, findet sich unter ihnen eine Person, welche diesem Menschen gefällt, dabey er in seinem Herzen den Schluß fasset, wenn es angehen wolle, dieselbe zu heyrathen; erkundigt sich dahero bei denen andern Saltzburgern nach dieses Mädgens Aufführung und Familie, und erhält zur Antwort, sie wäre von guten, redlichen Leuten und hätte sich jederzeit wohl verhalten, wäre aber von ihren Eltern um der Religion willen geschieden und hätte solche zurücke gelassen. Hierauf gehet dieser Mensch zu seinem Vater und vermeldet ihm, weil er ihn so oft sich zu verehlichen vermahnet, so hätte er sich nunmehro eine Person ausgelesen, wenn ihm nur solche der Vater zu nehmen erlauben wolle. Als nun der Vater gerne wissen will, wer sie sey, sagt er ihm, es wäre eine Saltzburgerin, die gefalle ihm, und wo er ihm diese nicht lassen wolte, würde er niemalen heyrathen. Der Vater erschrickt hierüber und will es ihm ausreden, er läßt auch einige seiner Freunde und einen Prediger ruffen, um etwa den Sohn durch ihre Vermittelung auf andere Gedancken zu bringen; allein alles vergebens. Daher der Prediger endlich gemeinet, es könne Gott seine sonderbare Schickung darunter haben, daß es sowol dem Sohne, als auch der Emigrantin zum besten gereichen könne, worauf sie endlich ihre Einwilligung geben, und es dem Sohn in seinen Gefallen stellen. Dieser gehet sofort zu seiner Saltzburgerin und fragt sie, wie es ihr hier im Lande gefalle? sie antwortet: Herr gantz wohl. Er versetzet weiter: ob sie wol bey seinem Vater dienen wolte? Sie sagt: gar gerne; wenn er sie annehmen wolle, gedencke sie ihm treu und fleißig zu dienen, und erzehlet ihm darauf alle ihre Künste, wie sie das Vieh füttern, die Küh melcken, das Feld bestellen, Heu machen und dergleichen mehr verrichten könne. Worauf sie der Sohn mit sich nimmet und sie seinem Vater präsentiret. Dieser fragt das Mädgen, ob ihr denn sein Sohn gefalle, und sie ihn heyrathen wolle? Sie aber, nichts von dieser Sache wissend, meinet, man wolle sie vexiren, und antwortet: Ey, man solle sie nur nicht foppen, sein Sohn hätte vor seinen Vater eine Magd verlangt, und wenn er sie haben wolle, gedächte sie ihm treu zu dienen und ihr Brod wohl zu erwerben. Da aber der Vater darauf beharret und der Sohn auch sein ernstliches Verlangen nach ihr bezeiget, erkläret sie sich: Wenn es denn Ernst seyn solte, so wäre sie es gar wohl zufrieden, und sie wolte ihn halten, wie ihr Aug im Kopf. Da nun hierauf der Sohn ihr ein Ehe-Pfand reichet, greiffet sie in den Busen und sagt: Sie müsse ihm doch auch wol einen Mahl-Schatz geben; womit sie ihm ein Beutelgen überreichet, in welchem sich 200 Stück Ducaten befunden.

Vergleichen wir diese Erzählung mit dem darauf gebauten Goetheschen Gedicht, so tritt der ganze Unterschied des bloßen Faktums und prosaischen Vorfalls mit einer von der Phantasie wiedergeborenen idealen Begebenheit hervor. Der Dichter hatte mit dem rohen Stoffe, nachdem er ihn aller Zufälligkeit entkleidet, eine doppelte Prozedur vorzunehmen: er mußte ihm eine Seele, eine Idee einhauchen und von diesem Lebenspunkt aus die Form sich gestalten und bis ins einzelnste individuell herausarbeiten lassen. Es war eine Familienbegebenheit, eine auf verworrener Wanderung in einer kleinen Stadt zu stande gekommene Heirat, die in der Anekdote vorlag: die Familie, Darstellung des in der Familie und dem Bürgertum waltenden und durch Tradition sich immer neu erzeugenden Geistes unmittelbarer Sittlichkeit, Kontrastierung desselben mit der Unruhe geschichtlicher Kämpfe, dies wurde folglich die Idee des Gedichts, nach der sich nun alle übrigen Teile desselben dienend richteten. Um die Familie zu vollenden, war auch die Mutter nötig, die in der Anekdote fehlt; die dort erwähnten mehreren Freunde zog der Dichter der Ueberschaulichkeit wegen in zwei zusammen; mit Vater, Mutter, Sohn, zwei Hausfreunden und der hinzukommenden Tochter war der menschliche Kreis der Familie vollendet. Alle diese Gestalten empfingen den Typus der reinen Menschlichkeit und der besondern Sphäre, deren Vertreter sie waren, während der Bürger und sein Sohn nur reale Individuen waren mit allem Eigensinn und Zufall der endlichen Existenz; zugleich aber wurden sie zu allseitig bestimmten und plastisch verkörperten Individuen, während die prosaische Quelle nur ganz allgemein die Personen nannte, mit denen jener Vorfall sich ereignet hatte. Der Gastwirt, der Pfarrer, der Apotheker vertreten die drei Hauptfiguren jeder kleinen Stadt. Daß das Mädchen dem Jüngling einen Mahlschatz von zweihundert Dukaten gereicht habe, blieb als eine unreine Zuthat der Wirklichkeit weg. Der so im großen umgestaltete Stoff mußte nach allen Seiten motiviert, durch Belebung im einzelnen nahe gerückt, nach Zeit, Lokalität und Umständen als gegenwärtig vor unsre Phantasie gestellt werden. Dies alles hat der Dichter geleistet und, wie viel dazu gehörte, welchen Reichtum schöpferischer Akte bei aller Einfalt diese Belebung des Stoffes erforderte, lehrt ein Blick auf die Quelle. Mit fester Bildnerhand, deren Züge überall von der Inspiration der Phantasie wie von der bewußten Einsicht gereifter Kunsterfahrung geleitet werden, hat er den Plan folgerichtig entworfen, sicher durchgeführt, an jedem Punkte festgehalten, die Personen eigentümlich charakterisiert und zugleich zu idealen Typen generalisiert, die Lokalität so individuell bestimmt, daß wir sie kennen wie unser Vaterhaus, die Zeit endlich so glücklich gewählt, daß Familie und Bürgertum gerade in jenem bestimmten Moment von der innigsten Lebenswärme durchdrungen erscheinen. Die Salzburgische Religionszwistigkeit nämlich war eine verschollene, verhältnismäßig kleinliche Angelegenheit: der Dichter ließ sie fort und setzte die französische Revolution an ihre Stelle, die bei weitem mächtiger die gemütliche Privatexistenz erschütterte und von deren ergreifenden, das heterogen gestimmte Gemüt des Dichters zerrüttenden Eindrücken er sich soeben zu ästhetischer Freiheit der Betrachtung wiedererhoben hatte. Zugleich mußte nun das thüringische Städtchen zu einem Städtchen am Rhein werden und danach die ganze Welt der Sitten und die Oertlichkeit im einzelnen sich richten.

Goethe glaubte an dem Stoffe einen besonders glücklichen Fund gemacht zu haben. Er schreibt an Heinrich Meyer: der Gegenstand selbst ist äußerst glücklich, ein Sujet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden werden, als man denkt, deswegen auch die Alten beständig sich nur in einem gewissen Kreise bewegen. Die letztere Bemerkung zu prüfen, würde hier zu weit führen; wir erinnern nur an Friedrich Vischers geistvolles Wort, die Findung des Stoffes sei dem geheimen Wechselgespräche zwischen Zufall und Genius zu überlassen, an dem Instinkt habe der Künstler seine Wünschelrute, an dem Zufall seinen Boden.