Auch die Idee zu Hermann und Dorothea hatte Goethe schon mehrere Jahre mit sich herumgetragen, wie Schiller an Körner schreibt. Es ging also mit diesem Gedicht wie mit den meisten der übrigen Dichtungen Goethes: er trägt sie lange, sie werden langsam reif, eine gewisse Weichlichkeit hält ihn ab, die Schmerzen und die Arbeit, die mit der Ablösung verbunden sind, zu übernehmen; auch wird ihm der geheime innere Schatz so lieb, daß er ihn ungern an die Außenwelt entläßt. So gehen viele Goethesche Konzeptionen ganz verloren, weil ihre Geburtsstunde niemals kam; andre blieben Fragment, Entwurf; bei andern kam der Moment der eigentlichen Niederschlagung zu spät, d. h. des Dichters Lebensalter war darüber hinaus. Eine alte Idee war so die Braut von Korinth, die um dieselbe Zeit entstand und von deren befreundeten Gestalten der Dichter ungern schied. Manches überließ er auch Schiller. Der Moment der Ausführung war aber bei Hermann und Dorothea ein sehr glücklicher. Mit niemand war über den Plan hin- und hergesprochen worden, wie etwa bei Wilhelm Meister, also kein innerer Zweifel, keine störende Reflexion; die Geschwindigkeit der Produktion, wie sie Goethe in jugendlichen Jahren besessen, war wiedergekehrt. Die Ausführung, schreibt Schiller an Körner, die gleichsam unter meinen Augen geschah, ist mit einer mir unbegreiflichen Leichtigkeit und Schnelligkeit vor sich gegangen, so daß er neun Tage hintereinander jeden Tag über anderthalb Hundert Hexameter schrieb. Schiller mußte dies unbegreiflich sein, da Schiller, von der Natur nicht so begünstigt, überhaupt der Schönheit und Vollendung des Daseins sich nicht so unbefangen und göttlich heiter erfreuend, alle seine Produkte mit ernstem Willen und mühevoll der Natur abtrotzen und abringen mußte, wovon natürlich die Spuren immer noch sichtbar blieben. Die Ausführung geschah übrigens im Herbst 1796 teils in Weimar und Jena, teils in dem lieblichen Bergstädtchen Ilmenau. Vossens Luise hatte das Gedicht zwar »nicht veranlaßt, aber doch neuerdings geweckt«: beide Gedichte sind übrigens himmelweit verschieden, wie wir später sehen werden, und es ist lächerlich, sie vergleichen zu wollen.

Goethe war selbst mit dem Gedicht sehr zufrieden, was immer ein günstiges Zeichen ist: es war der Prozeß der Entäußerung also nie vor sich gegangen. Er liebte das Gedicht vorzulesen, was er nie ohne Thränen der Rührung konnte. Zum erstenmal geschah es ihm auch, daß das Publikum gleich anfangs zufrieden war, daß ein freudiger Widerhall ihm antwortete, während er sonst immer erst sein Volk allmählich zu sich heranziehen und immer erst eine Generation vergehen mußte. Seine philisterhaften prosaischen Feinde, die preußische Schule mit ihrem beschränkten sogenannten gesunden Menschenverstande mäkelten dennoch auch an diesem Gedichte herum; Kritiker der alten Schule nahmen eine wohlweise Miene an. Der Rezensent z. B. in der neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste sagt, die einen hätten das Gedicht ebenso sehr erhoben, als andre es herabgesetzt hätten; wir glauben für unsre Person, daß es ebensowenig ohne Einschränkung gerühmt als ohne Einschränkung getadelt werden könne. Also mattherzige Mäßigung, wie wir sie auch bei den jetzigen Gegensätzen, den religiösen und politischen, bei Alltagsköpfen finden, die sich dabei sehr weise dünken. Das Gedicht, fährt er fort, liegt auf dem Gange der epischen und mimischen Gattung: Unsinn!

Goethe sandte seinem Epos ein kleines elegisches Gedicht nach unter dem Titel Hermann und Dorothea, das sich unter den lyrischen Gedichten findet und worin er wie ein Vorredner von sich, seinem Publikum, seinem Werke spricht. Dennoch ist in dem schönen Gedichte alles Prosaische und bloß Individuelle durch eine ganz poetische Behandlung ausgelöst. Ein Hauch menschlich-natürlicher Lebenseinfalt, ein Zug rührender Vertraulichkeit durchweht diese Worte; man muß das Gedicht lesen, nachdem man Hermann und Dorothea gelesen, um auch den liebenswürdigen Dichter selbst, sein Haus, seine Person sich nahe gerückt zu sehen. Er klagt über kommendes Alter und bittet das Geschick nur um zweierlei, um die fortwährende Gunst der Muse und um einen stillen und frohen häuslichen Kreis; beides wird ihm die Jugend erhalten und die Heiterkeit nicht erlöschen lassen. Heller flamme das Feuer im Kamin, das die Gattin schürt und in das der Knabe spielend das Reis wirft. Der Wein fehle im Becher nicht, die Freunde mögen kommen und sich zu freundlichen Gesprächen niederlassen und des Dichters neuestes Werk hören. Auf sehr treffende und herzliche Weise spricht er selbst von diesem seinem Lieblingskinde; den idyllisch-idealen Charakter deutet er in den Worten an:

Deutschen selber führ' ich euch zu in die stillere Wohnung,
Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht.

Auch daß Krieg und Revolution als Hintergrund die einfach rührende Idylle trägt, wird in den folgenden Versen angedeutet; dann sagt der Dichter:

Hab' ich euch Thränen ins Auge gelockt und Lust in die Seele
Singend geflößt, so kommt, drücket mich herzlich ans Herz!

Interessant sind auch die literarischen Anspielungen in dem Gedichte und die Weise, wie der Dichter auch literarische Kritik in die Grazie elegischer Poesie aufzulösen verstand. So freut er sich darüber, daß Friedrich August Wolf den einen Dichter Homer in mehrere Rhapsoden zerlegt hat, denn der eine war zu groß und schlug allen Mut nieder:

Erst die Gesundheit des Mannes, der endlich vom Namen Homeros
Kühn uns befreiend uns auch ruft in die vollere Bahn!
Denn wer wagte mit Göttern den Kampf und wer mit dem Einen?
Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.

Später freilich dachte Goethe anders. Auch Voß bekommt wegen seiner Luise ein nur allzu freigebiges Lob:

Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise
Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.