Jeden Tag stieg die Sonne am fleckenlosen Firmament empor und vergoldete den überreichen Herbstsegen mit ihrem verklärenden Schimmer, und die lauen Nächte mit der schimmernden Mondscheibe schienen die Tage noch überbieten zu wollen an majestätischer Pracht und heimlichem Liebreiz.

Und dennoch blickte die Menschheit voll banger Erwartung, voll unsagbarer Verwirrung zur Allerhalterin und Allernährerin empor; denn die einstimmige Aussage aller Himmelskundigen ließ keinen Zweifel darüber bestehen, daß die Gesetze unseres Weltmechanismus durch einen unerklärlichen, vielleicht aus ungeheueren Fernen stammenden Einfluß gestört worden waren. Das Unerklärliche, Unfaßbare, das nie da war, und das keines Menschen Hirn ausdenken kann, sollte nun Wirklichkeit sein? Das Ewige, Unveränderliche, die erhabene Gesetzmäßigkeit — all die Begriffe, an denen der Mensch seinen Maßstab anlegte, um seine kleine, beschränkte Endlichkeit an der Allmacht zu messen, sollten nun mit einem Male ihres Zaubers entkleidet sein — Sonnenbälle und Weltsysteme sollten den letzten, ephemeren Staubgeborenen die Lehre aufweisen, daß auch sie nichts sind vor dem einen allmächtigen Willen, als tanzende Stäubchen, emporgewirbelt und versinkend in meßbaren Zeiträumen?

Zu Anfang Oktober kam die Nachricht von der Sternwarte in Kairo, daß man am südöstlichen Himmel in der Nähe des Sternes Beteigeuze im Sternbilde Orion einen Kometen entdeckt habe, der gegenwärtig dem freien Auge zwar nicht sichtbar sei, doch nach den Berechnungen, die in der kurzen Zeit der Beobachtung möglich waren, seine Bahn mit fabelhafter Schnelligkeit durchfliege und sich unserem Sonnensystem nähere. Es sei kein Zweifel, daß dieses Gestirn die Ursache der Störungen sei, die sich auf unserer Erde in so verhängnisvoller Weise manifestierten. Die Gefahr eines Zusammenstoßes mit diesem Himmelskörper sei zwar verschwindend klein; er werde der Erde auf beiläufig zwei Millionen Kilometer nahe kommen; aber das sei eben bei der ungeheueren, die Erde um das Tausendfache übertreffenden Größe dieses Gestirnes nahe genug, um den unheilvollsten Einfluß auszuüben.

Wenige Tage später wurde der furchtbare Feind mit freiem Auge sichtbar, und nun wuchs er von Tag zu Tag, und sein unheimlich rötlicher Glanz gab selbst den hellen Mondnächten einen nie dagewesenen magischen Schimmer. Zuletzt dehnte sich seine ungeheuere Rute über mehr als ein Drittel des Firmamentes hin. Bei Tage, wenn die Sonne schien, war alles wie sonst. Aber kaum war der letzte Dämmerschein verglommen, so stieg das grauenhafte Phänomen empor und erfüllte die hilflose, verzweifelte Menschheit mit unsagbarem Entsetzen.


II.
Die Zeichen mehren sich.

Vor einem mit weißen Gardinen und den farbensatten Blumen des Herbstes geschmückten Fenster saß ein zartes, blondes Mädchen und blickte, die Handarbeit lässig im Schoße haltend, träumerisch dem scheidenden Tagesgestirne nach. Dort unten am Horizont zuckten noch rötliche Lichtstrahlen auf, und das zarte, duftige Gewölk erglänzte in blaßrotem Schimmer. Allmählich verblaßten die Lichtreflexe in matteren Farben und graueren Tönen, bis nur einzelne hoch im Zenith dahinsegelnde, metallisch glänzende Wölkchen wie ein letzter Scheidegruß des sinkenden Gestirnes sichtbar blieben. Doch die eintretende Dämmerung wollte der Nacht nicht weichen. Ein fahler Schein, von blitzartig aufzuckenden und wieder verschwindenden roten Lichtstrahlen begleitet, dehnte sich allmälig über das ganze Firmament hin. Alle Gegenstände der Erde waren in diesen seltsamen Schimmer getaucht und zeigten eine Farbenabtönung, die vorher nie eines Menschen Auge geschaut.

Das Mädchen wendete den Blick von der Straße, in die es erwartungsvoll hinuntergespäht, und sah nach der Thür des Nebenzimmers, aus der eben eine silberhaarige Greisin heraustrat.

„Ist Dir in deiner Stube zu bange geworden, Großmütterchen?“ sagte das Mädchen und klingelte. „Ich werde gleich Licht bringen lassen. Vater wird bald kommen, und auch Karl hat mir versprochen, zu kommen.“

„Ich halte es nicht aus in dem unheimlichen Licht,“ sagte die alte Frau. „Mein lieber, alter Hausrat blickt mich darin so fremd und kalt, fast möchte ich sagen feindselig an. Ich hab’ in meinem ganzen langen Leben kein solches überirdisches, düsterdrohendes Licht gesehen. Doch ja, in meiner Jugend einmal; da machte mein Bruder den Spaß und ließ uns Alle um den runden Tisch herumsitzen, in Leintücher eingehüllt, und nachdem er eine Spiritusflamme entzündet und die übrigen Lichter verlöscht hatte, streute er ein Pulver in die Flamme, wodurch sich ein Lichtschein verbreitete, der unsere Gesichter leichenhaft färbte. Wir waren anfangs darüber entsetzt, dann lachten wir und ergötzten uns daran, wenn neu eintretende Personen über die Gespensterversammlung erschraken. Daran gemahnt mich der fahle Schein, den dieses furchtbare Gestirn allnächtlich verbreitet. Ich sehe nichts als Leichen um mich. Selbst der Hausrat erschreckt mich. Die Möbelstücke scheinen alle selbst zu leuchten, wie morsches Holz im nächtlichen Wald. Mich fröstelt. Wie kindisch der Mensch wird! Ich habe mich doch schon längst vertraut gemacht mit Sterben und Tod, ich weiß, daß ich an die äußerste Grenze gelangt bin und in kurzer Zeit den Tribut alles Lebens zahlen muß. Das hat mich nie geschreckt. Es war für mich keine Vernichtung. Wenn ich auf die Straße sah, wo die Schuljugend ihre munteren Spiele trieb, so überzeugte ich mich, daß alles das, was ich für schöne Erinnerung hielt, auch wieder lebendige, greifbare Gegenwart ist und immer sein wird von Geschlecht zu Geschlecht. Doch jetzt hört man furchtbare Dinge. Der Tod, der all die Jahrtausende nur ein mildes, erlösendes Spiel getrieben, hie und da ein frisches, grünendes Reis zertretend, aber sonst wie ein emsiger Gärtner im Menschheitsgarten waltete, das Welke und Dürre, das Faule und Entartete mit sorgender Hand entfernte, damit der Garten selbst in immer erneuten Reizen blühen könne — der milde, befreiende Tod will jetzt ein Ende machen mit Allem, was da lebt. Das ist die Vernichtung, gegen die der Hingang jedes Einzelnen nur ein freundliches Spiel mit Knospe, Blüte und Frucht am Baume des Lebens ist.“