›Nach diesen Angaben lebte Ludwig Tkadleček zur Zeit des guten Kaisers Karl (I. 24), der in dieser Zeit böhmischer König war. Er war mit dem Kopfe aus dem Böhmerlande und mit den Füssen von allerwärts (I. 10. d. h., wie das Unglück später auslegt, lebte er an verschiedenen Orten) und lebte im Hofdienste (nach Jungmanns Auslegung an dem Hofe der verwittweten Königin Elisabeth, Lit.-Gesch. 1849, S. 32) in Gräz an der Elbe (I. 13. 85.). Hier erfreute er sich seit einigen Jahren (I. 13.) an der Liebe seiner Adelheid, bis sie das Unglück trennte im Jahre seit Erschaffung der Welt 5167, in demselben Jahre, als Gräz abbrannte und zwar den dritten Monat nach diesem Feuer[90] (ebd.). Hanka verlegt darnach die Trennung der Liebenden in das Jahr 1339, in welchem Jahre nach Bienenberg Gräz abbrannte. Die Jahreszählung vom Anfange der Welt ist entweder schlecht angegeben oder gründet sich auf eine andere Zählung, als die war, an die man sich in Westeuropa gewöhnlich hielt. Der Geburt nach war Tkadleček von mittlerem Stande (I. 74.), also aus dem niederen Adel, da sich nach seiner Auslegung an einem andern Orte (I. 23.) die Leute in drei Stände theilen: In den hohen Stand vom Kaiser zum Grafen, in den niederen Stand, in den der Adeligen, der Edelleute, der Ritter, Herren und Vladiken, und in den niedersten Stand, in den der Bauer und der Bürger gezählt wird.

Tkadleček war sein Zuname. Wie er an einem andern Orte den Zunamen seiner Geliebten in witziger Weise erklärt (I. 14.), so thut er es auch mit seinem (I. 9.) und in dieser Interpretation gibt er sich aus als Gelehrten und Literaten. Er sagt nämlich von sich, dass er ein Weber gelehrten Standes sei, dass er ohne Holz, ohne Rahmen und ohne Eisen weben könne; und an einem andern Orte (I. 12.) sagt das Unglück, dass in diesem Schlage und diesem Weberhandwerke, zu dem sich Tkadleček zählt, der grösste Meister Aristoteles war.

In seiner Jugend lebte er in manchen königlichen und fürstlichen Ländern (1. 74). Liebesabenteuer erlebte er wol genug, denn das Unglück macht ihm diesen Vorwurf: Du sprichst von ihrer (der Geliebten) Treulosigkeit—und Tkadleček, wie viel guten und edlen Jungfrauen und Frauen hast du dich oft treulos erwiesen! (II. 83.). Du warst auch einer von denen, die Alles von ihrer Seite aus wie in einem Drechselstuhle haben, aber sich selbst nicht überantworten wollten (II. 83.). Mit Adelheid traf er unzweifelhaft erst am Hofe in Gräz zusammen. Als die Treulose ihn verliess, und er deshalb auf das Unglück klagte, war er eben in der besten Lage und den besten Jahren (I. 92.), im Jugendalter (ebd.). An einigen andern Stellen wird sein Alter noch bestimmter angegeben, besonders I. 90, I. 91. und ganz besonders I. 87, wo wir erfahren, dass er schon den Jünglingsjahren entwachsen, die bis zu 24 Jahren reichen, dass er vor sich noch das Mannesalter habe, das bis zu 50 Jahren reicht, ebenso das Greisenalter, und dass er sich in der Jugend oder den jungen Jahren des Mannesalters befinde, die im Lateinischen juventus heisse (I. 83.).

Dass die treulose Geliebte des Tkadleček Adelheid hiess, lässt sich auch aus einem Räthsel mit dem ABC errathen (I 13.). Ihr Zuname war nun Pernikářka[91] (I. 14.) und dieser Name wurde ihr gegeben von dem Unglücke (oder dem Geschicke) nicht deshalb, als wäre sie eine solche, sondern deshalb, weil sie das Wort..., wenn sie es einmal irgendwo jemandem sagen wollte, in ihrem Sinne hin und herwälzte (d. h. wie eine Lebzeltnerin den Teig knetet, I. 14.).

Der Geburt nach stammte sie aus mittlerem (I. 80.) oder niederem Stande; genauer wird in dieser Hinsicht gesagt, dass sie adelig war (I. 33.), und aus einer andern Stelle (I. 69.) erhellt, dass sie aus Vladikengeschlechte abstamme. Ihrer Beschäftigung nach aber war sie nur Heizerin am fürstlichen Hofe (I. 33.),—etwas Anderes kannte sie nicht, noch hatte sie etwas Anderes gelernt, noch war sie wo anders als dort, wo der Backofen, Ofen, Kalkofen oder Feuerherd auszubrennen oder zu heizen war (I. 74.),— war sie etwa Hofdame deshalb, weil sie Hofheizerin war? (I. 77.) Ausserdem gibt er ihr auch verächtliche Namen: Backofenschürerin (I. 96., II. 13.), Küchenkehrerin (II. 13. 57.), Stubenkehrerin (II. 15.) u. dgl.

Im Folgenden geht Gebauer ein auf die Beweisführung, dass der Kläger, der sich als Tkadleček einführt, wirklich auch der Verfasser des vorliegenden Werkes sei, und dass er, nach einer Stelle in demselben zu schliessen, noch ein zweites Werk von der Liebe verfasst habe.

Seite 119 fährt er dann fort: ›Von seiner reichen Schulbildung zeugt auch der Umstand, dass er sich fast auf alle Autoren beruft, die in den mittelalterlichen Schulen bekannt waren; so citiert er oft den Isaias, Salomon, Job, David, Ezechiel, Jeremias, Augustin, Gregor, Bernhard u. a., aus den »Heiden« den Cato, Seneca, Ovid, Boethius, Virgil, Valerius, Horaz, Tullius (Cicero), Aristoteles, Socrates, Pythagoras, Plato, Diogenes und viele andere. Aus sehr zahlreichen Erwähnungen sieht man dann, dass er die altklassische Mythologie und Heroënsagen kannte (z. B. von Jason und Medea I. 11. 54. 56., von Pyramus und Thisbe I, 34.), ja aus der Anspielung auf Veles und Zmek zu schliessen (II. 2.), wusste er auch etwas aus der čecho-slavischen Mythologie. Aus der biblischen Geschichte erwähnt er Judit (I. 25.), Esther (I. 26.), Samson (I. 28.), Abraham (I. 70.), Josias (II. 23.), Josef und Pharao (II. 22.), Susana (II. 76.), Daniel (ebd.) u. a. und in der Weltgeschichte spielt er an auf Caesar (I. 24.), Alexander (I. 24. 30. 42., II. 11.) und Polykrates (I. 45., II. 95.) und die ungarischen Ereignisse (I. 24.). Auch von andern Wissenschaften und mancherlei Künsten seiner Zeit hatte er eine ziemliche Kenntnis, wie dies aus der Darlegung erhellt, wo das Unglück behauptet, dass ein jeder sich ihm unterwerfen müsse (II. 91.-94.).

Ausser diesen Zeugnissen von der Schulgelehrsamkeit finden wir auch in dem Werke des Tkadleček einige Fabeln, theils ausgeführt, theils nur angedeutet, und einige böhmische Sprichwörter und Redensarten, besonders die Fabeln, weshalb der Affe einen verstümmelten Schweif (I. 22. 28. 32.), weshalb der Hase lange Ohren hat (I. 22. 32.), weshalb der Hund die Katzen hasse (I. 22. 32.), von dem Wolfe, der die Gänse an dem Pfahle liess, damit er nicht in die Grube falle, von dem Wolfe, der vor den Leuten die Kutte anzog, damit diese ihn ehren (I. 80. 82.), von dem Löwen, der von einer kleinen Maus aus seinem Neste vertrieben wurde (II. 44.), und von dem Wolfe, der in der Krankheit versprach zu fasten und dann einen Esel für einen Fisch (Fastenspeise) verzehrte (II. 72.). Von diesen Fabeln findet sich, so viel ich weiss, nur die vorletzte in dem mittelalterlichen Aesop (z. B. in der Ausgabe Milichthalers Olm. 1584, im I. B. Nr. 18.), die übrigen haben andern Ursprung (die dritte vom Ende erinnert an eine Stelle des deutsch-franz. Reineke) und zwar zum Theile gewiss heimischen tschechoslavischen Ursprung. Auf diese Weise würde dem Verfasser Tkadleček auch das Verdienst gebühren, dass er uns aus der alten stammeseigenen Fabelliteratur wenigstens Etwas bewahrt hat, was an sich wirklichen Werth besitzt. Selbst die Fabel vom Wolfe, der in einer schweren Krankheit ein Gelübde ablegte, dass, wenn er gesund würde, er bis zu seinem Tode kein Fleisch essen wolle, und dann, als er gesund geworden, einen Esel in einer Furth überfiel und als Fastenspeise verzehrte, ist ein sehr wichtiges Ueberbleibsel seiner Art, weil es sich kühnlich mit guten äsopischen Fabeln vergleichen lässt‹.

Dies die wichtigsten Angaben Gebauers. Einiges Neue bringt Josef Jireček in dem Werke: ›Rukovět k dějinám Literatury české do konce XVIII. věku. Svazek II. v Praze 1876; d. h. Handbuch zur Geschichte der böhmischen Literatur bis zu Ende des XVIII. Jahrhunderts. 2. Band. Prag 1876‹. S. 289 sagt er: ›Tkadleček Ludwig, Höfling der Kaiserin Elisabeth, die als Wittwe nach Karl IV. von 1378 bis zu ihrem Tode 1393 mit ihrem Hofe in Königgrätz lebte. Ludwig entbrannte in Liebe zu der Hofdame Adelheid, und als diese sich an einen Andern verheirathete, tröstete er sich dadurch, dass er seinen Jammer niederschrieb. Er selbst sagt von sich, dass er ein Weber aus gelehrtem Stande sei, der ohne Holz, ohne Rahmen und ohne Eisen weben könne. Sein Schiffchen sei aus Vogelwolle (d. h. Feder), er sei mit dem Kopfe aus Böhmen, mit den Füssen von Allerwärts.