Wer möchte nun—nach diesen Worten—dem Tkadleček lebendige Einbildungskraft und entflammtes Gefühl absprechen? Klingt das nicht so, wie wenn Abelard nach Heloise oder der modernere Werther klagen würde?—Aber das Unglück lässt nicht lange auf Antwort warten. Man kann sagen, dass, wie dieser ganze Roman von Allegorien überfliesst, auch das Unglück mannigfache Aufgaben auf sich nimmt, manchmal die des schlimmen Geschickes, manchmal des blossen Zufalles, manchmal des mahnenden und strafenden Pflegers, manchmal endlich vertritt es die Stelle des gesunden Verstandes. Es ist manchmal, wenn es spricht, als wenn der überlegende Verstand der zügellosen Einbildungskraft Antwort gäbe. Es sagt jenes selbst von sich, dass es das, was immer es gethan hat, gut und mit Recht gethan hat, seinem Stande gemäss, und dass, was immer auf Erden geboren wird, nicht ohne Unglück sein kann; es setzt auseinander, dass, wenn alle Leute, die schon von Anfang der Welt auf Erden waren, bis zu dieser Zeit ohne Unglück gewesen wären, dass alle herrschaftlich und ohne Standesunterschied nur sich zu Willen und Belieben wohnen und leben wollten, und dass bei solchem Laufe und Unordnung die Welt schon zu enge wäre für den menschlichen Stolz, Hochmuth und kühnen Sinn, und dass aus wahrem Stolze und Gewalt Einer den Andern verzehren würde!—Dem entgegen aber soll sich der Mensch auszeichnen durch Mässigung und weise Handlungen und thun, wie die Sonne, die der ganzen Welt leuchtet und in sich selbst Licht ist.
Der Kläger aber auf diese Vernunftgründe nicht achtend sagt, dass es nicht einmal möglich wäre, das Leid um die Braut fern zu halten von sich, weil er eine so liebe, holde und edle Braut verloren hätte!—Und er erzählt dazu von ihrer Gestalt und ihren Gewohnheiten. Sie ist »reich an ihrer Ehre«—sagt er—»schön und fröhlich über alle ihre Gespielinnen und Genossinnen; von ordentlichem Wuchse, anmuthiger Sprache, von liebem Anblicke, guten Gewohnheiten, schnellem Schritte, schönem Gange, fröhlichem und freundlichem Zureden, zarter Sprache.« »Ich bin nicht im Stande«, sagt Tkadleček weiter, »von ihr viel zu sprechen, ich bin nicht werth, sie zu loben, noch kann ich ihren Adel ganz beschreiben.... Ueberglückliche Welt, auf der je ein solches überaus edles Geschöpf ist. Wer sie kennt, trennt sich ihretwegen nicht gern von der Welt.« —Und weiter lobt dann Tkadleček auch den, der sie als sein Weib hat, und dass der mit einem Geschenke über alle Geschenke beschenkt ist, und dass kein anderes Geschenk auf der Welt wäre als ein gutes und vollendetes Weib!... »Ach, du allmächtiger, gewaltiger Gott!«—ruft Tkadleček—»was hast du mir für eine Freude gegeben und was für eine Freude habe ich gehabt in meinem jugendlichen Herzen, als ich sie muthig vor mir stehen sah, und ehrbar einherschreiten mit ihrem überaus vorzüglichen Gange, ihrem schönen Wenden, ihrem sachten und ruhigen Umblicken, ihrem lustigen Springen beim Umkehren ... gewiss ich kann sagen, dass ich dieser guten Gewohnheiten nie satt wurde.... Freue dich, du Mann, der du eine solche Gattin hast, ... Weisheit und ein gutes Weib kommt nur von Gott allein!... Ach könnte ich noch vor meinem Tode ihr liebes, anmuthiges, freundliches Wort hören, könnte ich nach Belieben mich mit ihr ausreden, könnte ich ihr öffnen mein geheimnisvolles trauriges und leidvolles Herz!« ...
Aber das Unglück lacht nur zu Alle dem und hält eine lange Rede von der Ehre und Unehrbarkeit u. s. w. und endlich räth es dem Tkadleček, weise zu sein, und wenn nicht Adelheid für ihn sei, dass er sich eine andere, vielleicht wieder eine solche Geliebte, wie diese achtenswerthe gewesen ist, suche. »Du hast uns früher,«—sagt das Unglück, —»gesagt, dass du Tkadlec[89] seist, das verstehen wir; dass du mit dem Kopfe aus dem Böhmerlande stammest, das verstehen wir auch; mit den Füssen von Allerwärts, das verstehen wir auch, ... wohin du dich wendest, auf welche Seite und welches Land immer, dass du dort wie zu Hause seiest.... Auch wissen wir, dass du in manchen Königreichen und manchen königlichen Städten gewesen bist;—aber sage uns ohne Redeschmuck und ohne Schrift, ob du schon einen solchen Menschen gesehen, oder von ihm gehört hast, wie du bist, Tkadleček, dessen Gutes ganz an einem einzigen Menschen und dazu an einem so leichten Menschen gelegen sei, wie diese deine Freude ist? Thu’ wie Thales und danke dem Glücke für die drei grössten Geschenke, womit es dich beschenkt hat: dass du ein Mensch bist und nicht ein Thier, so dass du weisst, was dem menschlichen Verstande gemäss sein soll und was nicht; dann dass du ein Mann bist und nicht ein Weib, und endlich, dass du ein literarisch Gebildeter und nicht ein Laie und dummer Mensch bist.—Gebrauche also deinen gelehrten Verstand. Du sagst, dass sie Hofheizerin war, du lobst ihre Ehrbarkeit und Vollkommenheit u. s. w.« Dann gibt sich das Unglück an die Auseinandersetzung weiblicher Tugenden und worauf sie beruhen. Es fragt, aus welchem Grunde ein Weib ehrbar sei und ob für sich oder für einen Anderen, und sagt, dass die Ehrbarkeit eines Weibes vierfach sei: aus Scham, aus Ueberlegung und Anhänglichkeit, aus Gewohnheit wie bei Hofleuten und endlich aus blosser List bei schmeichlerischen Leuten, die sich nur so zum Lobe oder des Nutzens halber zeigen u. s. w. »Aus welchen von diesen Ursachen war wol diese deine Heizerin vollkommen?« ruft das Unglück weiter; »ei Literat, erinnere dich! Schüler, sei bei Verstande! Höfling, sei nicht so dumm ... und halte das Ross deines Verstandes am Zaume. Wir sagen dies, auf dass du die Rede lassest von dieser Heizerin; ... du bist in den besten Jahren, ... und sie ist ja wol nichts anderes als jeder andere gewöhnliche Mensch.... Es gibt auf der Welt viel überaus guter und ehrenhafter, ... weit ist die Welt weiblicher Ehre, ... deine Füsse sind überall; sei nur nicht faul zu suchen. Solcher, wie sie, findest du, wohin du dich wendest, ... noch vollendetere! ... Vielleicht hast du selbst sie so vollkommen gemacht durch deine Rede und deinen Verstand; ... sei fröhlich und freue dich, dass du mit diesem Geschenke versehen, dass du der lebendige Meister davon bist.... Mit diesem deinem Verstande und deinem Wissen wirst du leicht eine andere gewinnen und vielleicht eine bessere, als diese deine Heizerin gewesen ist; ... glaube nicht, dass wenn du diese deine Heizerin, diese Backofenschürerin verloren hast, auch alle Zeit verloren hast. Es gibt noch viele Zeiten, bevor die Welt endet; ... lass fliessen im Wasser Eis und Schnee ... wisse, dass ein lebender Kopf einen Hutmacher erhält.«
Aber Tkadleček hört nicht auf zu seufzen und auf das Unglück zu schmähen; und sehr naiv sagt er von sich: »Ich bin wahrlich wie ein kleines Kind von der Mutter getrennt ... wie ein unerwachsenes Kätzchen von der Milch zurückgestossen! Wie ein Eselchen, das unausgebildet in seiner Kraft vor der Zeit zur Arbeit getrieben wird, so bin ich dir, Unglück, untergeben und in meinen jungen Jahren schon dir überantwortet.... Leichter ist es einem Wittwer; wenn der seine Freude verliert, so beweint er sie und weiss, dass das nicht anders sein kann, und vergisst sie mit der Zeit. Aber wie ist es mir möglich, meine überaus theure Heizerin zu beweinen, da sie noch lebt, noch gesund ist, in der besten Kraft und grössten Kurzweil, zwar nicht für mich, sondern für einen Andern!... Leute in meinen Jahren gehen von einer Freude in die andere: aber ich stehe schon wie ein dienstbarer und dummer Esel unter meiner Last in einem sumpfigen tiefen Thale, kann mir nicht herauf helfen. Ich bin überall fremd, wohin ich mich wende.... Freiheit habe ich keine, überall ist es mir eng, ich seufze und weine, ich habe nur Gelächter von schlimmen Leuten.... Ich schweife umher, keiner zieht mich zu sich, bald wird aus mir ein Greis.... Hohe Berge muss ich aufsuchen, tiefe Thäler durchkriechen, in finstere Wälder, in öde, ungewohnte Länder, zu unbekannten Leuten muss ich gehen.... Womit könntest du mir das ersetzen, Unglück? Mit nichts Gutem bist du versehen! Nichts thust du zur Zeit, Musse hast du nicht, nichts Gutes hast du bei dir, weder Erbarmen noch Mitleid. Du bist wie der Falke, wie der Sperber, wie Vögel, die vom Fange leben. Du bist wie ein Wolf, wie ein Luchs, Löwe und Bär ... was du thust, thust du zum Schaden der Leute; ... du bist schlimmer als der Henker, heuchlerischer als der Teufel...«. Darauf antwortet dann das Unglück sehr witzig dem Tkadleček und erzählt ihm von den Leiden der Menschen und legt ihm zum Schlusse die Liebe und deren verschiedene Arten auseinander, und wie einer sich von der Liebe befreien soll, der von ihr bemeistert ist.... »Erwäge deine Worte«, sagt es, »die du mit deiner Zunge gar unverständig schmiedest, indem du thust wie ein schlechter Müller, der die Mühlräder loslässt, damit sie mahlen, er selbst aber geht fort, und achtet nicht, wie sie gehen, und wie die Mühle mahlt.... Was klagst du, du guter, ehrbarer Tkadlec, du weiser Schüler, du pfiffiger! Ist es nicht besser, dass wir dich von dieser deiner Küchenkehrerin und Backofenheizerin, die durch ihre List den Ofen mancher guter, weiser, schöner Jünglinge mit heimlicher Liebe entzündet hat; ist es nicht besser, dass wir dich von dieser Lebzeltnerin, dieser Stubenfegerin befreit haben, als dass du in jener Welt ihretwegen verdammt werden sollst? Du solltest dich lieber dafür bedanken.... Hast du etwas Widerwärtiges auf dem Herzen, —verschweige es und bedecke dein Leid.«
Sehr interessant ist dann folgende Stelle, wo das Unglück den Tkadleček an seine eigene Ansicht von der Liebe erinnert, die er in irgend einem Buche niedergelegt hätte. Es scheint mithin, dass Tkadleček vor dieser Unterredung noch irgend eine andere Schrift verfasst, von der wir allerdings nichts Anderes wissen, als was hier erwähnt wird. Das Unglück sagt: »Sage uns, Tkadlec, wohin ist es mit deinem Werke und deinen Büchern gekommen, die du verfasst und zusammengestellt hast, von der Liebe (und zwar von der Verschiedenheit der Liebe, und du hast die Liebe in zwei Theile getheilt und sagst, dass sie heimlich und öffentlich, innerlich und äusserlich sei,) und von allen ihren Theilen ... darin hast du, in diesen deinen Büchern nicht nur die Lehre niedergelegt, wie ein Liebhaber aus feindlichen Unfällen sich ausreden soll, sondern auch noch viele andere Stücke, wovon wir wissen, wem zu Liebe du dies ausgesagt und niedergeschrieben hast u. s. w.... Aber, Tkadleček, weil du so klug und so viel von dieser Liebe gesagt hast, so sage uns doch, mit welcher Liebe liebtest du diese deine Gewisse, von der du immer schwatzest und so viele Reden machst?« Dann begibt sich das Unglück an die Betrachtung der »Complexe« oder »Temperamente«, von denen es ziemlich verkehrte Ansichten entwickelt. Die Physiologie allerdings trat diesmal sehr in den Hintergrund. Die Melancholiker wären nämlich von Allen die gröbsten und an Geist unter allen andern Leuten auch die dümmsten und am meisten vergesslichen! Dann verfolgt er, zwar etwas weitschweifig, aber nicht uninteressant, die Abhandlung über die Liebe, welche endet: »Keine Liebe ist ohne schweren Sinn und kein schwerer Sinn ohne Schmerz, und wo Schmerz, dort ist Noth, wo Noth, dort Trauer, wo Trauer, dort Wehklagen.... Die Liebe ist nur eine Fessel und Trauer und Leid!... So viele Beispiele haben wir dir schon gegeben, dass du es schon gleichsam mit der Hand fühlen könntest ... wir aber müssen diese deine feindliche Rede hören, und wir können nicht allen Hunden, wenn sie unnöthiger Weise bellen, ihren Mund zubinden, und es kann auch nicht immer jeder Hund, der viel bellt, wie er will, viel beissen!« ... »Wir sind ein Bote aus Gottes Hand«, sagt dann das Unglück von sich selbst; »aller feindlichen Handlungen flinker Vollstrecker, wir sind die biegsame Peitsche und der Stock und die Ruthe aller Schöpfung, wir sind der Mäher aller Wiesen und Rasenplätze, der verwelkten und jungen, mit der stumpfen und abgefeilten Sense. Unsere Botschaft ist nicht umsonst. Wir sind die Peitsche, deren Streich heftig geisselt, und nach dem es heftig brennt, und wir übergehen mit der Zeit keinen!... Wir sind der Stock, der sich nie und an keinem bricht, nicht krümmt, nicht zerknickt ... wir sind der Meister alles Handwerkes, aller Leute.... Nicht fragen wir nach Farben: ... da entflieht vor uns nicht die Lilie mit ihrer Schönheit und weissen Farbe, mit ihrer guten Hoffnung, da entfaltet sich uns die rothe Rose mit ihrer Scharlachfarbe brennender Liebe, da versteckt sich nicht vor uns weder der Klee, noch die Wolfsmilch, noch das Immergrün, das jeder begonnenen Liebe Führer ist. Da kann die Feldrose mit ihrer röthlichen Farbe aller Heimlichkeit uns nicht entlaufen. Da erhebt sich die ausgedachte und gestohlene graue Farbe, aus vielen zusammengesetzt, mit ihrem hohen Sinne nicht über uns, da widersetzt sich uns nicht die himmelblaue Kornblume oder der Wegewart mit seiner schlimmen Vorbedeutung, oder mit seiner Vollkommenheit u. s. w.« So ist hier eingeführt die Bedeutung der Farben und Blumen und dem Leser wird ihr allegorischer Sinn bekannt, wie er zu jenen Zeiten anerkannt wurde. »Wir sind ein tiefer Schacht, ohne Luft, mit verfaulten Säulen gestützt ... aus dem Niemand, der einmal hereinfällt, so leicht von selbst wieder herauskommt ... und je höher ein Mensch in seiner Ehre auf der Welt war, desto roher drücken wir ihn herunter ... was wir aber anfangen, das vollendet der Tod!« ... Auf des Tkadleček neuerlichen Angriff nimmt das Unglück abermals das Wort und beginnt seine Rede mit einer Fabel.—»Der Wolf war einmal sehr schwer krank«, sagt es, »und da er gesund werden wollte, versprach er in der Krankheit, kein Fleisch zu essen bis zu seinem Tode. Als er heil und gesund war, konnte er sich einst nichts zu seinem Frasse bei dem grossen Wasser erjagen und begab sich zu einem Bache, um Fische zu suchen, und es begegnete ihm ein Esel, der durch den Bach watete und von der Mühle einen Sack Mehl auf seinem Rücken trug. Der Wolf sagte zu ihm: Helfe dir Gott, lieber Hausen! was habe ich dich heute den ganzen Tag gesucht, bis ich dich getroffen habe. Der Esel antwortet: Lieber Wolf, ich bin ein Esel, ein dummes, dienstbares Thier und bin kein Hausen. Der Wolf antwortet: Hast du vielleicht nicht gehört, dass der Wolf in den Wäldern, die Maus im Loche und der Fisch gern im Wasser zu sein pflegt? Sieh, ich esse kein Fleisch, ausser nur das, was im Wasser ist; du bist jedenfalls ein Hausen oder ein Wels. Der Esel sagt ihm: Du irrst dich und hast dich schlecht unterrichtet. Der Wolf sagt: Sage du diese Rede dem, der keinen Fisch kennt, du bist immerhin Fischfleisch und ich verzehre dich; rede, was du willst, was ich kenne, das kenne ich.... So sei du, Tkadleček, kein Wolf und richte nicht nach deinem Vortheile.... Du thust uns, wie einem bösen Menschen.... Wer nicht darnach trachtet, dass ein Guter ihn liebt, der kann auch wieder keinen Guten lieben.... Viel Gutes haben wir dir gesagt, und du widersetzest dich uns immer.... Ist es nicht besser, dass wir dich von dieser deiner Lieben befreit haben?... Du bist auch befreit von aller ihrer Klugheit und ihrer List, durch die du von ihr gleichsam gebunden und ihr Gefangener warst.... Viele haben viele Anfechtungen, aber dennoch trachten sie, dass sie frei bleiben. Du aber, als du frei warst, hast dich freiwillig in das Gefängnis begeben, und jetzt, da du dich befreien kannst, klagst du über das, wovon du ledig bist. Gönne das einem Anderen und bleibe allein.... Wen gab es je, der mehr beunruhigt wäre, als ein Liebhaber? Und wer magert jemals mehr ab und welkt dahin durch irgend welchen Kummer und Arbeit und weltliche Mühe und altert und geht darin auf manigfaltige Weise zu Grunde, als ein junger, verliebter Mensch, der nicht weiss, woher die Liebe kommt, oder was sie ist, oder was mit ihm vorgeht?... Du klagst, Tkadleček, dass du sie verloren hast, und klagst nicht über dich selbst, dass du ihretwegen deinen Verstand verloren hast.... Glückliche Stunde, die dich von ihr getrennt hat! Denn beraubt all deines Verstandes bist du zurückgekehrt, ... du hast gesehen dein Irren, dass du der Liebe wegen Jahre lang nicht sehen konntest. Du bist zurückgekehrt zur Freude, ... du bist befreit von Kummer, ... leicht schläfst du, reissest dich nicht aus dem Traume, du bist ohne Unruhe, Kummer hast du nicht. Es ist besser, dass du sie jetzt verloren hast, als wenn der Fall eingetreten wäre, dass du sie mit der Zeit hättest verlieren wollen und nicht können.... Sind wir etwa Schuld daran? Haben wir dich von ihr ohne ihren Willen oder mit demselben befreit? Wenn mit ihrem Willen—so freue dich. Wenn sie dir treulos geworden ist, dann erinnere dich, Tkadleček, wie viel guten und edlen Jungfrauen und Frauen du treulos geworden bist. Daher schweig!... Du hast ja nur ein Fieber verloren, sei froh, dass du davon befreit bist.... Die Freiheit ist nicht mit Gold zu bezahlen.... Du machst aus dir einen Thoren und Verblendeten, während du dich, je länger, desto mehr vervollkommnen sollst.... Schweig mithin und schäme dich! Gedenke, dass wer alte Liebe und vergangene Minne aus seinem Herzen und Sinne nicht lassen will, der ihrer nie satt, noch von Trauer befreit wird ... dem wird keine Speise angenehm sein, der hat schon alles Gute und Schlimme, Gesundheit und Krankheit, Weisheit und Unverstand, Witz und Thorheit, wovon du, Tkadleček, weisst, wie du früher ein Buch von der Liebe verfasst hast.« Es räth ihm dann weiter, er möchte lieber diese Liebe und Klage lassen und sich lieber auf die Grammatik und Mathematik u. s. w., überhaupt auf Wissenschaft und Kunst werfen. Sehr interessant sind da die Definitionen verschiedener Wissenschaften, wie auch einige im Tkadleček angeführten Kenntnisse überhaupt sehr wunderbarer Art sind und in die Wissenschaftslehre jener Zeiten einen überraschenden Einblick gewähren. —»Die Philosophie ist der Acker aller Weisheit«, —heisst es dort—»aus dem hervorgeht und entstammt jedes Talent. Und dieses Talent theilt sich in zwei Theile, in Weisheit angeborener Sinne, die man von Natur erkennen kann, und in die Bereicherung vieler angeborener Sitten und Gewohnheiten« u. s. w.... Es wird dort auch unter den Wissenschaften angeführt Geomancia, Pyromancia, Chyromancia, Astrologia, Alchymia und eine ganze Reihe wahnwitziger Afterwissenschaften bis »zur Kunst, deren Name ist Neroka, die mit ihren süssen und gottesfürchtigen Gebeten, mit ihrem gewaltigen Beschwören und verschiedenen Dingen wahres Wissen sich erwirbt« u. s. w. Das Buch endet dann mit einer Mahnung des Unglückes, und wir erfahren nicht, ob Tkadleček etwas darauf gibt, oder nichts und ob er sein Jammern lässt. Diese Schrift also, die unvollendet geblieben ist, befriedigt nicht ganz; denn nicht blos, dass keine Handlung in derselben enthalten ist, sondern auch, dass es keine abschliessenden Gedanken am Schlusse, noch eine Darlegung eines vollkommenen Ausganges der angeführten gibt. Die Handlung liegt ganz im Hintergrunde, und diese Handlung ist sehr einfach, gewöhnlich, durch Nebenumstände nicht beleuchtet. Die Treulosigkeit der Geliebten, dass ist wahrlich ein Stoff, der alle Tage im Leben und im Romane vorkommt, der erst irgend eine Neuheit und Reiz erhält durch Vorführung begleitender Verhältnisse. Davon aber erfahren wir im Tkadleček nichts. Die Gespräche bewegen sich dort fast ausschliesslich nur auf dem Gebiete der Betrachtung, ohne Abschweifungen. Aber der Punkt, um den sich diese Gespräche bewegen, ist die Liebe, die Seele romanhafter Dichtung und des Romanes. Der Mangel an Handlung und unmittelbarer Entwicklung derselben ist allerdings der Hauptfehler dieses Werkes, der aber durch den Reichthum gehaltvoller Reflexionen und anmuthiger Bildlichkeit reichlich aufgewogen wird. Es zeigt sich uns gewiss in diesen Gesprächen ein genug buntes und lebendiges Bild der Zeit, in der sie entstanden, der vorherrschenden Meinungen in derselben, deren Vorurtheile, des Zeitgeistes und der herschenden Sitten, was alles aus dem Privatkreise hervorgeht, aus der einen und einzigen Hauptsituation, der freien Entwickelung, wie gerade der Augenblick es verlangt und keineswegs aus der rein objectiven Darstellung, worauf der Charakteristiker und Beobachter der Cultur achtet. Für den Forscher vergangener Cultur in Böhmen wird es nöthig sein, fleissig in dem Tkadleček nachzusehen, aus dem er gewiss manches lernt, das er in andern gerade belehrenden Schriften von den Sitten der Zeit des Tkadleček kaum zu lesen bekäme, auch manche Sprichwörter findet er dort, die Tkadleček »bäuerisch« nennt, wie: nach Geschmack Missgeschmack, nach Lachen Trauer u. a., auch schöne Sprachformen, die wir durch fremden Einfluss schon ganz verloren haben. Es wäre hier nicht am Platze, in alle Einzelheiten der Charakteristik dieses Buches sich einzulassen; es lag uns nur daran, in einer kurzen Bemerkung hinzuweisen auf die Schrift, deren Hauptgebrechen wir meist nur der nicht gereiften Zeit zuschreiben können, deren schöne Seiten hingegen gerade ein Verdienst des nicht gewöhnlichen Talentes des Verfassers sind. Aber nicht blos das Talent, der Verstand und Phantasie erregen unsere Aufmerksamkeit, sondern auch seine hohe Bildung, der Ueberblick über die allgemeine Literatur und die bewundernswerthe Belesenheit. Der ganze Charakter der Schrift verräth, dass Tkadleček in der Literatur seiner Zeit ganz zu Hause war. Wunderbare Metaphern und Hyperbeln, die er besonders in den ersten Abschnitten der Schrift gebraucht, sind ganz eingerichtet nach der Manier, die damals an den sogenannten Minnehöfen herschte und durch sie in die schöne Literatur jener Zeit eingeführt wurde. Geradezu auffallend aber ist die Bekanntschaft Tkadlečeks mit der alten griechischen und lateinischen Literatur, des alten und neuen Testamentes und der Schriften der Kirchenväter. Es liesse sich ein geistreiches Anecdoton von Aussprüchen alter Weisen zusammenstellen, die in dem Buche des Tkadleček angeführt sind, und es wäre dies eine ganz anständige Sammlung. Wir gewinnen damit neue Beweise von der Cultur in Böhmen zur Zeit, als in Europa ein neuer Geist erwachte, und es ist für uns um so mehr zu beklagen, dass so wenig dichterische Denkmale in böhmischer Sprache aus jenen Zeiten uns erhalten sind, da doch aus dem Buche des Tkadleček ersichtlich ist, dass selbst von ihm noch eine zweite Schrift, die über die Liebe handelt, herausgegeben wurde, von der wir allerdings nichts anderes wissen, als was er selbst aus derselben hier anführt. Wenn aber auch der Tkadleček den Liebhabern der Literatur, den Cultur- und Sprachforschern ein sehr interessantes und wichtiges Buch ist, so ist es doch nichts weniger durch übermässige Weitschweifigkeit, durch Wiederholung ein und desselben Gedankens und weite Auseinandersetzung, so zu sagen, Verwässerung des Planes und die schon lange todten und begrabenen Ansichten für einen gewöhnlichen Leser, der zwar eine belehrende, zugleich aber auch frische Unterhaltung sucht, ein nicht eben verdauliches Buch.—Damit es ein solches werde, müsste man die Pedanterie beseitigen und einen kurzen Auszug aus dem allzulangen Ganzen machen, wie dies einige französische Schriftsteller z. B. J. Janin und andere mit den alten weitschweifigen englischen Romanen, indem sie interessante und pikante Novellen schufen. Allerdings müsste dieser Auszug geistreicher ausgeführt sein, als die deutsche Uebersetzung des Tkadleček und der Auszug aus demselben, der gleich unter den ersten deutschen Drucken erschien und erneuert von Hagen herausgegeben wurde. In Böhmen erschien der Tkadleček gar nicht im Drucke, bis erst im J. 1824 in der Ausgabe von Hanka‹.
Aus den Angaben Al. Adalbert Šemberas, die im Wesentlichen mit den schon angeführten Daten übereinstimmen, will ich nur zwei Stellen anführen. (›Dějiny řeči a literatury české sepsal Alois Vojtěch Šembera. Vydání třetí ve Vídni 1869; d. h. Geschichte der böhm. Spr. und Literatur von Al. Adalbert Šembera. 3. Ausgabe. Wien 1869‹.)
S. 124 sagt er: ›Tkadleček oder die Unterredung zwischen dem Kläger und dem Unglücke über den Verlust der Geliebten. Ein originelles Werk aus dem XIV. Jahrhunderte, verfasst in ungebundener Rede von Ludwig zubenannt Tkadleček, der in Königgrätz lebte zur Zeit der Königin Elisabeth, genannt der pommerischen‹; und an einer andern Stelle ebendaselbst: ›Dieses Gespräch, das gewiss poëtischen Werth hat, wurde schon im XV. Jahrhunderte in das Deutsche übersetzt und gedruckt mit der Aufschrift: »Ackerman (statt: Weber) von Behem«.
Ziemlich eingehend behandelte den Gegenstand auch Dr. Gebauer a. a. O. in der Abhandlung: ›Ludwig Tkadleček‹, aus der ich im Folgenden die wichtigsten Angaben hervorheben will. S. 114 heisst es: ›Den Inhalt dieses Werkes bilden die Klagen eines Verliebten über die Untreue der Geliebten, auf die das Unglück antwortet und sich entschuldigt. Es ist dies ein Gemisch von Gelehrsamkeit und Talent; Gelehrsamkeit zeigt sich in den Citaten, Anspielungen und der stylistischen Form, Talent in dem gewandten Gebrauche alles Möglichen. Der Gegenstand würde genug geeignet gewesen sein zu einer poetischen Bearbeitung; aber unser Verfasser wählte nach dem Geschmacke seiner Zeit lieber die dialektische Gesprächsweise, den gelehrten Streit, deren Formen bekannt waren aus den Schulen und man kämpft hier von beiden Seiten mit Verstandesbeweisen aus der heil. Schrift, mit der Beweiskraft weltlicher Schriften, mit angebornen Beweisgründen und mit verschiedenen Beispielen (II. 79.). Seiner Zeit gefiel eine solche Lecture, uns ermüdet sie jetzt. Daher hat auch das ganze Werk keinen dichterischen Werth und nur in sprachlicher, rhetorischer und literarhistorischer Hinsicht kann man es beurtheilen. Was die Sprache anbelangt, so hat sich darüber schon Dobrovský geäussert: Vor vielen andern albernen Faseleien hätte diese Schrift der guten originellen Ausdrücke wegen wol verdient, gedruckt zu werden (Geschichte der B. Spr. 1818, 157), und Jungmann (Gesch. d. Literat. 1849, 32) nennt sie gleichfalls ein Buch, ausgezeichnet durch die Frische und Gewandtheit der Sprache. Damit stimmen wir vollkommen überein, der Verfasser war gewiss ein sehr gewandter böhmischer Stylist und fast möchten wir ihn den Meister der altböhmischen Belletristik nennen; nicht einmal die nachlässige und mitunter selbst unsinnige Interpunktion Hankas verdarb den Text so, dass die Elasticität des Styles nicht ersichtlich wäre. Aber mit alle dem wird nicht der Hauptfehler unseres Werkes verdeckt, der geschmacklose Inhalt und die unschöne Anlage, und wenn es trotzdem frühzeitig ins Deutsche übersetzt wurde, so können wir uns dies nur daraus erklären, dass der damalige Geschmack des Lesers mit Dialektik sich zufrieden stellte, wo er Poësie hätte verlangen können‹.
Weiterhin heisst es: