Unser Schriftsteller Ludwig Tkadleček, so wie seine Geliebte Adelheid, lebten in der ersten Hälfte des 14. Jahrh. als Hofleute in Gräz an der Elbe bei der verwittweten Königin Elisabeth. Es war Adelheid eine Schönheit ihrer Zeit, eine Zierde des königlichen Hofes, um die Tkadleček, als sie sich mit einem andern vermählte, nicht zu stillende Klage erhob, und so verewigte er seine Geliebte, deren Schönheit und Tugend mit seiner Feder, die er nach seinem Namen Weberschiffchen nannte. Der Kläger und das Unglück sind die Hauptpersonen dieser Schrift. Handschriften sind mir nur zwei bekannt: eine alte auf Blättern von Papier, der Trojanerkronik, dem Tristram und Mandiwill beigebunden, befindet sich jetzt auf dem Strahove und war einst im Besitze der Minoriten; eine neue Abschrift einer andern Handschrift hat mir gütigst unser geehrter Dobrowský geboten. Beide habe ich eifrig benutzt, eine aus der andern ergänzend, wobei mich in der Anordnung Herr Anton Liška, Professor des Neuhauser Gymnasiums, sehr thätig unterstützt hat‹.

Ueber den tschechischen Tkadleček spricht auch Jos. Dobrowský in seiner ›Geschichte der böhmischen Sprache und älteren Literatur Prag 1818‹ (in deutscher Sprache abgefasst.) S. 157. Nr. 9.: ›Tkadleček, der kleine Weber oder žalobnik a nesstěstj,[84] ein langes Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke, in der Handschrift A ehedem bei den P. P. Minoriten, der Geschichte von Troja beigebunden. Ich besitze auch eine neuere Abschrift nach einer andern Handschrift. Jat sem Tkadlecz vczenym rzadem, so fängt das 3. Kapitel dieses böhm. Originalwerkes an, bez drziewce, bez ramu a bez železa tkati vmiegi (für vmjm).[85] Sein wahrer Name sei aus 8 Buchstaben zusammengesetzt; der erste ist der 11te des Alphabets, der 2. der 20te, der 3te der 4te u. s. w. Nach der Enträthslung kommt nun Luduik heraus und seiner Geliebten Name Adliczka, mit dem Beinahmen Pernikařka. Sie war auf dem fürstlichen Hofe zu Grätz an der Elbe Einheitzerin (topiczka). Diese Beinahmen nimmt der Verfasser, der hier als Kläger auftritt, in figürlicher Bedeutung, und geht zu ihrem Lobe über. Ewig müsse er das Unglück hassen, weil es ihn von seiner Geliebten getrennt habe. Gegen seine Anklagen sucht das Unglück sich zu vertheidigen. Häufig werden die h. Schrift, Plato, Aristoteles, Cicero angeführt. Vor vielen andern albernen Faseleyen hätte diese Schrift, der guten originellen Ausdrücke wegen, wol verdient, gedruckt zu werden. Dies geschah in Böhmen nicht, wol aber ausserhalb. Mein sel. Freund Durich entdeckte einen alten Druck einer freyen deutschen Uebersetzung in der k. Hofbibliothek zu Wien. Das Werk ist in 4. ohne Custos und Signatur, mit einem Holzstiche geziert, der einen Bauer vorstellt, mit der Ueberschrift: Hie nach volgend u. s. w.[86] Dieser Anfang lautet nun im Böhmischen: Ach ach nastogte, Ach ach bieda, ach nasyle, Ach na tie ukrutny a wrucy shladiteli vssech zemi, sskodlivy sskuodce vsseho swieta smiely morderzi vssech dobrych lidij.[87] Das Original ist also viel wortreicher. Wie und warum man in die deutsche Bearbeitung für den Weber einen Ackersmann als Kläger aufnahm, kann ich nicht errathen‹.

Ganz dieselben Angaben über das tschechische Werk, die Hanka gegeben, hat auch Josef Jungmann in seinem Werke: ›Historie literatury české. Druhé wydání. w Praze 1849‹; d. h. Geschichte der böhmischen Literatur, 2. Aufl. Prag 1849 S. 32. N. 71 wiederholt.

Umfangreicher als die bisher erwähnten tschechischen Literarhistoriker behandelt Karl Sabina in ›Dějepis literatury československé staré a střední doby od Karla Sabiny v Praze 1866‹. D. h. Geschichte der čechoslavischen Literatur der alten Zeit und des Mittelalters. Prag 1866. Er bespricht das vorliegende Werk an 2 Stellen.

S. 104 sagt er: ›Gewiss hat die slavische Nationalität sich besonders dadurch (nämlich durch sittliche und geistige Stärke des Volkes) geschützt, dass die deutsche Sprache damals nicht zugleich auch Literatursprache in Böhmen wurde und mit ihrer äussern Macht sich zufriedenstellte; denn die Lieder der Minnesänger fanden keinen Eingang beim Volke, noch wurde irgend eine Gattung der Wissenschaft in deutscher Sprache gepflegt und wir haben keine Spur von irgend einer Literatur der in Böhmen ansässigen Deutschen, ausgenommen die Uebersetzung des böhmischen Dalimil und des Tkadleček, nach welchen Arbeiten, wie es scheint, die Hauptentwickelung der deutschen Literatur in Böhmen im XIII. und XIV. Jahrh. aufhörte‹.

S. 187 ff. geht er auf den Tkadleček näher ein: ›Das Sujet der Abhandlung war immer ein und dasselbe, nämlich die Liebe und das zarte Verhältnis beider Geschlechter zu einander. Da wurde alles benutzt, was sich nur in diesen Kreis einbeziehen liess, und wo schon weder Verstand noch Einbildungskraft ausreichte, da wurde die Allegorie eingemischt mit ihrem gewaltigen mythischen und symbolischen Apparate. Aus solchen dialectischen Versuchen entwickelte sich sogar ein eigener Stil, eine Art wunderbarer Beredtsamkeit von ein und derselben Sache, ja mitunter, so zu sagen, von Nichts. Es ist uns ein Beispiel solcher Art erhalten, ein ganz eigenes Büchlein, das man eigentlich schwer zu irgend einer schon bestehenden Gattung der Literatur zählen kann, und das wir nur deshalb in dem Kreis der Romane zählen, weil es eine romanhafte Grundlage hat und der Hauptgedanke durch romanhafte Beschaffenheit sich kennzeichnet. Dieses Büchlein ist unser böhmischer Tkadleček, bei dem nur am meisten zu beklagen ist, dass der Verfasser sich nicht an eine mehr objective Arbeit gewagt hat und sein hervorragendes Talent nicht anderen Seiten zugewendet hat. Der Tkadleček ist nur eine Episode eines Romanes, dessen Geschichte nicht niedergeschrieben wurde, sondern gerade im Leben sich zutrug, von dem dann in dieser Schrift nur raisonniert und Betrachtungen angestellt werden. Als originelles und selbständiges Beispiel literarischer Production, allerdings dem Zeitgeiste entsprechend abgefasst, aber ganz aus eigenen Kräften des Verfassers hervorgegangen und darauf beruhend, gehört es zu den interessantesten Erscheinungen unsrer mittelalterlichen Literatur.

Es enthält ein originelles Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke um den Verlust der Geliebten, und lässt sich als erster uns bekannter böhmischer Originalroman betrachten. Die Literaturgeschichte belehrt uns nur, dass Ludwig Tkadleček und seine Geliebte Adelheid in der 1. Hälfte des 14. Jahrhundertes am Hofe der verwittweten Königin Elisabeth in Königgrätz lebten. Es war Adelheid eine Schönheit ihrer Zeit, und als sie sich an einen andern verheirathete, begann Tkadleček sein nicht zu stillendes Wehklagen, und verewigte seine Geliebte, ihre Schönheit und Tugend mit seiner Feder, die er, seinem Namen entsprechend, Weberschiffchen nennt. Dieses Buch ist ausgezeichnet durch die Gewandtheit und Frische seiner Sprache. Dieses Gespräch stellt sich eigentlich nur als Epilog eines Romanes heraus, dessen Haupthandlung in die Vergangenheit fällt und im Hintergrunde steht; denn die Liebe des Tkadleček und deren Geschicke erfahren wir nur aus den Klagen, die deren unglücklicher Ausgang hervorgerufen hat, und in denen nur wie auf eine vergangene Thatsache hingewiesen wird.

Tkadleček war unzweifelhaft ein ungeheuer verliebter Schüler! Die Unterredung zeigt, dass er aus »gelehrtem, gebildetem Stande, von hervorragendem Range«, und für seine Gelehrsamkeit und Verstand gibt das Buch ein vollgültiges Zeugnis.

Inhalt und Tendenz dieses Gespräches ist folgender: Der Kläger, Tkadleček, »klagt, jammert und ruft offen und laut über das Unglück, schreit über dasselbe und schmäht es, und verflucht es mit manigfachen Verwünschungen.«— Er verflucht das Unglück nicht allein seinetwegen, sondern überhaupt, dass es viele ausgezeichnete Leute vernichtet hat.—Das Unglück antwortet dann dem Kläger, indem es ihm zu wissen gibt, weshalb es ihm mit einer Rede antworten will und fragt dann den Kläger, wer er sei, und weshalb er ihm so unverschämt zurede. Es hält ihm auch sein unmännliches Klagen vor. »Wie willst du denn mit deinem Sinne jemanden wohin leiten, wenn du ihn selbst nicht gebrauchen kannst!—Weshalb du lästerst, wissen wir nicht,« sagt das Unglück, »ausser dass wir jetzt unlängst in Graz an der Elbe, in dieser umwallten Stadt in Böhmen, mit unserer Macht und unserem Amte zwei junge Leute, einander an Jahren fast gleich, die mit einander seit einigen Jahren gut und ehrbar gelebt haben, getrennt und entfernt haben mit unserer Macht und nicht blos getrennt haben, sondern wir gedenken, sie von beiden Theilen bis zu ihrem beiderseitigen Tode nicht mehr zu vereinigen. Das geschah vor der Verbrennung dieser Stadt etwa im dritten Monate.«[88] Auf diese Weise wird uns bekannt der Ort und die Zeit, ja sogar schon die ganze Begebenheit. Nach dem Anzeichen wäre dies beiläufig das Jahr 1339, im welchem im April ganz Gräz abbrannte. Der Kläger nennt sich dann mit verstecktem Namen und bildlich, und gibt dem Unglück damit seinen Rang und Stand an, und weshalb er es schmäht; dass er nämlich der sei, der so unbarmherzig und so schmählich von seinem Troste getrennt und alles weltlichen Trostes damit beraubt sei.

»Sie war es«, sagt Tkadleček, »mit der ich seit einigen Jahren lebte, doch deucht es mir, als wäre ich mit ihr eine Stunde gewesen! Sie ist es, die immer mit mir gewesen ist und ich mit ihr ... doch sie hat sich von mir schon entfernt! Sie war mein Schild gegen alle weltlichen Feinde! ... Hinweg ist meines ganzen Wohles zuversichtliche Wahrsagerin; du Unglück, du hast mich mit ihr verfeindet. Hinweg gewendet von mir hat sie sich, sie denkt vielleicht nicht daran, zurückzukehren, vielleicht kann sie nicht, hat sie nicht die Absicht—will sie nicht! Allein bin ich geblieben in verwaistem Zustande durch ein so grosses Unglück! Hinweg ist die, die zu lieben meine Freude, mein Trost war; wenn ich mit dieser mich unterreden konnte, verlangte ich keine andere Speise.... Hinweg ist die, bei der ein Mensch, wenn man mit ihr hätte leben können, in Ewigkeit sich nicht bekümmert hätte!... Hinweg ist die, die meine Jugendjahre in aller Ehrbarkeit zur Mannbarkeit gebracht hatte, Verstand gab, den Muth erhöhte, Kurzweil vermehrte ... Verborgen hat sich mein tägliches Licht und hinweg begeben hat sich mein lichter Stern, nach dem ich mich mit meinem ganzen Sinn gerichtet habe, wie der Fährmann auf dem Meere nach dem himmlischen, umwölkten Sterne!—Hinweg ist der lichte Schein meiner Sonne!... Schon ist sie unter den Berg gesunken, in meinen Zeiten kehrt sie nicht wieder zu mir zurück!... Finstere Nacht hat mich in ihre Macht genommen; wo ich gehe, da irre ich und Nebel hat mich umfangen, schauend sehe ich nicht, ausblickend kann ich mich nicht bemerken, mich kennend habe ich mich selbst vergessen.... Ach Unglück, du hast mir schon meine Fahne herabgerissen, unter der ich meinen Verstand gerichtet habe.... Verloren habe ich den Kampf, an Ehre bin ich verringert! Wehe über den unglücklichen Tag, über die unglückliche Stunde, über die leidvolle Weile, in der mein Diamant zerbrochen ist!... Schon habe ich mein erstes und letztes Kleinod verloren, das ich als Schatz in meinem ungetheilten Herzen bewahrt habe, woran ich mich in Noth, und wann es nothwendig war, erfreute.... Hinweg ist sie, allein bin ich geblieben, ja weniger als allein, denn ich bin ohne sie wie ein halber Mensch—nicht mein, nicht ihr.«