Was war das für eine Stimme? Anne-Dores Herz erzitterte vor der Inbrunst und Eindringlichkeit, die diese Worte mit unendlich klarer Selbstverständlichkeit in die Halle der Kirche sandten. Der Pfarrer hatte sie ohne Ankündigung und ohne die Stelle zu nennen, in der sie in der Bibel standen, plötzlich in die große Stille der Wartenden hineingerufen. Mit heller, fast leidender Stimme und doch mit so ehernem Nachdruck, als hinge Leben und Tod von ihrer Wahrheit ab.
Alles war ungewöhnlich, das Niederknien auf der Kanzel, der unvermittelte Text und dies Warten nun. Dies Warten, das kein Ende nehmen wollte. Anne-Dore schlug in heißer Angst die Augen nieder. Er weiß den Anfang nicht, dachte sie und zitterte. Die Unruhe aller Herzen wuchs, wurde qualvoll, man hörte die Stille des gefüllten Gotteshauses wie ein Sausen. Anne-Dore schaute hinauf, und als sie nun sein Gesicht sah, wußte sie plötzlich, tief ergriffen, und still bis auf den Grund der Seele: Er weiß den Anfang.
Und nun begann er, fast zu leise und sagte nur die Worte: »Herr Jesus, sei mitten unter uns.« So begann er sein Gebet. Anne-Dore konnte keinen Blick von ihm wenden, während er sprach. Sie hatte nie ein Gesicht gesehen, so zermartert von Sehnsucht und Gram, so entstellt von Inbrunst. Seine Hände krampften sich so ineinander, daß sie weiß wurden, sie schaukelten hin und her und auf und nieder, als rängen sie miteinander, als wollten sie nicht ein Tröpflein Blut mehr in sich dulden. Es war, als schaute er voll hinein in das Angesicht des Heilands, als sähe er das Blut unter der Dornenkrone des Gekreuzigten niederrinnen, als habe er Macht, den Geist seines auferstandenen Gottes in dies Haus zu beschwören, als hoffe er auf eine Antwort, als er rief: »Herr, höre mich, wie ich dich zu uns rufe.« Nach dem Amen sank seine hochaufgereckte Gestalt mit einem tiefen Seufzer der schwachen Brust zusammen. Er legte beide Hände um die Bibel und begann seine erste Predigt an die Gemeinde der Nikolaikirche.
Die Menge war wie in einen Bann gesprochen. Anne-Dore zitterte und stützte sich an ihren Vater, der seinen grauen Kopf schüttelte in tiefem Erstaunen, in Abwehr und Zweifel, ja fast wie in Besorgnis. Niemand rührte sich. Es war, als wäre nach diesem Gebet die Person des Heilands gegenwärtig, jeder glaubte heimlich ihn neben sich zu wissen. Man wartete wie auf ein Wunder, auch die Gleichgültigsten harrten beklommen. Was waren das für neue allmächtige Worte? Wer war die Gemeinde der Heiligen, von der es dort oben hieß, sie würden mit Christus herrschen tausend Jahre? Seit wann war es notwendig, seinen Gott von Angesicht zu Angesicht zu kennen, zu wissen, ob man seiner Gnade teilhaftig war oder nicht? Wie Flammen sengten diese Worte sich in die erschrockenen Herzen, Anne-Dore hatte niemals geglaubt, daß eine so leuchtende Gewalt der Sprache auf der Menschenerde möglich sei. Die Worte Jesu Christi gewannen durch diese bleichen Lippen, durch die verzehrende Inbrunst dieser Glaubenszuversicht ein ganz neues Leben. Welch tiefen Sinn von zerschneidendem Ernst und edler Hoheit bekamen plötzlich die Worte der Apokalypse: »Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« — Wie ein Triumph ewiger Wahrheiten leuchtete es von dieser schmerzvollen Stirn.
Es wurde still. Dann klang das Amen leise und menschlich einfach, die Orgel setzte ein. Immer noch lag dort oben der Mann auf den Knien, als schon die ersten Verse zaghaft und bedrückt, in ganz neuer Scheu, und wie veränderten Sinnes erklangen. —
Auf dem Heimwege war Kandidat Friedberg in jeder seiner Bewegungen und im Gehabe all seiner gewaltsam bescheidenen Sätze nur die eine herausfordernde und rechtsfrohe Äußerung: Was habe ich gesagt? Habe ich es nicht gesagt?
Missionar Wendel hatte seine Brauen vorsichtig gelichtet, mit festgeschlossenem Mund und beruhigten Blicken, die nicht wanderten, meinte er nur: »Der Mann ist noch sehr jung. Ich kenne diesen Erweckungseifer und kann meine Sorgen nicht ganz von der Hand weisen. Aber Gott wird zulassen, daß alles nur zum Segen ausschlägt. Er wird wohl gewählt werden.«
Anne-Dore ging still und tief ergriffen zwischen beiden. Bei den Worten ihres Vaters hatte sie den bestimmten Eindruck, als redete er von einem ganz anderen Gott als jener Mann auf der Kanzel, der den Heiland der Menschen im eigenen Herzen erlitten, der ihn liebte und für ihn ein Streiter ohne Furcht und Zögern war. Ihr guter Vater sprach von seinem alten braven Hausgott, der ganz grau geworden war von lauter verbrauchter Güte, die man täglich soweit annahm, als man sie gerade nötig hatte; aber die Worte dessen, der ihr Herz in Feier hielt, kamen aus einer Seele, tief geneigt und geheiligt durch den Martertod des Herrn Jesu Christi. »O, daß du warm wärest oder kalt«, klang es in ihr nach, und ihr Herz glühte. Mit einem feinen schmerzlichen Lächeln voll geheimer Seligkeit verloren ihre Blicke sich im Sonnenschein und im warmen Wind. Sie fühlte sich zu neuen Kämpfen, zu neuem Wesen wunderbar bestimmt, bereit und allein. Ihr war zumut, als habe sie im Halbschlaf auf den Tag geharrt und auf ein neues Licht. »Ströme lebendigen Wassers«, sagte sie ganz leise nur mit den Lippen.
Neben ihr sprach Friedberg, und über sie hin, mit ihrem Vater. »Ich versuche mir in diesen Fragen einen offenen Sinn zu bewahren«, meinte er, »Prüfet alles und behaltet das Beste. Solange man wie ich in einer Zeit des Lernens und Werdens steht, ist einem jede Abart der Auffassung willkommen, und ich bin unbesorgt, es wird alles zu meiner Erziehung dienen.« Er betrachtete Dore, während er sprach, besorgt, daß sie ihm zuhörte.