»Wollen Sie das Losungsbuch?« fragte Herr Wendel.

Friedberg schüttelte nur den Kopf, denn er war schon im Bann seiner Pflicht, deren Erfüllung ihn ganz erheischte. Er las ein Kapitel des Apostel Paulus an die Römer, in dem er einer langen Reihe von Gemeindemitgliedern Grüße bestellen ließ. Anne-Dore hörte all die fremdartigen und sonderbaren Namen, die sie wenig erbauten. Der junge Mann las mit tiefem Ernst und einer singenden Eindringlichkeit, als wäre jede Zeile von großer Wichtigkeit und voll tiefer Weisheit. Dann betete er das Vaterunser, und als er Amen gesagt hatte, schaute er Anne-Dore an. Er klappte die Bibel zu, ohne seine Erleichterung zu verraten, und der Brille wurden ihre beiden Nickelflügel über den gläsernen Leib gelegt, so daß sie in das Etui paßte, das nicht mehr ganz neu und innen mit hellblauem Papier beklebt war.

Es war spät geworden, und man mußte sich für den Kirchgang beeilen. Frau Wendel war nicht erschienen, und so zogen die drei anderen miteinander über den niedrigen Berg in die Stadt, durch den Morgensonnenschein und durch den Gesang der Vögel. Es war eine gute halbe Stunde Wegs, und man fürchtete, daß die Kirche sehr voll sein würde, bei einer so wichtigen Gelegenheit, wie es eine Probepredigt war. Anne-Dore ging zwischen den beiden Herren, hin und wieder trat der Kandidat zurück und ließ ihr auf dem schmalen Weg den Vortritt, aber für gewöhnlich sah sie neben sich diese dunklen, dicken, steigenden Beine und den melancholischen Fall der langen, schwarzen Sonntagsröcke. Man sprach wenig. Anne-Dores Empfindungen waren matt und geteilt, keine sonderliche Erwartung hielt sie im Bann, es würde sein wie immer. Vielleicht war die Predigt wirklich ein wenig unterhaltender, vielleicht blieb der Herr Pfarrer auch in seiner Rede stecken. Aber nein, das war wohl nicht anzunehmen, obgleich sie es oft gefürchtet hatte und manchmal sogar heimlich gewünscht, nur damit ein wenig Leben in die alten Wahrheiten der Kanzel käme, die so gar nichts Neues in ihr Dasein bringen konnten.

Sie hielt erschrocken in ihren Gedanken inne. Der Versucher geht dicht neben mir und raubt mir die Andacht und die rechte Stellung des Herzens, fürchtete sie. Dann stellte sie sich vor, der Satan habe die Gestalt des Herrn Helferich Friedberg angenommen, sie wußte, daß er in vielerlei Gestalt die Herzen versuchte, aber als die Füße ihres Nachbarn wieder neben ihr auftauchten, stellte sie heimlich fest, daß solche Stiefel, wie er sie trug, stets den rechten Weg gingen. —

Die Kirche war überfüllt, und es war kein Gedanke daran, einen Platz zu finden. Zwar forschte Herr Friedberg eifrig hier und dort, um wenigstens für Anne-Dore ein Plätzchen ausfindig zu machen. Er tat es mit der Sicherheit eines, der im eigenen Hause schaltet, aber seine selbstlosen Bemühungen erregten nur Unwillen und störten. So stellten sie sich denn nebeneinander an eine breite Säule dicht am Ausgang, das junge Mädchen mit dem Rücken gegen die getünchten Steine, die ihr ein wenig Halt boten. Gerade in den bunten Farbwegen standen sie, die das Sonnenlicht durch die hohen Fenster nahm, rote, blaue und goldene Kreise malten sich in Anne-Dores Kleid. Sie neigte den Kopf und schloß die Augen, bis ihr Friedberg die Nummer des Liedes zuraunte, das gesungen wurde. Herr Wendel flüsterte seinem Gast ins Ohr, sie hätten sonst hier eigene und feste Plätze, aber die Bänke seien heute für die Kirchenältesten reserviert, die über die Wahl des neuen Pfarrers entscheiden sollten. Dann setzte die Orgel ein, milde und als wollte sie die Bewegung und die dämmerigen Geräusche beschwichtigen, die stets von einer feierlich versammelten Menge ausgehen, wie der Odem einer gedämpften Erwartung.

Nun brauste das Lied voll befreiender Inbrunst durch das breite Schiff der alten Kirche:

Steil und dornig ist der Pfad,
Der uns zur Vollendung leitet.
Selig ist, wer ihn betrat
Und im Namen Jesu streitet.

Die ernste Feierlichkeit nahm auch Anne-Dore in ihren Bann. Neben ihr behauptete sich Friedbergs Stimme. Er verschwand für sie in dieser bewegten Menge, wurde das unpersönliche Glied in einer Gemeinschaft Gläubiger und verlor für sie darüber seine armselige Körperlichkeit. Ihm dagegen, der heimlich auf sie hinschaute, erschien das Mädchen seltsam verschönt und verklärt. Er empfand eine Gemeinschaft und eine Übereinstimmung mit ihr, die sie einander geschwisterlich näherte. Das schöne farbige Licht auf ihrem geneigten Scheitel und ihrem weißen Kleid tat dazu das Seine, und er fühlte sich eigenartig beglückt und wundervoll geborgen unter den Menschen.

Es war das zweite Lied. Der Altardienst war schon beendet, die Predigt stand bevor, und vom dritten Vers ab wandte die Aufmerksamkeit der Andächtigen sich der kleinen Tür in der Sakristei zu, durch die Pastor Jacoby kommen sollte. Anne-Dore konnte dorthin nicht sehen, sie erblickte den Pfarrer erst, als er langsam und scheinbar tief in Gedanken die offene Treppe zur Kanzel emporstieg. Dort sah sie ihn nur kurz und undeutlich, denn er kniete sogleich nieder, um zu beten und sie sah nur seinen Scheitel, der dunkelblond und schlicht über dem schweren Samt der großen Bibeldecke lange still und unbeweglich im matten Licht der Kirche ruhte. Als er sich aufrichtete, sang die Gemeinde den letzten Vers, und Anne-Dore hatte Muße, das Gesicht des Geistlichen zu betrachten. Seine Augen lagen im Schatten der sehr bleichen Stirn, und ein dunkler Bart verdeckte klein und weich den Mund und das Kinn. Die gerade Nase war von vornehmem und fast zartem Schnitt. Seine Blicke glitten ruhig über die Versammlung hin, verweilten hier ein wenig, dort einen Augenblick, gelassen und klug, in einem Prüfen, das fast etwas Trauriges hatte. Anne-Dore fand dies Gesicht sehr schön.

»Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.«