Nun hörte sie die Glocken hinter den Hügeln, die ihr heimatliches Tal von der Stadt trennten. Ein undeutlicher, schwerer, summender Morgengesang. Die Dorfglocken von Hildenrot antworteten hell und harmlos. Sie dachte an das Forsthaus dort am Waldrand, sah aus dem Fenster über die Heide hin nach den Bergen und wünschte sich, dorthin zu dürfen, statt in die graue Stadtkirche mit ihren hundert fremden frommen Menschen.

Sie hörte dann die Stimme ihres Vaters im Garten, als sie die helle Bluse mühsam hinten zuknöpfte, sie zupfte sie über der Brust zurecht und wurde vor dem Spiegel ein wenig unsicher, als sie ihre Figur prüfte. Sie faltete die Hände an den Fingerspitzen, preßte sie auf ihre Brust und zog sie fest an den Körper, die weißen Zähne auf der Lippe. Es half nichts. Ich werde eine große Frau, dachte sie, gab ihrem Kopf eine gezierte und steife Würde der Haltung und blickte hochfahrend und ernst auf ihr Gesicht im Spiegel. Es ist wahr, dachte sie dann und senkte den Kopf nach hinten, die Zöpfe kann ich nicht mehr tragen. Sie wickelte sie leicht und prüfend um den Kopf, eine schwere dunkle Krone von mächtiger Fülle ruhten sie um ihre Schläfen, machten ihr Gesicht bleicher und kleiner und senkten feine blausilberne Schatten auf die bedächtigen Lider der reinen Augen.

Schnell ließ sie sie fallen und eilte zum Kaffee hinunter.

Sie hatten schon begonnen, als sie eintrat. Die Bibel für die Morgenandacht lag bereits neben dem Platz des Vaters. Helferich Friedberg erhob sich, als sie eintrat, kaute angestrengt und heimlich, während sie ihren Vater küßte, versuchte zu schlucken und mußte dann doch mit vollem Mund sein »Guten Morgen, gnädiges Fräulein« sagen.

»O o,« meinte der Vater, »wir lassen es besser bei einem einfachen Fräulein Wendel.« Und er schaute ein klein wenig strafend auf den Kandidaten, als wäre da mit ihm ein ganz falscher Ton in die Gemeinschaft ihres schlichten Familienlebens gedrungen.

Schade, dachte Dore, und wußte nicht recht, warum sie diese Änderung bedauerte. Er wird sonst am Ende zu weltmännisch, schloß sie ihren Gedanken, und ein ganz feines Lächeln, das niemand sah, huschte zu kurzer ungewohnter Rast über ihren kindlichen Mund. Sie mußte sich etwas beeilen und trank flüchtig ihren Kaffee, Herr Wendel schob dem Gast die Bibel in freundlichem Ernst neben den Teller und bat ihn, diese liebe Pflicht für heute zu erfüllen. Es lag wohl etwas Respekt vor dem studierten Manne in seiner Aufforderung und doch auch die Herablassung eines, der aus Brüderlichkeit und Bescheidenheit gern auf ein Vorrecht Verzicht leistet.

Herr Friedberg kämpfte in diesem besonderen Fall seine Befangenheit mit Erfolg nieder. Hier spielte etwas in seinen Beruf hinüber und streifte den Gang seiner heiligsten Pflichten. Er forschte bescheiden:

»Ich weiß nicht, wie Sie es in Ihrem Hause zu halten pflegen, Herr Missionar.«

»Folgen Sie ganz Ihrem Herzen«, sagte Herr Wendel und lächelte und nickte ermutigend. »In diesen Dingen gibt es kein Gesetz, und wir wollen dankbar sein, wenn Sie uns eine neue Art zeigen, in der wir vor den Herrn treten können.«

Anne-Dore wurde dunkelrot. Ihr Zorn, als sie es fühlte, änderte diese verräterische Erscheinung nicht zugunsten. Niemand sah es. Herrn Friedbergs breite Finger suchten am Goldschnitt, er besann sich, schlug dann kurz entschlossen im Neuen Testament eine beliebige Stelle auf und suchte seine Brille.