Handlungen und Lebensgewohnheiten, die sonst allein durch den tiefbegründeten und eingeborenen Geschmack eines reichen Herzens ihren Adel gewinnen, stellten sich bei ihr ein, als schlüge ein neues Herz in ihrer Brust. Als habe eine neue Kraft, voll unergründlicher Schönheit, sie eng und wie an Kindes Statt in den edlen Gang ihres Waltens gezogen, sie ganz für sich genommen und herrlich bereitet für eine glückselige Zukunft.
Herr und Frau Wendel sahen die Veränderung nur in ihrer Wirkung, die bis in die kleinsten Einzelheiten der nüchternen Tage reichte. Ihre anfängliche Besorgnis wich einer frohen Bewunderung. Die neue und stille Freude, die das Wesen ihres Kindes verklärte, warf ihren Schein auch über ihre Stunden, beglückt und zuversichtlich dankten sie ihrem Gott. Da Anne-Dore niemals über ihre inneren Erlebnisse und über die Seelenvorgänge sprach, die sie bewegten, niemals einen Versuch machte, jemanden anders als durch ihr Tun von der Schönheit dessen zu überzeugen, dem sie diente, blieb ihre Welt unangetastet wie ein Heiligtum.
Einen tiefen Eindruck hinterließen diese Erscheinungen, die sich durch Wochen hindurch vollzogen, auch bei Helferich Friedberg. Anfänglich gab er dem unklaren Drang seiner geteilten Gefühle Anne-Dore gegenüber Ausdruck. Er meinte einmal, als sie miteinander von einem Kirchgang heimkehrten, es wäre eigentlich Christenpflicht, sich nicht so einseitig beeinflussen zu lassen, ob sie nicht einmal zu einem anderen Prediger gehen wollten und nicht immer zu Pastor Jacoby, der übrigens auch anfinge sich zu wiederholen.
Dore schüttelte den Kopf. Sie ginge zu Pastor Jacoby, solange sich ihr Gelegenheit böte. Er würde wohl kaum lange bei dieser Gemeinde bleiben. Aber er, Friedberg, tue sicher recht daran, diesem Gefühl zu folgen, wenn er es ehrlich glaube.
Er sprach wieder, dachte aber nicht an seine Sätze, sondern an ihre letzte Bemerkung, und darüber ertappte er sich bei der Erkenntnis, daß sein Vorschlag nicht ganz selbstlos und ehrlich gewesen war. Er schwieg dann, um ungehindert seinen Gedanken folgen zu können. War es wirklich so, daß ihn davor bangte, Anne-Dore möchte allzu tief und allzu menschlich im Bann dieses Mannes stehn, den er bewunderte mit heimlichem Neid? Ja, er hatte wahrhaftig den Wunsch, Anne-Dore möchte auch ihn ein wenig anders beachten, als nur auf jene freundlich gelassene Art, in der sie ihm hin und wieder flüchtig gehörte. Meistens nur dann, wenn er über Pastor Jacoby und dessen Auslegungen sprach, wenn er sie mit anderen Auffassungen verglich und dem Mädchen bestätigen konnte, daß keine feinsinniger und tiefer erfaßt waren als die seinen. Und unbewußt war ihm Pastor Jacoby beinahe um dieses einen Umstandes willen lieb geworden.
Nun, da er so neben ihr hinschritt, schämte er sich plötzlich dieser Wahrheit, und tief in seinem Herzen tauchte ein neues Bewußtsein auf, das ihn eigen und wehmütig erregte. Wie nun, wenn er die Führung seines Gottes darin erkennen durfte, daß er gerade in dieses Haus und an die Seite dieses Mädchens gekommen war? Daß ihm der Herr in seiner unergründlichen Freundlichkeit hier einen Fingerzeig für sein künftiges Leben gab und eine Bestimmung sie zusammengeführt hatte und einst ganz vereinen wollte?
Er erschrak und wies den Gedanken von sich. Er lag ihm anfänglich doch zu nah bei seiner Bewunderung für ihre Frömmigkeit. Ihm war, als betaste er mit solchen Wünschen ein Eigentum des Erlösers, als versündige er sich gegen ein erwähltes Kind des Himmels. Aber der Gedanke kehrte wieder und immer wieder und überwand ihn. Er war neben einen Schatz von viel Schönheit und Tugend gestellt worden, und gewiß nicht ohne eine Fügung des Himmels. Und unter Gebeten und wohlverborgen allen Menschen, beschloß er diesen Schatz zu heben.
Alle Ideale eines vollkommenen Christentums und alle Vorstellungen von einer untadeligen Gattin vereinigten sich ihm mehr und mehr in der Person Anne-Dores, und machten ihm bald das Herz warm in Form von langen inbrünstigen Gebeten und bald in einer sehnsüchtigen Schwärmerei. Und beide Formen flossen wehmütig ineinander über, und ihn verlangte bald nicht mehr sonderlich heiß nach ihrer klaren Trennung.
Es war in diesen Wochen gewesen, als eines Mittags ein kleiner hoher, zweirädriger Wagen von bestechender Eleganz und fast zerbrechlicher Leichtigkeit in der Nähe des Wendelschen Wohnhauses auf dem schmalen Fahrweg hielt. Anne-Dore stellte ihre Arbeit im Garten ein, wo es am Weinstaket der Veranda zu tun gab, und schaute neugierig hinüber, angezogen durch helle, feste Stimmen und frohes Lachen. Sie sah zwei junge Herren in englischen Anzügen, fein und knapp gekleidet, wie sie vom Wagen sprangen, der eigentlich in federnder Schwebe zwischen den hohen Rädern nur ein einziges Sitzbrett hatte. Der Jüngere von ihnen warf die Zügel um eine kleine Kiefer am Wegrand, wobei er das Bäumchen nicht gerade sonderlich schonte, und dann schritten die beiden über das unbebaute Stückchen Heideland, das schmal und verwildert Wendels Garten vom Wald trennte. Dieser Landstrich gehörte der Stadt, soviel Anne-Dore wußte, sie pflegte dort ihre Wäsche zu trocknen und zu bleichen. Die Herren schienen etwas zu vermessen, sie gingen auf und ab, zählten die Schritte, schauten nach dem Stand der Sonne und prüften den Boden. Hin und wieder verstand das Mädchen ein lauteres Wort, konnte aber die Absichten der beiden nicht erraten. Der Ältere zeichnete in sein Notizbuch, steckte Stöckchen in den Boden und schien mit seinen Erfahrungen zufrieden. Der andere langweilte sich scheinbar bald dabei, er hieb nachlässig mit seinem Stock in die jungen Huflattichblätter am Wegrand, klopfte dem Pferd den schlanken glänzenden Hals und sah hin und wieder zu ihr in den Garten hinüber. Er konnte sie nicht erblicken, nur das Haus schien ihm zu gefallen, er ging ein paar Schritte am Garten entlang und schaute zu den umgrünten Fenstern hinauf.