»Mark,« rief da der andere von oben, »schreibe auf: zehn Schritte vom Waldrand und zwanzig vom Weg. Es geht ausgezeichnet!«

Der Angeredete winkte ab.

»Kind,« gab er zurück, »wozu hast du dein Notizbuch!« Und er fing an, am Zaun des Wendelschen Gartens Heckenrosen abzuschneiden. »Verflucht«, hörte sie dann plötzlich und gleich darauf das zwitschernde Geräusch von saugenden Lippen an seinem Finger.

Anne-Dore hatte schon darüber lachen müssen, daß er diesen großen Menschen da oben mit »Kind« anredete, aber das hätte wahrhaftig auch auf Friedberg gepaßt. Nun, da er sich auch noch gestochen hatte, wurde ihr ordentlich lustig zu Sinn. Das schadete ihm nichts, so frech wie er war. Daß er geflucht hatte, war ihr gar nicht recht ins Bewußtsein gedrungen, sie hätte es sicher nicht verziehen, aber er hatte es mit einer Stimme gesagt, bei deren Klang es so seltsam wie ein natürlicher Schmerzenslaut wirkte, daß es jedenfalls auch ihrem Vater nicht aufgefallen wäre.

Jetzt sah sie sein Gesicht. Er hörte gar nicht auf, ihre Blumen zu stehlen, hatte schon einen ganzen Strauß und schnitt unbesorgt weiter, bog Äste nieder und knickte sie ab, rücksichtslos und erfreut. Dore fand es nett, daß er Blumen mochte, darüber verzieh sie ihm seinen Raub. Und auch, weil sein Gesicht ihr gefiel. Sie gestand es sich nicht zu, aber es zog sie an, schmal und leicht gebräunt wie es war, mit Augen, die ihr grau erschienen, und braunem Haar, das unter der englischen Kappe hervordrängte, weich und voll.

Das Pferd riß sich los. Es warf den Kopf unruhig, scheinbar gequält durch ein Insekt. Dann hob es sich rasch und schmerzvoll mit erregtem Schnauben, schlug und bäumte.

Mit zwei, drei Sprüngen war der Blumendieb beim Wagen.

»Verdammte Canaille!«, rief er hell und fing die flatternden Zügel mit sicherer Hand. »Schmeiß mir die Karre noch kaput, dummes Luder!«

Aber dann sprach er beruhigend und gütig auf das zitternde Tier ein, suchte nach der Ursache seiner Angst, ohne sie zu finden. Wieder stieg es schnaubend empor. Wie fest die schmale, weiße Hand den Zügel hielt. Jetzt wurde es ernst. Der Rosenstrauß flog auf und zerflatterte wild in der Luft und am Boden. Es gab ein zorniges Ringen. Von oben lief der Freund in langen Sprüngen herbei.

Sie bändigten das scheue Tier. Eine Pferdebremse mußte die Ursache gewesen sein. Dann saßen sie rasch und sicher von zwei Seiten wieder nebeneinander oben und das Tier zog mit kräftigem Ruck an, befreit und in weitausholendem Trab.