Da lagen die schönen Rosen im Staub der Straße. Anne-Dore schickte Lotte und ließ sie holen. Es wäre schade um die Blumen gewesen, wenigstens sollten sie nun den Mittagstisch schmücken, rasch verwelkt, wie sie sein würden.

Beim Essen erzählte sie den kleinen Vorfall, der sie seltsam erregt hatte. Sie war ihrem pochenden Herzen mit der Hand zu Hilfe geeilt, als der junge Mensch sich so kühn und mit der Gefahr vertraut um das bäumende Tier bemühte. Und doch war sein Erfolg ihm leicht und selbstverständlich gewesen. Sie schaute freundlich auf die Blumen, die Lotte ins Wasser getaucht hatte, um sie vom Staub zu säubern. Sie strömten nun im Schatten schwach und fein ihren zärtlichen süßen Geruch von Honig und Sonne aus.

Friedberg wußte Bescheid. Es würde wohl gebaut werden. Natürlich. Was denn sonst? Und die beiden Herren waren der Baumeister und der Besitzer gewesen.

Anne-Dore widersprach. So sähe kein Baumeister aus. Sie wußte nicht recht, weshalb, aber einen solchen Mann stellte sie sich viel älter vor, mit einem Vollbart und einer leichten Neigung zu Kopfschmerzen.

Herr Wendel mußte lachen.

»Aber ich glaube auch nicht, daß dort gebaut wird«, meinte er. »Es gibt schönere Orte in der Nähe, auch ist ja hier kaum Platz für einen Garten, den will man doch für gewöhnlich.«

Man einigte sich nicht, obgleich man fast unermüdlich bei diesem Thema blieb, Friedberg, um Anne-Dore zu ehren, die es begonnen hatte, und Herr Wendel, weil ihm ehrlich der Wunsch am Herzen lag, man möchte ihm dort kein Haus zwischen seinen hübschen Besitz und den Wald bauen.

Noch am Abend mußte Anne-Dore immer an den Vorfall denken und an seinen Helden, der Mark hieß. Sie konnte nicht einschlafen, wollte sich zwingen und verlor darüber den Rest ihrer Müdigkeit. Es war schon spät und eine warme Nacht. Der Mond stand in wandernden Wolken, aber man hörte keinen Wind. Sie hatte ihr Licht gelöscht, und im Bann einer ganz fremden Traurigkeit schaute sie ruhig von ihren Kissen aus, wie am Boden bald klar und weiß der helle Schein vom Himmel lag, wie es bald grau und still über ihn hinzog und wie darüber lautlos ihr Zimmer versank. Wenn es dunkel wurde, wünschte sie sich, er käme wieder, der weiße Schein, sie sah dann die Gegenstände im Zimmer, die schliefen, die Sprüche an der Wand, ihren Schreibtisch und die bunten Rücken ihrer Bücher auf dem kleinen Wandbrett. Sie konnte sie alle erkennen, am Tischrand lag aufgeschlagen ein Predigtbuch des Engländers Spurgeon, das Friedberg ihr in einer neuen Übersetzung geschenkt hatte. Was er dazu sagte, hatte ihn verraten. Es war ihm daran gelegen, ein Gegengewicht gegen den Einfluß Pastor Jacobys zu bieten, dessen Wirkungen ihm zu nachhaltig wurden. Sie mußte lächeln. Er war wirklich allzu besorgt, der Brave. Wieder senkte sie Müdigkeit lau in halbe Träume, in Träume, die Gedanken waren, und in Gedanken, die von Träumen überwunden wurden.

Warum erschien es ihr, als betaste die unbedachte, von keinerlei Harm und Milde geschwächte Kraft, die ihr heute so neu und frisch entgegengelacht hatte, die feierliche Schönheit ihrer Seelenwelt? Es lagen vage Sehnsüchte in ihr miteinander im Streit. Irgendwie wurde ihr Glück verhöhnt, nicht frech und mit bewußter Anmaßung, auch nicht mit Groll und Haß, nein, wie mit dem Achselzucken einer jugendlichen Erdensicherheit. Konnte denn solche Kraft bestehen, eine Gewalt, so aller Freude gewiß, so gesund und froh, neben den blutigen Siegen des Erwählten, der die Welt überwunden und der auch ihren Frieden hüten wollte?

Sie ertappte sich darüber bei der seltsamen Vorstellung, die sie bisher von gottlosen Weltmenschen gehabt hatte. Von Weltmenschen, wie ihr guter Vater sie sah und wie ihre Mutter sie fürchtete. Nur durch den Trotz der Sünde waren diese Gestalten erhoben, an ihren Stirnen brannte das Mal der Verfluchten, und sie eilten in einem Rausch falscher Freuden über die Erde, wie von der Unrast eines bösen Gewissens gehetzt und ohne einen Schein wahren Glücks.