Ein Gefühl von tiefer Beschämung beschlich sie. Nein, so hatte sie sich diese Menschen doch nicht ganz gedacht, aber sie merkte nun, daß sie keine klaren Bilder von ihnen und ihrem Wesen kannte. War das nicht ein böser Fehler im Haushalte ihrer Weltbetrachtung? Ihr war, als sei sie plötzlich nur deshalb von einem Feinde überrascht worden, weil sie es nie für gut befunden hatte, seine Art und seine Macht unbefangenen Sinns zu prüfen.
Es wurde wieder hell im Zimmer, ein klarer Glanz siegte, weiß, rasch und doch feierlich. — Nun schritt sie im Mondlicht am Garten entlang, brach mit eigensinnigen Fingern die Knospen der Heckenrosen, die Zweige raschelten, wenn sie zurückschnellten, und die verblühten Rosen entblätterten sich ins Laub. Mit einem Schmerzensruf zog sie die Hand zurück und sah aus ihrem Finger rote Tropfen steigen, einen nach dem andern. Sie legten einen kleinen blutigen Weg um ihren Finger zurück und zersprangen im Staub der Straße. Ratlos schützte sie mit der anderen Hand ihr langes weißes Kleid, das im Mond glänzte, und erschrak furchtbar, als sie erkannte, daß es ihr Hemd war. Da kam über den Weg mit raschen festen Schritten der Fremde vom Mittag, er ergriff ihren Arm, neigte sich über ihre Hand und sie fühlte, wie er die Wunde an ihrem Finger zupreßte.
Mit einem Schauer erwachte sie und mit einem lauten Schrei.
Das Zimmer war tief in Finsternis gehüllt, sie erkannte kaum das Fenster. Man hörte den Wind sausen, die Bäume schüttelten sich, jählings erwacht, und ihr war es, als schlügen Tropfen auf das Verandadach.
»Ich bin traurig«, sagte sie leise und wunderte sich über ihre Worte, die sie nicht hatte sagen wollen.
Was wollte dieser seltsame Traum, der ihre Gedanken überholt hatte, als fände er sie gestaltlos und krank? Hilflos und von einer fremdartigen Angst gequält, die sie nicht kannte, die etwas von den Nächten ihrer ersten einsamen Erfahrungen hatte, stand sie auf und tastete nach dem Licht. Da sie es nicht fand, ließ sie sich im Dunkeln vor ihrem Bett auf die Knie nieder und über ihrem Gebet schlief sie ein, die Schläfe auf den gefalteten Händen und schwer auf den alten Sessel gestützt, auf dem ihre Kleider lagen.
Nun kam wieder der Mond, zögernd, als schiene er durch feine Schleier, dann blendend und klar wie in einem ehrlosen Triumph ohne Neid und Güte.
Fünftes Kapitel.
Sie hatten nun erfahren, Herr Missionar Wendel und Kandidat Friedberg, daß ihre Schlüsse falsch und ihre Besorgnis unnötig gewesen waren, denn die Arbeiten, die drüben am Waldrand nach wenigen Tagen begonnen wurden, unterrichteten sie darüber, daß ein Tennisplatz angelegt wurde. Die Vorbereitungen gingen rasch und sicher vonstatten, bald erhoben sich hohe dünne Drahtstakete vor dem Grün des Waldes, der Boden wurde prächtig geglättet und mit Lehm überstampft, durch schmale eingesenkte Holzleisten in große und kleine Rechtecke eingeteilt, und ein hübscher kleiner Zaun aus gekreuzten Weidenstämmchen und Zweiggeflecht trennte dies Heiligtum irdischer Lust von der schmalen Fahrstraße, die schon ein paar hundert Schritte weiter in einen Feldweg überging. Vierzehn Tage hindurch schnarchten kleine Sägen schon früh bei Sonnenaufgang, Handbeile zersplitterten frisches Gebälk, und Hämmern und Klopfen weckte die Bewohner des ruhigen und verschonten Hauses. Frau Wendel war nicht sehr erbaut durch diese Erscheinungen, aber da der Vater sie mit gutem Humor ertrug und sogar einmal den beiden jungen Leuten die Hoffnung machte, auch für sie möchte sich nun wohl Gelegenheit bieten, einmal mitzuspielen, ließ auch die Mutter beruhigter diesen Dingen ihren Lauf, die in der genußsüchtigen Welt nun einmal nicht zu ändern waren.