Eines Tages klingelte es gegen Mittag unfreundlich und eindringlich. Anne-Dore sah im Wohnzimmer den Freund ihres Blumendiebes im Gespräch mit ihrem Vater, und erfuhr später, daß um die Erlaubnis nachgesucht worden war, das Tennisnetz und die Bälle über Nacht im Hause unterbringen zu dürfen. Herr Missionar Wendel hatte es gern erlaubt, Lotte würde es ihnen stets auf Wunsch aushändigen, und für den Fall einmal alle ausgeflogen wären, würden die Herren ihre Geräte im Gartenhaus verwahrt finden, wohin sie leicht durch das Hinterpförtchen gelangen könnten.

»Es war wirklich ein höflicher und liebenswürdiger junger Mann, der aus gutem Hause sein muß«, erzählte er den andern. »Es ist ja verständlich, daß sie uns bitten, wie umständlich wäre es, das schwere Netz jedesmal hin und her zu schleppen.«

Das wäre nun freilich keine allzu große Mühe gewesen, denn sie kamen bald darauf für gewöhnlich in ihrem kleinen Wagen, bald auch zu Rad, und manchmal fuhren sogar mehrere Droschken vor, ein Luxus, der Herrn Wendel ungebührend und bedauerlich erschien. »So junge Leute ... «, sagte er mit Kopfschütteln.

Nichtsdestoweniger schaute er ihrem bunten Spiel gern und oft zu. Es war ein prächtiger und für Anne-Dore ganz ungewöhnlicher Anblick, der sie an ihre alten Träume von leichtfertiger Daseinslust und großem Leben erinnerte. Dies helle Lachen war verführerisch, wie das Lied der Waldvögel einem gefangenen Sänger im Käfig erscheinen mußte, es lockte heimlich an und überredete das Herz zu neuen Wünschen. Sie sah die geschmeidigen jungen Körper dort drüben wie im Flug ihrer fröhlichen Rufe. Das Lachen klang in den Sonnenschein, wie der Triumph einer Lebensfreude, die unbestechlich war und nie zu überreden. Jugend hieß das große helle Recht, das dort selbstherrlich und ohne Bedacht den Beglückten die Brust weitete, und aus den frohen Blicken leuchtete es wie Licht, wie Glück. Anne-Dore beobachtete alles, sie sah die prächtigen hellen Kleider der jungen Damen, Kostüme, die einzig für dieses Spiel erdacht schienen, das goldene Blondhaar in der Sonne, bestürmt vom seligen Eifer kindlicher Kämpfe, die leichten weißen Anzüge der jungen Herren, ihre feinen bunten Hemden, deren weicher Fall den schlanken Körpern ihr Recht an Luft und Sonnenschein ließ. Wie schwerfällig und müde erschien ihr darüber oft ihr eigener Körper, und ihrer Seele ward oft der Flug so schwer, heim, in das Dämmerland früher Würde und kühler Resignation. —

»Die Damen kreischen, manchmal kreischen sie verletzend und springen zu hoch«, sagte Friedberg, und wußte nicht, daß er Anne-Dore mit diesen Erkenntnissen zu trösten hoffte. Er ereiferte sich für die eigene Welt, für ihre Welt, wie er sie nannte, und ahnte nicht, wie sehr sein Lob ihr den Glanz der himmlischen Güter trübte. Anne-Dore fühlte sein Bedürfnis, in dem er wieder und immer wieder ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit zu betonen suchte, das sie und ihn in ihrem Glauben verband, und empfand es wie einen Mißbrauch, der sie quälte. Sie kämpfte ihre Mißachtung nieder, aber ihr schien, als ehrten ihre heimlichen Siege ihn wenig, und sie wünschte sich ein Zartgefühl bei ihm, das ihr solche Milde erließ.

Sie saßen miteinander im Garten, an einem warmen Nachmittage in diesem schönen Frühling, der nun schon auf den Sommer zuging. Drüben wurde Tennis gespielt, die hellen knappen Zurufe und der lustige Zorn mancher harmlosen Streitigkeit flatterte über den trägen Strom ihrer eintönigen Unterhaltung hin. Anne-Dore dachte daran, wie sie diesen Morgen zu dreien miteinander in die Kirche gegangen waren, feierlich, schwarz und still, gerade als drüben die beiden Freunde mit ihrem Wagen zum Spiel anlangten. Sie hatten gegrüßt, fast ohne sie anzuschauen, und Anne-Dore war rot geworden. Sie hatte es mit Angst und Herzeleid gefühlt. Wie herausfordernd trug Friedberg sein Gesangbuch, so bekenntnisfroh und glaubenssicher. War er zu beneiden? Gewiß nicht. Wie er nun wieder so kränkend zuversichtlich von seiner Innenwelt sprach, in der ihn niemand bedrängte, deren einfältige Kraft sicher in den Beschränkungen ruhte, die seine derben und schlichten Anlagen ihm zogen. Sie mußte an das Wort Christi denken: »Wer da hat, dem wird gegeben«, und fand die Lösung nicht, die angesichts dieses Verschonten ihre Kämpfe und ihr Schmerz erheischten. War ihm nicht alles gegeben, das nur immer ein gläubiger Christ sich wünschen konnte? Aber nun plötzlich wußte sie und ihre Stirn sank ein wenig: die Gaben und ihre Herrlichkeit, von denen hier die Rede war, hatten nichts gemein mit jener selbstgefälligen Genügsamkeit und ihrem Glück. Es bedurfte anderer Reichtümer, denen noch gegeben werden sollte, und diese Gaben waren so bitter und belastet mit zeitlichem Herzeleid, daß über ihnen eine ewige Krone unberührbarer Schönheit in ein künftiges Reich hinüberglänzen sollte. In ein Reich, das nicht verging, in dem wohlverwahrt jedes Leid gekannt wurde, als dürfte es nie verloren gehen, als habe die Erde nichts getragen, das hoheitsvoller gewesen wäre und der göttlichen Liebe vertrauter. Und sie schämte sich ihrer Kämpfe nicht mehr, und kein Kummer schien ihr zu gering, und keine weltliche Freude barg einen Ersatz.

In ihre Gedanken hinein, von denen Friedberg im matten Eifer seiner Beredsamkeit nichts ahnte, und in die durchsonnte Stille des mittäglich schlummernden Gartens flog es da plötzlich mit hellem Rascheln durch die Baumzweige, schlug auf am Wegrand und sprang mit rotem Lachen in das dunkelgrüne Laub des Efeus. Ein Tennisball! Er rollte vor die Laube, besann sich noch ein Weilchen in leichtem Schaukeln und lehnte sich dann beruhigt an Friedbergs Stiefel.

Der Kandidat sprang auf und zog ein Gesicht, als habe man ihn beleidigt. Seine Arme glichen in der Luft irgend etwas aus. Er stellte fest:

»Der ist hier herübergeflogen, der Ball, von drüben offenbar.«

Das war nicht zu bestreiten, Dore mußte über seinen Schreck lachen und hob die rote elastische Kugel auf, wog sie in der Hand und prüfte mit dem Daumen ihre Federung.