»Warum quälst du mich so sehr? Gibt es keinen Ausweg für mich? Tu ein Wunder, Herr Jesus.«

War denn in der Welt niemand, der ihr helfen konnte, niemand, bei dem sie Rat und Zuflucht finden würde? — Plötzlich dachte sie an Pastor Jacoby. Sie wollte zu ihm gehen. Wer anders als er würde ihr raten, würde ihr den rechten Weg zeigen und ihr sagen können, was recht und unrecht, was gut und schlecht sei. Sie atmete auf wie erlöst. Da ihr Rettung aus ihrem Plan winkte, betäubte sie jeden Einwand ihres Herzens in einem Aufbruch, der nichts als eine Flucht vor ihrer Einsamkeit und ihren Kämpfen war. Alles würde sie ertragen lernen, nur sollte dieser graunvolle Widerstreit ihrer Seele enden, der sie zerstörte. —

Auf dem Wege in die Stadt stellte sie sich sein Gesicht vor, seine Gebärden, wenn er predigte, seinen tiefen, klaren Ernst, die begnadete Hoheit, die mit seiner Schönheit ausging, als habe der Heiland selber ihn zu seinem Jünger und zum Sachwalter seiner Barmherzigkeit erwählt. — Sie schritt eilig dahin durch die ruhige Straße der kleinen Vorstadt, mit einem ganz eigenen Lächeln auf dem Gesicht und beinahe ein wenig geziert. Wer sie erblickt hätte, dem wäre sicher der Gedanke gekommen: Jugend ist leichtfertig, fröhlich, fähig sich unbedacht einem Glück hinzugeben. —

Anne-Dore nahm sich fest vor, sich nicht auf ihre Worte vorzubereiten. Es sollte alles kommen, wie es nun einmal mußte. Nur eins beschloß sie mit zuversichtlichem Glauben an ihre Kraft dazu, sie wollte Mark Enz nicht preisgeben, ihn weder nennen noch verraten. Sie blieb plötzlich stehen: er wartete bei der Waldlichtung unter Hildenrot, lag sicher wie sonst im Gras am Rand der Heide in dieser Sonne, die auch sie erreichte ... Nun lief sie beinahe. Als sie vor dem Pfarrhause stand, das in einer Nebengasse im Schatten der Nikolaikirche lag, klingelte sie in einer seltsamen Gelassenheit, in einer schläfrigen Bedachtheit, die etwas von den Bewegungen hatte, wie man sie aus Träumen kennt. Sie wartete, daß man ihr öffnen möchte, und wartete im Grunde doch nur auf ein Wunder.

Sie wurde in ein kleines nüchternes Besuchszimmer geführt, das für alle bestimmt schien; nebenan hörte sie sprechen und lachen. Da sie dem Dienstmädchen ihren Namen genannt hatte, begrüßte Pastor Jacoby sie herzlich und ohne Fragen, weil er die geachtete Familie ihres Vaters kannte.

»Ich möchte Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rat bitten,« sagte Anne-Dore.

Er nickte. In seinem Arbeitszimmer spielte sein kleines blondes Töchterchen, und er wandte sich in gleichgültigen Fragen bald an Anne-Dore, bald an sein Kind. Vielleicht hatte er erkannt, daß das junge Mädchen erregt und schüchtern war, und er hoffte so, ihr Gelegenheit zur Sammlung zu geben und die Möglichkeit, sich ein wenig mit der Umgebung und mit den Erscheinungen abzufinden. Er sprach von ihrem Vater, erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter, ohne zu ahnen, was in diesen Augenblicken in der Seele Anne-Dores vorging.

War dieser bewegliche und gesprächige Mann mit den etwas zärtlichen, sympathischen Zügen Pastor Jacoby, der Geistliche, der ihr Wesen verändert und ihr Herz so oft in Gluten von Liebe und Andacht getaucht? Sie traute ihren Sinnen nicht mehr und starrte ihn an, als habe er sie tödlich beleidigt. Sie wollte nicht acht haben auf diese Äußerlichkeiten, die ihn ihr in so völlig anderem Lichte zeigten, aber sie drängten sich ihr auf, mit qualvoller nüchterner Deutlichkeit. Jedesmal wenn er mit seiner wohlklingenden Stimme einen Satz gesagt hatte, umglitten seine kleinen weißen Hände einander, als müßte sein großes Wohlgefallen an allen irdischen Dingen, die nun verklärt vom Licht des versöhnten Himmels waren, irgendwie einen Ausdruck finden. Dabei räusperte er sich häufig ganz leise und andächtig tief im Hals mit kurzen Tönchen, die etwa vermittelten: Es gibt auch noch allerlei andere Freuden, die den Gläubigen vom Herrn erlaubt sind. Wir wollen sie gern genießen.

In einem Zorn der Enttäuschung, der ihr fast Tränen in die Augen trieb, stand sie schwer und todmüde auf, wandte sich ab und stellte sich an das Fenster vor die hellen bunten Blumen, die dort in der Sonne blühten. Pastor Jacoby spielte mit seinem Kind.

Ihre Hände suchten sich. Was hatte dieses vergnügte Männlein mit ihrem Herzeleid zu schaffen? Flimmernde Schleier sanken ihr brennend vor die starren Augen. Ich bin allein, dachte sie, die Menschen sind anders. Mir kann niemand helfen.