Sie empfand klar, daß sie seine Handlungen nicht liebte, weil seine Worte es wollten, sondern daß sie jedes seiner Worte erst durch seine Handlungen recht verstehen gelernt hatte. Er war nicht stark und war nicht schwach, stets schien ihr, als sei er beides zugleich. Und wo ihr Herz blutete im Ringen nach Klarheit, vor den tausend Widersprüchen seines Wesens, da war bei ihm sein freies, zuversichtliches Lächeln. Die ruhige Kraft, in der er dem Augenblick gebot, den er benutzte, die Sicherheit, in der er das Gegenwärtige zum Unabwendbaren umgestaltete, die beinahe kindliche Wahrhaftigkeit, in der er sich auch der kleinsten Regung hingeben konnte, die schienen ihr alle Widersprüche zu jener starken Harmonie zu lösen, der sie wie einer jauchzenden Kraft erlag.

Sie fühlte mit heimlichem Graun: seit seine Stimme sie zum erstenmal erreicht, war ihre Seele wie verwandelt diesem Klang gefolgt. Ihr war, als habe sie sich eingestellt und neu geschickt, um sein Wesen empfangen zu können. Wie einer süßen Gefahr gab sie sich ganz der Erinnerung an seine Worte hin. Sie hatten etwas wie vom Schwung und Blitz sicherer Degenklingen, konnten dennoch warm und liebevoll sein und breiteten ihr Herz vor ihm aus. Überallhin reichten sie, gaben den Dingen ein eigenes neues Licht, schön und kühn erschienen sie ihr, wie sein betörend feiner Mund.

Und nun sah sie ihn traurig und wußte plötzlich, daß er um vieles gefährlicher war, wenn er bekümmert schwieg, und alles erschien so, als warte er auf sie. Als läge es nur an ihr, ihn wieder reich und stark und froh zu machen. Das hatte sie nie gekonnt. Sie hatte nur mit ihm gelitten, denn wenn er traurig war, versank ihr die ganze Welt. Der letzte Halt schien ihr zerbrochen, wenn er bekümmert und ruhlos in seine dunklen Gedanken versank, die sie nicht teilen durfte. Darüber kam ihr in den Sinn, daß er nie über ein Leid gesprochen hatte, das ihn bedrückte. Nur einmal hatte sie ihn gefragt, weil er ihr einsam und verlassen erschien, ob sie ihm nicht Trost geben könnte mit ihrer Freundschaft und Liebe. Sie hatte seine Antwort nicht vergessen, es war sein erstes Geständnis gewesen:

›Die Einsamkeit ist keine Beschaffenheit, die durch Gaben anderer, durch Liebe und Güte, aufgehoben wird, Anne-Dore. Nicht wer keine Liebe findet, ist unter den Menschen einsam, sondern wer nicht lieben kann wie sie.‹

Aber später war sie doch ruhiger geworden. Die Worte konnten ja unmöglich so gemeint sein, als träfen sie auf ihn zu. Mehr wie alle anderen Menschen, die sie kannte, konnte er lieben. Liebte er nicht alles, was ihm begegnete, auf seltsam hingebende Art, die Wälder, den Himmel, ja die kleinsten Pflanzen und Tiere, die man für gewöhnlich kaum beachtete. In ihre neue Beruhigung hatte sich damals wohl ein ferner Zweifel gemischt, als wäre irgendwo ihr Schluß unvollkommen, als habe sie ihn doch nicht verstanden, und endlich, als sei er ihr fremder und unerklärbarer als nur ein Mensch. Aber kein Mißtrauen, kein Grübeln und kein Bewußtsein von Fremdheit taten ihrer Liebe Gewalt an, die emporblühte über seiner Schönheit und Schuld, als bedürfe er auf der Welt nur ihrer noch.

Unvermerkt hatte sie sich angekleidet in einer Hast, die durch ihre letzten Gedanken etwas Frohes empfing. Vor dem Spiegel, als sie ihren Strohhut steckte, fuhr sie zusammen. Aber ehe die Not des alten Kampfes begann, befreite sie ein kurzer Entschluß. Sie wollte zu ihm gehen, um Abschied von ihm zu nehmen. Es wäre unter allen Umständen unschön gewesen, ihn in Unsicherheit und Zweifel zu lassen, er mochte ihr Geständnis anhören. Wie konnten seine Entgegnungen ihr eine Gefahr bedeuten?

Ohne es zu wissen, redete sie laut, sprach sich Mut ein und tröstete sich, zählte auf, was alles für diesen Schritt sprach und wie gewiß Mark Enz sie verstehen und ihre Handlungen billigen würde. Aber ihre Worte gingen in ein Schluchzen über, sie warf sich auf ihr Bett und stöhnte laut.

Da tauchte in ihre verstörten Sinne ein Licht, unaussprechlich wohltätig in seinem Glanz, der sie nicht erschreckte und nicht blendete. Vor ihr erhob sich Christus, hoch und weiß. Ein wenig gebeugt stand er ruhig da, seine Augen und seine Hände suchten sie.

Sie sah die Dornenmarter, seine Kreuzesnot, auf ihre Hände fielen Tropfen von seiner schmerzvollen Stirn. Es war ihr wieder, als spräche dieser göttliche Mund und fragte sie und sagte ihr seine himmlische Liebe, die ihr das Reich einer ewigen Herrlichkeit erschlossen, nicht fern und fremd, sondern heimatlich vertraut und von lauter Frieden hell. Und nun ward seine traurige Mahnung zum Trost: ›Niemand soll dich aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der dich mir gegeben hat, ist größer als alles.‹ Sie sah über seinem Haupt den Strahlenkranz des Erwählten Gottes, der überwunden, unter dessen Licht die Ewigkeiten verbrannten wie Minuten und die Zeit nicht mehr war, und Herzeleid und Trübsal nicht mehr waren ... Dann drohten, schaukelnde rote Flammen aus dunklem Rauch, die Verheißungen der Apokalypse am Horizont. Weiß und verklärt, ein fließender Lichtstrom, der den Himmel suchte, zogen die Erwählten des Heils ihrem lieben Herrn entgegen, um bei ihm zu sein für alle Zeit, aber für die Verfluchten begann der Tag der Vergeltung. O keine Marter, die ihr Sinn nur immer erdenken konnte, schreckte sie, alles hätte sie um den Preis ihres irdischen Glücks erduldet, aber daß die Liebe des Herrn Jesu Christi nicht mehr ihr Eigentum sein sollte und nicht mehr ihre Freude, das war schmerzvoller als jede andere Not.

Ohne daß eine Bitterkeit ihre Worte trübte, betete sie leise, als spräche sie zu einem Menschen, dessen Güte sie vertraute: