Herr Wendel fragte, ob denn der Fremde im Hause gewesen sei.

Anne-Dore klärte ihn auf, in einer Gelassenheit, die dem Kandidaten Schauer von Entsetzen und Hochachtung einbrachten. Es hätte sich um einen Tennisball gehandelt. — Er wußte nicht, ob er es mit Wahrheitsliebe oder mit höchster Frivolität zu tun hatte. Aber er fühlte sich wie mit Fußtritten zurückgestoßen. Da er den Einfluß des Freundes im Gebaren des jungen Mädchens zu spüren glaubte, stachelten sein Haß und seine Scham ihn auf:

»Wenn Sie einen Grund für meine ablehnende Haltung wissen möchten«, sagte er derb, »so suchen Sie ihn bitte in meiner Abneigung gegen die Denkungsart und gegen den Charakter dieses jungen Herrn.«

Anne-Dore sah ihn ruhig und traurig an, so daß er seine Worte bereute und nicht wußte weshalb. Erst als er wieder mit sich allein war, beschloß er ernstlich, den begonnenen Kampf erneut aufzunehmen und ihn mit aller Kraft zu Ende zu führen, nicht seinetwegen, sondern ihretwegen, die er liebte, und um seines Gottes willen, dem er zu dienen glaubte. —

Für Anne-Dore kam an diesem Nachmittag eine der schwersten Stunden, die sie in ihrem Leben durchkämpft hatte. Nur mit großer Mühe war sie noch eben ihrer Tränen mächtig geworden, als ihr Vater seine Hand auf ihren Kopf legte und sie fragte:

»Du bist doch nicht krank, liebes Kind?«

Nein, nein, sie sei es gewiß nicht, nur ein wenig müde. Und mit einem nachdenklichen Gesicht hatte er sie ziehen lassen müssen. Er war seit einiger Zeit besorgt. Da die Stimmung in einem Haushalt sich selten nach denen richtet, die ihn leiten, sondern für gewöhnlich nach denen, die am meisten geliebt werden, lag es seit einigen Wochen wie ein heimlicher Druck auf den Gemütern, eine leise Beklemmung, die zuweilen einer ganz ungewohnten Heiterkeit weichen konnte. Friedbergs Gebaren trug dazu bei, das Verhältnis der Hausgenossen zueinander befremdlicher zu gestalten; seiner beschaulichen Einfalt stand die düstere Grübelei wenig, in der er sich jetzt häufig gefiel. Und da er es nicht liebte, seinen Kummer allein zu leiden, trug er ihn in Gegenwart der anderen zur Schau, hier Mitleid heischend, dort warnend und anklagend. —

Für Anne-Dore rückte nun der Augenblick heran, an dem Mark Enz sie wieder im Wald erwartete. Als sie ihr Zimmer erreichte, brachen ihre Tränen sich mit ungestümer Gewalt Bahn, als hätte die gute Hand ihres Vaters sie gelöst. Draußen war ein Tag, so reich an Sonne und frohem Glänzen, daß es war, als wagte der Kummer sich nicht aus der Brust der Menschen, und als lastete er nun um so drückender. Ach, hinauseilen zu dürfen unter die Bäume, in die Heide! ›Wo gibt es Heilung in der Welt, wenn nicht in der Natur‹, hatte Mark Enz ihr einmal gesagt. Aber es war ihr jetzt die Stimme des Versuchers, die lockte, die sich jedes Mittels bediente, um sie zu überwinden.

Sie warf sich in ihrem Zimmer auf die Knie und betete unter Tränen. Aber mitten in ihren heißen, flehenden Worten übermannte sie ein Taumel von Ohnmacht. Ihre Gedanken verloren sich in einem leeren Schein, sie sah plötzlich ihre kleine silberne Uhr in ihrer Hand vor den getrübten Blicken, und schluchzte auf in einem so heißen Weh, daß sie glaubte, ihre verstörten Sinne würden sich nie wieder zu ruhiger Harmonie zurückfinden.

Mit frohem, spöttischem Lachen hielt ihr Mark Enz die Bibel hin und zeigte ihr Worte darin, die sie verbrannten wie mit Feuer. Seine Hände faßten leicht und gelassen das große Buch, seine Hände, die auch sie gehalten, leicht und froh. Und doch voll Liebe, wie man ein Eigentum hält, das tief und von Ewigkeit her der Seele verbunden ist durch Sehnsucht und durch Blut. So hatte er sie damals gehalten. O sie war sich dessen wohl bewußt geworden, daß sie in jener Nacht in seine Gewalt gegeben war, daß er Macht gehabt hätte, zu nehmen, was immer er nur gewollt hätte. Sie würde damals alles erlitten haben. — Hätte er es getan, dachte sie plötzlich, hätte er mich zerbrochen, dann wüßte ich heute wenigstens, daß er schlecht ist. Er war nicht schlecht. Nie würde sie dulden, daß ein Mensch es sagte. Wie groß, ruhig und einfach erschienen ihr nun plötzlich seine überredenden Worte. Von jenem Verzicht her, in dem er sie geschont hatte, erhielten sie ihr warmes Licht.