Lotte war erstaunt darüber, daß Anne-Dore plötzlich ihre Gefühle nicht mehr zu teilen schien. Sie war erregt und sprach beinahe ärgerlich. Lotte sagte:

»Von Christel, die alles erzählt.«

»Vom Milchmädchen?«

Lotte nickte. »Im Wald lag es.«

»Laß es zurückbringen«, sagte Anne-Dore ernst. »Heute noch, gleich. Hast du gehört? Wie kannst du wissen, ob es nicht wichtige Dinge enthält?«

Das erschien Lotte sehr übertrieben. Sie zuckte die Achseln: »Wichtige Dinge.« Schließlich gehorchte sie, wie es sich für sie gehörte.

Auch bei Tisch war einmal von Enzheim die Rede. Friedberg bewies Zartgefühl und unterdrückte das aufkommende Interesse so energisch, daß Missionar Wendel aufmerksam wurde. Anne-Dore empfand einen so heftigen Verdruß darüber, daß der Kandidat glaubte, ihr seine Hilfe anbieten zu dürfen, und dadurch ein Bewußtsein von Gemeinschaftlichkeit mit ihr einzuheimsen hoffte, daß sie ihn zwang zu bekennen:

»Sie tun so, als sei Ihnen Herr Enzheim unbekannt«, sagte sie stolz und herausfordernd, »im Garten haben Sie ihn doch als Freund begrüßt?«

Es wäre sicher besser gewesen, sie hätte geschwiegen. Aber irgend etwas übermannte sie. Jener seltsame Mut, den eine geheime tiefe Traurigkeit geben kann, der wenig mit der Erkenntnis und mit der Besinnung eines Menschen zu tun hat. Ihr Herz war seit dem letzten Abend gewillt, alles preiszugeben. Wer wagte es, ihren Schmerz zu teilen?

Friedberg war fassungslos.