Achtes Kapitel
Es war in der Umgebung und im Hause Wendel nicht verborgen geblieben, daß ein junger Herr Enzheim sich im Forsthause von Hildenrot einquartiert hatte. Ereignisse waren in dieser entlegenen Gegend selten, und das nicht eben gewöhnliche Gebaren des Fremden tat das Seine zu allerlei Gerüchten. Anne-Dore mußte sich von Lotte belehren lassen, und sie hörte ihr stumm und lächelnd zu, wenn sie erfuhr, der junge Herr sei gern gesehen in Hildenrot; nicht weil er reich und freigebig wäre, nein, er sei sozusagen zutraulich und behandelte die Leute, als ob sie seinesgleichen wären. Die Dorfkinder von Hildenrot wären ihm befreundet, aber er hätte auch Umgang mit den vornehmen Herrschaften aus der Stadt, denen der Tennisplatz gehörte, und man müßte fast sagen, wenn er zu ihnen kam, war es, als gehörte alles ihm. Aber von Hochmut wäre keine Spur zu finden.
›Ist jemand in der Welt hochmütiger als du?‹ dachte Anne-Dore, und unter Lottes eifrigen Berichten tauchte Mark Enz' Gesicht vor ihr auf. ›Aber auch dies ist wahr,‹ sann sie, ›was träfe nicht zu bei dir?‹ Sie sah ihn vor Friedberg, dann seinen Freunden gegenüber, und dachte an alle wechselvollen Stunden, die sie mit ihm durchlebt. Es war ihr fast, als formte jede neue Umgebung, jede flüchtige Gemeinschaft ihn neu, und doch blieb er im Grunde derselbe, spröder als alle.
War auch etwas von ihren Beziehungen zu ihm bekannt geworden, oder war es ein Irrtum, sahen nur ihre heißen Befürchtungen in Lottes Gesicht eine lauernde Aufmerksamkeit? Jedenfalls wußte Lotte über Enzheim Bescheid. »Mein Ideal wäre er nicht,« meinte sie, »ihm ist doch nicht zu traun, im Grunde, wissen Sie. So den Tag über, da will ich nichts sagen, aber schon, daß er allein lebt. Alle Menschen, die allein leben, sind falsch. Man sieht es auch an den Augen.«
»So?« fragte Dore, um etwas zu sagen, »was treibt er denn?«
»Was er treibt, das ist die Frage eben. Er malt mit dem Stock Figuren in den Sand und verwischt sie wieder, schreibt in Notizbücher und verliert sie. Manchmal starrt er eine Stunde lang ein paar Enten an, oder Tauben ... wirklich! Sehen Sie hier,« fuhr sie geheimnisvoll fort und holte ein kleines Büchlein aus der Schürzentasche.
»Was ist das?« fragte Anne-Dore schnell und erschrocken, »geben Sie her.«
»Wollen Sie es? Man kann nichts lesen. Er hat es verloren.«
»Woher haben Sie das?«