Eine bittere Scheu zog in ihre Seele ein, aber mit Zittern fühlte sie, daß er ihr um dieser Kraft willen lieber wurde, die sich wie eine verborgene Drohung ankündigte. — Nun waren sie in der Gartenlaube des Elternhauses. Er beugte sich über sie und küßte ihren Mund. Ein heißer Schreck lähmte sie, bis Tränen sie erlösten. — Der Weg erklang. Friedberg stand im Eingang der Laube. Das war wieder Marks Stimme: ›Ich kann niemandem etwas ersparen, der sich in Liebe zu mir stellt.‹ — Nun zogen wieder Wolken, die Sonnenhelle ihrer Bilder versank. Graue Tage und böse Nächte ohne Schlaf, ausgefüllt mit Zweifeln, Kämpfen und heimlichstem Leid, zogen vorüber, bis jene Nacht kam, deren Ereignisse im Walde grelle Deutlichkeit, unbarmherziges Licht in allen Widerstreit ihrer Seele warfen. Zwei Ufer tauchten auf, ein dunkler Strom riß sie dahin, sie fühlte, daß es unerbittlich galt, sich zu entscheiden, daß es lau war in der Mitte, voller Gefahr zu versinken, falsch und trüb. Ihr einziger vager Trost war, daß in dem dumpfen Rauschen des Stroms, der sie fortriß, etwas erklang wie ein Heimweh nach dem Unendlichen.

Friedberg kritzelte neben ihr in dieser Bibelstunde, in der sie träumte. Einmal, als er flüchtig und vorsichtig zu Anne-Dore hinüberschielte, um sich der Wirkung einer drohenden Verkündigung zu vergewissern, sah er sie lächeln, versunken und glücklich.

›Mein Gott‹, dachte er und machte sich bemerkbar. Aber das junge Mädchen rückte nur ein wenig beiseite.

Plötzlich hörte sie, und die Gasflammen tauchten auf, die Köpfe der Andächtigen, das Kruzifix zu Häupten des Pastor Jacoby:

»Wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung ewiglich, sondern ist schuldig des ewigen Gerichts.«

Emporgerissen erbebte sie und lauschte angestrengt. Wie legte er diese Worte aus, deren Sinn unter dieser Deutung klar wurde wie eine erlebte Wahrheit? Wer die Kräfte des zukünftigen Reichs im eigenen Herzen erfahren hatte, wer alle Herrlichkeit und die göttliche Herkunft Jesu Christi geschmeckt hatte in unantastbaren Gewißheiten und wie von Angesicht zu Angesicht, und wer dennoch abfiel vom Glauben, im vollen Bewußtsein dessen, was er tat, wer in wissendem Frevel zum zweitenmal den Heiland der Welt kreuzigte, in dessen Liebe er geborgen war, der beging jene Sünde, die nicht vergeben werden konnte. Nein, wer sich fragte: ›Tat ich es?‹ in Zweifeln und Sorge, der war ihrer nicht schuldig. Wer sie begangen hatte, der wußte es, klar, ohne Einwand, graunvoll gewiß, teuflisch sicher und ohne einen Schein von Reue. Seine Stirn zeichnete grell, als ein ewiger Haß ohne Rast, der Stempel einer untilgbaren Feindschaft. Wer der Gemeinde der Heiligen angehört hatte auf der Erde, als ein Sachwalter und Verweser des vergossenen Blutes Christi, der konnte sie begehen, kein Ungläubiger, kein Zweifler und Heuchler, kein beliebiger Sünder, nur wer schon versiegelt war zur heiligsten Gemeinschaft und wurde dennoch ein Kind des Satans, des in Ewigkeit Verfluchten. —

Anne-Dore wußte plötzlich, daß sie Markus Enzheim nie wiedersehen durfte.

›Ich bin nicht fromm wie du und werde es nie sein.‹ Sie glaubte seine Stimme zu hören. Und was er geheim von ihr forderte, war Sünde, sie fühlte es erschauernd und bleich von Traurigkeit. Er gehörte jener Schar der Ungläubigen an, aus deren Bereich es für sie keine Wiederkehr mehr gegeben hätte. Und lockte sein drängender Ernst nicht ohne Aufhör ihre Seele in die gelassene Lust seiner Welt? Nie hätte sie halb und unwahr, nie im Segen ihres himmlischen Guts sein Eigen werden können. Erst jetzt erkannte sie die dunkle Gefahr, die ihr gedroht hatte. —

Auf dem Heimwege empfand sie einen so starken Widerwillen gegen den Kandidaten Friedberg, daß es sie fast wie ein körperliches Unwohlsein berührte. Ohne Aufhör zog ihr wieder und wieder der Ruf des Paulus durch den Sinn:

›Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.‹