Anne-Dore hatte die Augen geschlossen und wartete. Neben ihr kritzelte Friedberg in sein Notizbuch. Er schrieb sich alles auf, um es wohl zu behalten. An ihren Augen zogen gigantisch und in umrauchten Farben die Bilder vorüber, die sich aus den letzten Stunden wie für alle Zeit in ihre Seele gegraben hatten.

›Und also sah ich die Rosse im Gesichte, und die darauf saßen, daß sie hatten feurige und bläuliche und schwefellichte Panzer; und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen; und aus ihrem Munde ging Feuer und Rauch und Schwefel.‹

Dies geschah zu einer künftigen Zeit, in der vier Engel zu ihren Taten gelöst werden sollten, Engel, von denen es hieß, daß sie den dritten Teil aller Menschen töten würden.

Sie hatte nicht verstanden, was diese düsteren Symbole besagen wollten. Konnte je ein Mensch es wissen? Aber die gigantischen Figuren und Gestalten, funkelnd aus Nebel von Flammen, Rauch und Blut, hatten sich ihr unauslöschlich eingeprägt. Ihm, dem Antichristen, dem großen Verführer und dem allmächtigen Feind des geschlachteten Lammes, des himmlischen Erlösers, galt dieser furchtbar gerüstete Zug unüberwindlicher Streiter, ihm und seinen verfluchten Gesellen. Und es galt das Erlösungswerk vollkommen zu machen, das Licht für alle Zeit von jeder Finsternis zu scheiden und denen, die überwunden hatten, von Ewigkeit zu Ewigkeit den leuchtenden Himmel ihres Heils zu bereiten. Den Erwählten, von denen es hieß. ›Und ich sah ein gläsern Meer, mit Feuer gemenget, und die den Sieg behalten hatten, stunden an dem gläsernen Meer und hatten Harfen Gottes.‹

Sie, die erlöst von aller Pein der Erde eingehen sollten in das befreite Reich des Lichtes, in jenes Land, das zwölf Tore hatte wie zwölf Perlen, und dessen Gassen von lauter Gold waren, klar wie durchscheinendes Glas. Kein Tempel war darinnen, und es bedurfte der Sonne nicht und nicht des Mondes, die Herrlichkeit Gottes, verklärt im Blut des Gekreuzigten, durchleuchtete seinen unaussprechlich hohen Frieden. —

Ein Schauer holdseliger Verzückung hob tief und hell die Brust des Mädchens, in ihren Träumen versank die kleine Welt ihrer zeitlichen Kämpfe. Wer auch wollte ihr die Herrlichkeit rauben, die für sie bereitet war, in die ihre Liebe sie hob und die Liebe dessen, der für sie gelitten?

Die Geräusche des Saals dämpften sich, eine Stille der Erwartung trat ein. Als sie aufschaute, stand Pastor Jacoby schon hinter dem kleinen Rednerpult, das auf einem Podium am Ende des Saals unter einem schimmernden Kruzifix errichtet worden war. Er hatte in diesen Stunden seine Amtstracht niemals angelegt, sondern kam in einem schlichten dunklen Rock, der anfänglich seine ganze Erscheinung menschlich näher zu rücken schien, der ihn nahbarer machte und erbittlicher. Auch sprach er für gewöhnlich rascher, ohne jenes eindringliche Pathos, das seinen Kanzelreden die mitreißende Gewalt verlieh, er sprach persönlicher und im Tone eines, der irren konnte, wie alle Menschen. Um so stürmischer aber überwältigte es, wenn mitten im Gang einer wohlgesetzten Rede plötzlich sein heiliger Eifer alle Schranken zerbrach, wenn er plötzlich, hingerissen durch die Glut der Visionen, die seine verzückte Seele schaute, seiner entfesselten Inbrunst allen Sturm ließ. Es schien, als zersprengte sein Wille mitzuteilen und einzuwirken die geschlossene Menge zu seinen Füßen, es war, als redete er nur noch zu einem Menschen, und jeder im Saal hatte erbebend den Glauben, er, er allein, sei jener einzige, den diese Stimme meinte.

Niemals hatte Anne-Dore ihn so gesehen wie heute. Oft blieben seine Arme minutenlang, halb erhoben, in beschwörender Haltung. Bleich und entstellt von Ergriffenheit, ereiferte sich zwischen ihnen sein bewegliches Gesicht, ein erregter Widerschein dessen, was seine Seele erglühen machte. Von den Sünden der Menschheit, die den Zorn Gottes entluden, war er in seiner Rede auf jene eine Sünde gekommen, die nach dem Ausspruch Christi nicht vergeben werden konnte: auf die Sünde gegen den Heiligen Geist.

Seltsam, mitten aus dem Fieber ihrer höchsten Spannung und Hingabe sank die Aufmerksamkeit Anne-Dores plötzlich herab in die Gelassenheit einer völligen Apathie. War es, daß ihre verstörten Sinne nicht mehr die Kraft besaßen zu folgen, oder setzte bei ihr ein Wille ein, der stärker als sie war, sie wußte es nicht, aber die Worte des Geistlichen klangen plötzlich inhaltlos und hohl über sie hin, hatten allen Sinn verloren und wiegten sie nur ein, wie eine erregte, ungeordnete Musik, die aus der Ferne her die Sinne halb verwundet, halb betäubt. Und wie graue Gewitterwolken über hellgrünem, beschienenem Frühlingsland, zogen die dunklen Bilder und ihre Schrecken dahin und verschwammen und ließen ihr Raum für andere Erscheinungen, für die Erlebnisse ihrer letzten Wochen mit Mark Enz.

In einer seligen Ermüdung, von tausend Kämpfen geheilt, gab sie sich ganz dem holden lichten Spiel hin, das für sie kam. Sie sah den geliebten Mann wieder vor sich stehen in der blühenden Heide am Waldrand, sah, wie sie miteinander über die Felder schritten, durch den Wald, bis Hildenrot, wo er wohnte. Er hatte sich dort im Forsthaus ein Zimmer gemietet, und als sie ihn erstaunt fragte, wie denn das käme, und warum er sich gerade dort niedergelassen habe, sagte er einfach: ›Ihretwegen‹. Er hatte sie wiedersehen wollen, denn seit der ersten Begegnung war ihm gewesen, als dürfte er sich nie mehr von ihr trennen, als sei sie für ihn und nur für ihn in der Welt. In der grünen Welt, die er liebte. Welches Glück hatte es für sie bedeutet, mit ihm die Herrlichkeit ihrer schönen Wälder zu teilen. Er liebte sie auf gleiche Art. Ihm war jede Schönheit vertraut, als sei sie sein Eigentum und er das ihre. Niemals hatte sie für möglich gehalten, daß ein Mensch mit so schlichter, wahrhaftiger und warmer Inbrunst die Wälder, die Heide und den Himmel lieben könnte. Freilich ihren Himmel nicht, aber mit wieviel Feingefühl ließ er ihrem Glauben sein Recht, damals, wie ging er vornehm und liebevoll auf alle Regungen ein, die ihr Herz von Anfang kannte, wie achtete er ihre Welt, so fremd sie seiner war. — Aber dann versanken ihr jene ersten Stunden, in denen sie gelernt hatte, ihm zu vertrauen. Gern folgte sie seinem Wunsch, daß sie einander häufig im Wald treffen möchten. Auf wie seltsam selbstverständliche Art wurden aus einzelnen Spaziergängen regelmäßige Zusammenkünfte, Stunden, deren Unterbrechung sie nicht ertrug. Erst als er einmal zur verabredeten Zeit nicht kam, fühlte sie mit Furcht und Schrecken, wie nötig ihr Herz seine Art hatte, die reich und liebevoll und ihrem Wesen verwandt, wie eine ganz neue, selige Offenbarung von Menschengemeinschaft beglückte. — Aber dann hatte sein Verhalten sich langsam verändert und mit ihm sein Gesicht. Dies Gesicht, das ihr schöner erschien als alles, was sie in der Welt kannte, das in edler Nahbarkeit ihr täglich mehr anvertraute, als sein beredter Mund es je gekonnt hatte. Es kam nun oft ein harter, fester Zug hinein, etwas, das war, als fordere er ihren Dank, als wappne er sich zu Taten, die durch alles Vergangene erst eingeleitet worden waren.