»Du kommst doch wieder?«

Er nickte nur.

Der Mond tauchte nieder in den Dunst der Heide, versank in ihrem Atem und gab sein Reich den letzten Sternen hin, in deren blassem Glanz der schlafende Wald den neuen Tag erwartete.


Herr Missionar Wendel kränkelte in diesem Frühjahr ein wenig. Auch seine Gattin lebte schweigsamer und zurückgezogener als je. Oft schritt er langsam und in Gedanken versunken gebeugt und müde die Wege seines Gartens entlang, den er angelegt, unter den Bäumen hin, die er gepflanzt hatte, und der Ausdruck seines Gesichts stimmte zu seinem grauen Haupt. Gegen Anne-Dore war er zärtlicher als je und so nachsichtig, wie sie ihn noch nie gekannt hatte. Er zeigte sich besorgt um kleine Einzelheiten, die ihr fehlen mochten, einmal fragte er sie sogar, ob es ihr wohl gefallen würde, eine kleine Reise zu machen, das Nötige ließe sich erübrigen, und er lächelte sein gutmütiges Lächeln, etwas herablassend, bedeutungsvoll und doch ein wenig unsicher. Sie lehnte es ab. Er dankte ihr innerlich für ihren bescheidenen Sinn, ohne zu ahnen, welch schwere Bedeutung sein Kind diesem harmlosen Vorschlage beilegte, in dem ihr geängstigtes Herz einen Ausweg zu sehen glaubte, den ihr barmherzig der Himmel erschloß.

Oft sah sie in kleinen Zeichen einen Wink der Vorsehung, in nichtigen Dingen eine verhaltene Drohung. Es kam dazu, daß Friedberg, der trübsinnig und schweigsam seine Tage lebte, die Abendandachten mit ihren Bibeltexten zu offenkundigen Anspielungen mißbrauchte. Als sie nach jener Nacht mit Mark Enz spät aus dem Walde heimkehrte, sah sie Licht in seinem Zimmer; er mußte die Treppe unter ihren zaghaften Füßen gehört haben, es war kein Zweifel, so laut wie sie knackte, in diesen unsagbar stillen Nächten. Am andern Morgen las er mit wehmütiger Überwindung seines Stolzes den Spruch ihrer gemeinsamen Nacht und Anne-Dore hörte es den ganzen Tag: »Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.«

Ruhiger Hoheit und fester Güte voll strömte es mit der Feier dieser göttlichen Zuversicht in ihre Seele. Sie konnte sich der überwindenden Gewalt dieses Heilandwortes nicht entziehen, wie in ein Licht sah ihre Seele in den reinen Trost dieser starken Worte empor. —

Eines Abends an einem Wochentage, an dem Pastor Jacoby eine Bibelstunde angekündigt hatte, schritt sie durch die Frühlingsdämmerung mit Friedberg über die Berge in die Stadt. Sie waren es gewohnt, diese Stunden und die mehr persönlich gefärbten als allgemein gedachten Auslegungen des geliebten Predigers miteinander anzuhören, ja, sie hatten bestimmte Plätze, an denen sie niemals fehlten. —

Aus den großen blassen Farben des sinkenden Abends traten sie miteinander in den geräumigen flachen Saal des christlichen Vereinshauses, in dem die Versammlungen abgehalten wurden, die die eifrigsten Gemeindemitglieder vereinigten. Das gelbe, schale Licht der singenden Gasflammen kämpfte an der Flucht der niedrigen Scheiben mit der letzten Sonnenkraft und legte sich unfreundlich und hart in die stillen und bedachten Gesichter der Wartenden. Der Saal war wie gewöhnlich überfüllt, denn Pastor Jacoby war in diesen Wochen bei der Auslegung der Apokalypse angelangt und seine Worte galten auch heute jenen geheimnisvollen und prophetenhaften Visionen des Apostels Johannes. Die Stimmung war gedrückt, in allen Zügen stand ein qualvolles Bewußtsein für den Ernst dieser drohenden Verheißungen, die die Plagen voraussagten, mit denen das Reich des Antichristen heimgesucht werden sollte, vor der Wiederkunft des Herrn Jesu Christi.

Finstere Gestalten, in funkelndes Erz und in die Farben des Feuers getaucht, sprengten dahin wie die Vorzeichen endloser Plagen nach gerechtem Gericht, Sinnbilder einer leuchtenden Macht, der auch der Tod erlag, triumphierende Boten einer ewigen Herrlichkeit.