»Ich kenne mein Herz,« sagte er fest. »Ich lüge nicht, wenn ich seiner Glut die Tore öffne mit jedem Mittel. Aber du — du schwankst und bist nicht kalt noch warm. Dir ist die Gefahr verhaßt, weil du fühlst, wie schwach die Herrlichkeit deiner Heiligtümer ist, die dem Zorn meiner Liebe in dir erliegen. Du hast auf meine Frage nicht geantwortet. Willst du, daß ich dir die Antwort erlaß für alle Zeit und dir deine selbstsüchtige Seligkeit lasse, die über meiner Not triumphiert? Keine Sünde ist größer in der Welt, als der Ungehorsam gegen ein starkes Gefühl. Und dein Gefühl, Anne-Dore, an dem du dich versündigst, gehört mir.«
»Du bist kalt«, sagte sie schwach von Zweifeln.
»Ich verstehe dich nicht«, antwortete er ihr hart und heftig. »Heißt das, ich teilte deine himmlische Liebe nicht, heißt es, ich sei nicht fromm, nicht gläubig wie du? Nein, ich bin es nicht wie du, und werde es nie sein. Sei stolz auf deine lieblose Liebe, wenn du es kannst. Mein Herz ist vielleicht schwächer wie dein's, aber größer und reicher.«
Er trat von ihr zurück und mit veränderter Stimme sagte er aus dem Schatten:
»So geh. Der Friede, den dir dein Gott verschafft, wird dich trösten. Meinen nimmst du für immer mit.«
»Was willst du von mir?« stöhnte sie in Todesangst.
»Dich«, sagte er. Ihre Schultern schmerzten, so fest griff er zu. Aber sie fühlte, daß seine Hände zitterten.
Plötzlich durchfuhr sie, wie ein rotes Licht, grell die Erkenntnis dessen, was seine Ansprüche sein möchten. Wie geblendet, mit blinden Händen, die ihr Ziel verfehlten, suchte sie ihn zurückzustoßen. Die ganze dunkle und drohende Macht der Sünde erschien ihr verkörpert in ihm. Aber gleichzeitig, und wunderbar verschmolzen mit ihrer Todesangst, weckte die Kraft seiner kühnen Hände ein neues Leben in ihrem Blute auf, schwermütig, süß und brennend begann sein singendes Licht. Sie schloß die Augen und stöhnte. Gebrochen hing sie in seinem Arm.
Aber es war ein Dritter mit ihnen im Wald, gleich nah beiden, als liebte er keinen geringer. Mark Enz hob sie auf, zärtlich, liebevoll und fest. Er küßte ihre bleiche Stirn, die schon der Mond vor ihm geküßt, zurückhaltend in jeder Bewegung, stützte er sie auf eine Art, in der sie seine Arme als gut und brüderlich empfand und führte sie zurück zum Haus ihrer Eltern. Wunschlos und wie befreit empfand er nichts als seine Pflicht sie zu schützen, auch vor sich selbst. Kein Zug seines Herzens verwünschte die schöne Schwäche, in der er nicht zu nehmen vermochte, was nicht bewußt gegeben wurde.
Es schoß ihm heiß in die Augen, als sie an der Gartentür bebend fragte: