Neuntes Kapitel.
Das Forsthaus von Hildenrot war in die Ruine einer alten Burg eingebaut, die auf einem bewaldeten Hügel dicht vor dem Dorfe lag und die dem Gutssitz und der kleinen Ortschaft ihren Namen gegeben hatte. Der hohe, zackige und begrünte Mauerwinkel, den zwei noch wohlerhaltene Wände der Burg bildeten, war zum Bau des Forsthauses verwandt worden. Ein dunkler, riesenhafter Efeustamm verband nun schon lange mit tausend grünen Armen die neuen Wände mit den alten Mauern und diese mit dem rötlichen Fels, den seine jüngsten Sprossen erkletterten, über die wirren, zerbröckelten Zinnen hin.
Der Förster bot zuweilen Sommergästen Aufenthalt in seinem Hause. In diesem Jahre war Markus Enzheim sein einziger Gast. Die beiden rechteckigen und niedrigen Fensterchen seines Zimmers, das zur ebenen Erde lag, ließen den Blicken die weite Heide über eine hügelige Waldlichtung hin, die grüne Fülle der hohen Buchen gegen Süden und die blühende Pracht eines weitausgebauten und dichten Stakets von verwilderten Rosen. Wenn man sich ein wenig vorbeugte, sah man in den verschwiegenen steinernen Hof, der in tiefem Schatten ruhte und dessen bewachsene Mauern ihn erschlossen wie ein Gemach. Durch ein verwittertes Tor hin, das im Frühling ganz eingehüllt war in den lichtfarbigen lila Schaum blühender Glyzinien, verlor sich der Blick durch diesen klaren Bogen, in der Wirrnis des Waldes.
Versteckt im Dämmergrund der dichten Holundersträuche, sprang an der Hofmauer ein Quell aus einem steinernen Löwenmaul in eine bemooste Holzrinne. Mit fröhlich wechselnden Lauten und in unveränderbarem, immer gleichem Klang rann das Wasser in sein dunkles Brunnenbecken, das geheimnisvoll verborgen, ein lieber Freund des Mondes, die Flut in den Wald leitete.
Mark Enz hatte Anne-Dore an diesem Nachmittag vergeblich erwartet, und er schritt nun langsam unter den sommerlichen Bäumen hin, tief in Gedanken, die keine Gestalt gewinnen wollten, die bald wie Licht und bald wie Wolken, bald wie ein Lied zerflatterten, haltlos und in milder Müdigkeit.
Im Wald sangen Kinder, er sah sie nicht. Ihre Stimmen klangen zärtlich und verschwommen, kein Wind zerteilte sie, nur die Wärme des nachmittäglichen Sonnenscheins nahm ihre Seligkeit in seinen Glanz und der Himmel, den sie lobten. Nun verstand er und lauschte:
»Des Sommers goldner Segen
liegt auf den Feldern still und heiß,
wir finden Mohn und Ehrenpreis
auf unsern lieben Wegen.«
Kam schon der Sommer, die große reiche Zeit der warmen Ruhe, in der der Wandel der Natur sich seiner Unschuld freut, wehmütig und seiner Treue froh? Wo es den Herzen der Menschen erscheinen mag als fragte die Welt: Wohin geht ihr? Seid ihr des einen Glücks eures Lebens gewiß, dieses Glücks, in dem ich erfüllt bin und das mich heiligt, weil ich unter ewige Liebe gebeugt der letzten Mahnung gefolgt bin?
Diese Wege war er oft mit Anne-Dore geschritten. Alles erinnert ihn an sie, nun um so mehr, da es erscheinen mochte, als gedächte sie seiner weniger. Und er sprach zu ihr, als schritte sie neben ihm, Worte, die er nicht gefunden hätte, wenn sie an seiner Seite gewesen wäre. Worte, die im Grunde ihn selber meinten, seine Hoffnung und seine Zukunft, die seiner Liebe Gestalt schufen und doch ihm selber galten.
Nach einer Weile blieb er stehen und sah den Waldweg entlang, der still im Spiel der rötlichen Sonne und im Blätterschatten ruhte, braun, und grün überdacht. In der Weite verlief alles in einem goldbläulichen Hauch von Sonne, Grün und Ferne. Anne-Dore kam nicht mehr. —