Nun war es Nacht geworden über Hildenrot. Er hatte noch spät in der langsamen Dämmerung mit dem Förster im Hof gesessen, über dies und jenes geplaudert, wie man es wohl tun mag, fast nur um sich der nahenden Ruhe gewiß zu bleiben, gedankenlos und bedächtig. Als er gegen Mitternacht sein Licht löschen wollte, klopfte es leise an sein Fenster. In einer seligen und wehen Ahnung, in der noch kein Schein von Freude war, öffnete er die Scheiben ganz langsam und so heftig zitternd, daß das lose Glas des Fensterflügels leise klirrte wie er es weit geöffnet hielt und sich am Rahmen stützte und Anne-Dore draußen erkannte im reinen Mond, gegen die schlafenden Rosen, schwarz und still und mit tiefgeneigtem Haupt, ganz nah, ganz nah. Keinen Gruß auf den Lippen und keine Hand für seine suchenden Hände. Die Nachtstimmen der Bäume hatte sie um ihr Haupt und das Murmeln des Brunnens und das Silber des Himmels, dessen Sterne leuchteten, und den Duft der Walderde. Alles warb um sie und schien für sie zu bitten, überredete sie dennoch, und war um ihr Wesen, wie das Weinen ihres Herzens.

Wie klar der Brunnen rauschte, lauter als je zuvor, und wie hoch schien diese weite Nacht. Ihm war plötzlich, als überblickte er die ganze Erde, als eine Stimme sein Ohr traf und er die Worte hörte:

»Hilf mir.«

Ihr leiser Ruf befreite ihn, denn er hatte vergessen, daß es ihn und sein Glück galt. Er hatte vergessen, daß er mehr tun sollte, als in Andacht schauen und fühlen, wie schön das Leben der großen Erde ist. Aber doch war ihm nun zumute, als sei er tief hinabgesunken von einer hocherhöhten Warte, nun, da er seine zitternden Arme um ihren Nacken legte und ihr Gesicht an seine Brust preßte und seine Lippen in ihr Haar.

»All meine Hoffnung ruht auf dir,« sagte er so leise, daß sie es nicht verstand, »o erlöse mich, führ mich zurück zu einem einfachen Menschenglück, in die Armut deiner blinden Schönheit, zu der reinen Hingabe, die ich gehabt habe, als ich ein Kind war. Laß mich vergessen, mach mich arm, damit ich wieder reich werde.«

»Komm«, sagte er, hilflos vor Freude. Er umschlang sie mit beiden Armen, hob sie ein wenig, und sie stieg gebückt und leise zu ihm ein. Es war nicht ganz leicht, denn das Fenster war niedrig und der Efeu sponn es ein, und sie lächelten beide über ihr bebendes Ungeschick, dies heiße, traurige Lächeln, das nur in unendlichem Jauchzen Erlösung findet, oder im Tode. —

Die Nacht gab ihrem Schlummer Kühle, und die Düfte der blühenden Pflanzen erschufen ihre Träume, und alle Sehnsucht über ihnen spielte hell und langsam das große Lied ihres ewigen Triumphes.


Als der erste fahle Schein der erwachenden Dämmerung über das Land zog, brachte Mark Enz Anne-Dore über die Heide hin und durch den Wald zurück in das Haus ihrer Eltern. Sie gingen langsam und schweigend, eng umschlungen und aneinander gepreßt. Nun brauchte das Mädchen nur noch über den schmalen Fahrweg, und die Gartenbäume ihres Vaterhauses boten ihr Schutz. Als sie am Tennisplatz anlangten, der beinahe traurig in seiner leeren Verlassenheit ruhte, immer noch etwas zu bunt und neu, um sich unauffällig in die Natur einzufügen, mußten beide lächeln. Ein vergessener Ball lag im Gras am Rand des Drahtstakets, naß und leblos.

Vorsichtig öffnete Dore die Gartenpforte im blauen Morgenlicht, die eiserne Klinke war kühl und naß vom Tau der Nacht. Sie zog sie sacht hinter sich zu und sah zum Fenster ihres elterlichen Schlafzimmers hinauf. Es ruhte blaß und stumm mit seinen weißen Vorhängen, im Schmuck des grünen Weins. Dann verklang dem horchenden Mark ihr lieber Schritt hinter der Hausecke. Er glaubte die Verandatür noch zu hören ...