Wie still es war. Noch schliefen alle Vögel, es regte sich nichts im Walde. Ihm war zumute, als störte er und er trat unwillkürlich leise auf. Aber dann übermannte ihn plötzlich ein Gefühl unaussprechlichen Lebenstriumphes, weitete ihm hell und stürmisch die Brust und ließ ihn alle Müdigkeit vergessen. Er schritt ihren gemeinsamen nächtlichen Weg zurück, obgleich ein anderer ihn früher nach Hildenrot gebracht hätte. Was lag an Zeit und Schlaf, was an Ordnung und Ruhe. Ein langsamer Schauer von seligem Kraftbewußtsein durchschüttelte ihm alle Glieder und straffte sie. Welch ernste Augen alle große Freude hat, dachte er, jugendlich ergriffen und stolz vor Glück. Die goldene Glut der Erde war seinem Blut verwandt und heiligte es in dieser schönen Stunde zu aller Unschuld.

Freundlich nahm ihn die rote Heide in ihre erste Feierstunde auf und darauf wieder der nachdenkliche Wald. Das Dach, unter dem nun Anne-Dore schlafen mochte, war längst hinter Grün und Hügeln versunken. Vielleicht wacht sie und begleitet mich, dachte er, faltete die Hände und preßte sie an die Stirn. —

Lieblich verwirrt und so fein wie Licht stand über seinem Weg und über seinen Gedanken ihr scheues Lächeln, verriet und verschwieg zugleich, gab und dankte. Er schritt einher im freien Leuchten ihrer Gunst, nun, da auch das Licht des Tages begann und die Pflanzen erwachten und der Tau fiel.

Mark Enz blieb stehn und starrte in die silbergraue schläfrige Morgenruhe der dämmrigen Heide hinaus. Er wußte nicht, zu wem er sprach und was ihn zu seinen Worten überredete, die aus seiner fessellosen und durch Lust erlösten Seele brachen:

»Von wieviel Täuschung machst du mich gesund. Du lehrst mich neu, daß unser Herz im Grunde allen Prunk verachtet und den tönenden Rausch. Das Herz des Menschen ist einfach, arbeitsam um der Schönheit willen und ohne Liebe zum Schein, wie deins, Anne-Dore. Es lauscht hinüber auf den Widerhall aus der Ewigkeit ...«

Nun lag ein roter Glanz über den wogenden Kornfeldern, die Sonne ging auf, am Waldrand blühte Mohn, von Tau gebeugt. Meisen zirpten und Buchfinken riefen. Es war Tag geworden über der Erde der Menschen.


Zehntes Kapitel.

Anne-Dore war am anderen Tage mit schweren Sinnen, müde und hilflos zu Mark Enz in den Wald gegangen, in die Heidelichtung, wo er sie erwartete. Ihr war gewesen, als seien ihre Seele und ihr Leib bedeckt mit schmerzenden Wunden, sie hatte geglaubt, ihn still und ernst zu finden, und nun lag er da neben ihr in der Heide, auf dem Rücken, die Knie hochgezogen, lustig und gesprächig, ja beinahe ausgelassen, wie sie ihn nie gesehen hatte, und tat, als sei nichts geschehen als beiden eine große Freude. Ihre tiefe Melancholie und all ihre Traurigkeit verflogen rasch in dieser Heiterkeit, die er ihr durch sein Wesen gab, wie das köstlichste Heilmittel, das nur ein Mensch ersinnen konnte. Sein Lachen flog über sie hin wie Sonnenschein, in dem ihre schweren Gedanken sich langsam zerteilten zu jener seligen Lebenswichtigkeit, die Genesende beglückt.

O, wie dies Lachen heilte. —