Es erschien ihr fast unmöglich, daß er so dalag, ein wenig spöttisch gegen die Mitwelt gestimmt, zu jeder Torheit ausgelegt und unbedacht, wie ein großes Kind. Wie der Inbegriff aller Lebenskraft und aller Daseinsfreude erschien ihr dies wandelbare, immer sichere Wesen, das Schmerz und Freude aufnehmen konnte, als seien beide allein herrlich und nichts als das. Sie dachte an sein Gesicht in der verflossenen Nacht und glaubte es nicht wiederzuerkennen. Ihre Welt, die in tausend Vorurteile eingeschränkt gewesen war, versank ihr arm und klein im Lachen seiner Augen, die keine Grenzen schauten, die frohlockten und trauerten auf gleiche Art, wie es die unschuldige Erde tat mit ihren Schönheiten, ihren Gefahren und ihren reinen Schicksalen.

Jubelnd gab ihr ganzes Sein sich dieser freien Kraft seiner Seele hin. Sie fühlte ihre Liebe zum erstenmal als ein Glück ohne Schranken und ohne einen anderen Halt, als seine junge unbedachte Kraft.

Daß man lachen durfte, laut und fröhlich lachen über all die Dinge, die man sonst zunächst einmal verzeihen, dann verstehen und endlich bedächtig ablehnen mußte.

»Höre du,« sagte er plötzlich sehr ernst, »ihr bedenkt mich gar zu reich aus eurer Friedensgemeinschaft. Neulich hat man mir aus eurer Behausung ein Notizbuch gesandt, das wahrscheinlich eurem Glaubensgenossen Friedberg angehört.«

Anne-Dore lachte und bekannte sich schuldig.

»Außen geht es an,« fuhr Mark fort, »aber innen enthält es einen Entwurf zu einer Bußpredigt, scheint mir. Gott sei Dank ist sie zum größten Teil stenographiert. Sie bemüht sich um eine Auslegung von Lukas 12, Vers 25: ›Welcher ist unter euch, ob er schon darum sorget, der da könnte eine Elle seiner Länge zusetzen.‹ — Dieser lange Kerl paßt unter kein Kanzeldach und wählt sich wahrhaftig diesen Predigttext. Er ist ganz von Gott verlassen.«

Die großen ruhigen Bäume mit ihrer Geduld und ihrer Würde schauten auf Anne-Dore nieder, die sie schon lange kannten, die sie schon seit Jahren gesehn, als ein kleines Mädchen, und später als sinnendes Jungfräulein, viel zu ernst und viel zu allein. Aber sie wunderten sich nicht über das helle glückliche Lachen, das sie verbergen mußten. Denn der Wind der Erde und der Wald und das Meer und die Berge sind über den Schicksalen der Menschen alt geworden und jung darüber geblieben, so daß sie nie erstaunen.

Mark Enz drehte Zigaretten.

»Willst du?« fragte er und hielt ihr eine hin.

Sie versuchte. Es ging nicht.