»Was bist du für ein Barbar«, sagte er traurig.
»Übrigens Friedberg«, fuhr er fort. »Ich kenne nicht allein seine Jugendgeschichte, sondern auch die Einzelheiten seiner Abstammung. Die muß man wissen. Das Licht vom Scheitel seiner Väter erleuchtet dies verstauchte Kandidatengehirn bis tief hinein in seine Weltanschauung, in der der Verfall aller Naturgesetze triumphiert. Du hast nicht genug Überblick, Dore, aber du mußt es mir glauben. Höre zu: Sein Vater war Missionar, er verehelichte sich in Jahren unbedachten Gottvertrauens und zog in die Südsee, nach Samoa, um die Kaffern zu bekehren, die dort so viel ich weiß in den Wüstenprovinzen ihr schwarzes Unwesen treiben. Ich bin nicht genau über ihre Eigenart unterrichtet, aber sie fressen Menschen. Also der alte Friedberg reckte über ihre Ansiedlungen und über ihren sündhaften Appetit seine Missionsbibel, mißverstand sie freudig und legte sie in Demut aus. Sie wollten sich aber nicht bekehren. Sie fingen an einem sonnigen, warmen Sonntag die Frau dieses Missionars Friedberg, brieten sie und fraßen den geprüften Mann ledig.
Aber vorher hatte die legitime Verbindung eine Frucht gezeitigt: den Helferich. Der alte Friedberg drückte den Säugling an sein Herz und bestieg ein Schiff zur Heimreise, weil er eine neue Mutter für sein Kind finden wollte. Dies gelang ihm nicht. Darüber starb er. Helferich wurde eine Missionswaise. Dieser Umstand hat ihm die Mittel zu seinem Studium verschafft. — Hier ist übrigens sein Buch, gib es ihm zurück. Solche Predigt schreibt man nur einmal im Leben.«
Anne-Dore küßte ihn stürmisch. Ungewußt empfand sie seinen befreienden Spott als eine Rache an aller Unterdrückung, die ihre Natur, ihre Entwicklung und ihr Urteil beeinträchtigt hatte. Etwas wie Seligkeit an Sünde, das verzehrend süße Bewußtsein eines bösen Gewissens und ihr Wille, dem Geliebten alle alten Güter darzubringen wie ein einziges großes Opfer, erhöhte ihr neues Lebensgefühl zu heißem Glück.
Woche für Woche, Nacht für Nacht lief Anne-Dore durch den Buchenwald nach Hildenrot. Die Stimme des Brunnens empfing sie im Schweigen der Nacht. Sie fand den Weg in dunklen stürmischen Nächten, und oft auf dem Heimweg schlich sie sich früh durch das Hinterpförtchen des Gartens, erst wenn schon das Morgengrauen sein stählernes Lächeln, bläulich und frei wie ein Schein der Ewigkeit, am Horizont erhob. —
Wie rasch alle Bedenken der seligen Gewißheit dieser einen Pflicht wichen. Sie spürte weder Müdigkeit am Tage, noch senkte ein Bewußtsein von Schuld ihr die Blicke. Im roten Sturm ihres erwachten schweren Bluts hob ihre junge Jugend alle verschonte Kraft zugleich in einem Übermaß von Lebenstriumph und Glut.
Wie sie die dunklen Bäume ihrer Nächte liebte, die ihre Hoffnung und ihr Bangen kannten. Auf dem Heimweg war ihr oft, als hätte der schwere duftende Schatten, der das Licht erwartete, auch ihrer geharrt; mit geöffneten Kleidern und losem Haar lief sie durch die versinkende Nacht unter den verglimmenden Sternen dahin und vertraute der reinen Kühle umher den letzten Rausch ihres singenden Bluts an.
Niemals begegnete ihr hier ein Mensch, auch hatte sie in Dickicht und Heidegrund ihre eigenen Wege. Sie wich den Orten vorsichtig aus, die ihr Gefahr bringen konnten, viel weniger aus Furcht vor einer Entdeckung, als vielmehr um dieser Einsamkeit willen, in der die Natur, unter dem Abschied ihrer funkelnden Nacht, die pochende Sehnsucht ihres Körpers heilte, ihr Glück forttrug und bis zu neuen Erfüllungen barg.
Es war ihr in ihrem veränderten Leben oft so, als begegneten alle Erscheinungen ihres Alltags ihr nur im Traum, die Wirklichkeit begann für sie erst, wenn sie in den Armen und am Herzen ihres Geliebten erwachte. Es kam dazu, daß der heimatliche Haushalt durch die Abreise ihrer leidenden Mutter Veränderungen erfahren hatte, die ihr manche Pflicht erließen und andere erleichterten. Die kränkelnde Frau nahm in der Regel ohne Aufhör die Dienste der Hausgenossen in jener leicht erregbaren Empfindlichkeit in Anspruch, die oft bei Kranken auftritt, deren Zustand niemals ganz schlecht und auch niemals ganz befriedigend wird. Seit sie fort war, waren alle sich auf ganz neue Art selbst überlassen, und besonders Anne-Dore atmete auf, denn das im Grunde selbstsüchtige und unausgesetzt nörgelnde Interesse, das ihre Mutter ihr zu zeigen pflegte, war ihr nie so qualvoll erschienen, als in der letzten Zeit, in der sie wieder und wieder genötigt war, Fragen mit Lügen zu beantworten. Ihr Vater war anders in diesen Einzelheiten, er ließ ihr den Willen in allen kleinen Dingen; vielleicht hätte er einem Sohn weniger Freiheiten eingeräumt, aber Anne-Dore gehörte neben seiner Liebe auch seine heimliche Bewunderung, und ihre Angelegenheiten waren ihm fremdartig und heilig, wie ihr Geschlecht es ihm in seinem ereignisarmen Leben im Grunde nun einmal geblieben war.