Friedberg schien ganz in seine Arbeit vertieft, er führte seine Denkerstirn mit schweren Kummerfalten durch das Gartengrün, und nur hin und wieder ließ er sich in kurze Gespräche mit Missionar Wendel ein, die in der Regel den Ernst des Lebens betonten und die Vergänglichkeit alles Irdischen.

Anne-Dore hatte fast ausnahmslos eine völlig humorlose Abneigung gegen diese gewaltsamen Unaufrichtigkeiten ihres jungen Hausgenossen bekommen. Er erschien ihr armselig und feige, und alle Entschuldigungen, die sie früher lächelnd für ihn gefunden hatte, verwarf sie jetzt als schwach und falsch. Überhaupt mied sie in verborgenem Haß alles, was auch nur ein leises Zugeständnis an ihre versunkene Innenwelt enthalten konnte. Zwar nahm sie ihrem Vater zulieb an allen Hausandachten teil und besuchte wie früher die Gottesdienste mit ihm, aber sie träumte dort in einem Halbschlummer ohne Anteilnahme ihre eigenen Träume, die stets begannen mit einem goldenen Sonnenjubel weit über warmes, sommerliches Land hin und über Seligkeit und Schmerzen fort in einem wilden, uferlosen Meer von Blut versanken.

Die erhabene Kraft dieser glühenden Vereinsamung in einer einzigen Leidenschaft gab ihrem Wesen nun früh eine stolze Sicherheit des Gefühls und ein klares Urteil über alle Dinge, die sie allein danach einschätzte, wie sie ihrem Glück förderlich oder hindernd sein möchten. Sie lernte leicht und rasch verwerfen, was ihrer einen Sehnsucht nicht Genüge tat, und lebte ihre Tage und Nächte allein um der Stunden willen, die ihr junges neues Recht in tausend Gluten und seliger Not bestätigten.

»Ich habe nur noch dich,« sagte sie Mark an einem späten Abend im Wald. Sie sprach es aus, als fragte sie ihn etwas.

»So wie ich kannst du dich nie verlieren,« fuhr sie leise und ohne Vorwurf fort, und plötzlich übermannte es sie und sie küßte ihn heiß und rief: »Ich bin darum viel reicher als du.«

»Schöner bist du,« sagte er innig. »Deine Welt ist vollkommen und du in ihr. Deine Hände sind schwach, aber sie tragen deine ganze Welt, dein Auge reicht so weit, als ihre Höhen und Tiefen gehn; dein Herz ist wie der Heiland deiner Welt, es kann sie ganz erlösen und wird sie gerecht richten. Du bist schön.«

Er merkte, daß sie ihn nicht ganz verstanden hatte.

»Du kannst dich hingeben, ganz, ohne Einwand und ohne Bedacht, darum bist du schön,« fuhr er fort. »Dich überredet keine Zukunft, wenn es gilt, der Gegenwart zu gehorchen, du bist dir treu.«

Über ihnen leuchtete der Himmel in nächtlichem Blau, erfüllt von Sternen, über ihnen waren die Zweige der schlafenden Waldbäume und der Friede ihrer Nächte, den sie um seiner schweigsamen Güte willen liebten, die ihrer Eintracht günstig war. Mark richtete sich ein wenig auf, legte ihren Kopf auf den weichen Waldboden, auf dem sie ruhten, mit beiden Händen strich er ihre dunklen Haare aus der schimmernden Stirn und senkte seine Blicke in ihre großen suchenden Augen, als fände er darin den Himmel wieder, der über ihnen war, die Waldbäume und auch den Frieden ihrer Nacht.

»Mein Dank für deine Liebe ist meine Sehnsucht,« sagte er.