Sie verstand ihn, weil sie seine geliebten Hände an ihren Schläfen fühlte, sie verstand ihn, weil seine Blicke in ihren Ruhe fanden und weil seine Gedanken ihr Herz riefen. Sie schloß die Augen in einem tiefen Schauer von Glück, das ihr nicht mehr so erschien, als sei es allein ihr eigen, sondern ihr war, als habe die Nacht daran teil, die reiche Natur, die sie umgab, das Licht des Himmels und die unendliche Weite der großen Welt, in der sie erwacht war zu ihrer jungen Liebe. Diese fremde Kraft, die ihr Geliebter seine Sehnsucht nannte, gewann im Suchen ihrer seligen Traurigkeit Gestalt, und sie sah sie als einen Engel, der sein Haupt beschirmte, und der ihn in seine Zukunft führte, die weiter reichen und schöner sein sollte, als ihre Gedanken und als ihr Tun. Und sie faltete ihre Hände, die wie alles an ihrem Leibe und an ihrer Seele nicht mehr ihr Eigentum waren, und schaute zu dem Engel auf: »Ich bin nicht dein Ziel,« sagte sie zu ihm, »aber schlag auch für kurz deine beiden hellen Flügel um mich.«


Wie veränderbar sein Wesen war. Wie herb er sich ihr oft verschloß, obgleich nichts ihn hinderte, gelassen seine Ansprüche vor ihr zu erheben. Oft hatte er sie tiefernst, traurig und grüblerisch verlassen, fast bitter und ohne einen Schein von Glück in den Augen. Dann legte sie sich mühevoll und heiß besorgt die Worte zurecht, prüfte ihre kindlichen Hände, wie sie ihn trösten möchten, und empfing ihn ernst und zu jedem Opfer bereit. Aber dann flog ihr oft sein leichtsinniges Lachen unerwartet und jugendlich entgegen, über all ihre Sorge hin. Seine Stirn schien dann niemals gebeugt und sein Mund nicht schmerzvoll gewesen zu sein.

Aber keine seiner Stimmungen hielt an, sie verflogen wie Licht und Schatten an stürmischen Wolkentagen, um die der Sonnenschein kämpft. Sie wechselten zuweilen sogar in einer kurzen Stunde ihres heimlichen Beisammenseins, nur wenn er scheinbar allen Erlebnissen seines Tages fern, seine Gedanken mitbrachte, die ihn beschäftigten, war er beständig und immer liebevoll. Aber sie empfand dann so, als sei er entfernt, auch noch, wenn seine heißen Worte, in denen er ihr seine Welt enthüllte, nur ihr zu gelten schienen. Sie fühlte sich dann oft wunderbar beglückt und zugleich mißbraucht. Aber nur er kannte sie, das bedeutete ihr mehr als jede Tugend.

Ihr kindliches und unerfahrenes Herz empörte sich niemals. Nur einmal, als sie mit ihm darüber sprach, lächelnd, und bereit, ihm jeden Einwand zu verzeihen, erschreckte sie seine Antwort, die er in einem seltsamen Leichtsinn aussprach, in einer Aufrichtigkeit, die schwermütig und unvorsichtig war, die er sicher vermieden haben würde, wenn ihn die eigene Gewißheit nicht auf neue Art überwunden hätte:

»Wenn mir einmal die Liebe einer Frau begegnet,« sagte er, »die so beschaffen ist, daß ich mich ganz an sie verlieren könnte, so würde ich sie und mein Glück zerstören. Sicherlich, ich würde es tun. Ja, wenn ich in die tiefste Schmach flüchten müßte ...«

Er besann sich plötzlich und brach ab. Betroffen sah er ihr bekümmertes Gesicht, und nun erst schien ihm klar zu werden, vor wem er gesprochen hatte.

Aber er machte keinen Versuch, etwas gutzumachen, obgleich es ihm vielleicht gelungen wäre. Aus ihren gequälten Zügen sah sein Schicksal ihn an und lächelte barmherzig.

»Vergib mir,« sagte er ruhig, »ich habe dich nicht kränken wollen.«

»Wie hast du es gemeint,« fragte sie traurig, »bin ich dir so wenig?«