Am Eingang zu den städtischen Anlagen, die er nun durchqueren mußte, hielt Friedberg einen Augenblick inne und schöpfte Atem. Die bestaubten Blätter der Büsche am Straßenrand hingen ermüdet und mattfarbig nieder. Die bunten Zierbeete auf den wohlgepflegten Rasenplätzen sahen unecht und albern aus in diesem einsamen Morgenwind. Auf einer Bank unter Fliederbüschen schlief ein Arbeiter, seine Stiefel waren zerrissen und sein Hut lag am Boden. Friedberg entdeckte darüber plötzlich, daß er wieder seinen guten Anzug angezogen hatte, den langen schwarzen Rock von der gestrigen Feier und die Manschetten und den schwarzen Bindeschlips ... Es war Sommer. Eventuell konnte man draußen schlafen. Es war nachts nur kurze Zeit dunkel. Wie schön war es im Sommer ... Man wird denken, ich käme erst jetzt von einer Festlichkeit heim, ging ihm durch den Kopf. Ein Gefühl der Scham ließ ihn sich umschauen, aber dann verwarf er seine Befürchtungen unwirsch.
»Daran denke ich nun, wo so wichtige Dinge vorgehen sollten,« schalt er sich.
Wäre nur jener Name nicht gefallen, eben, als er fortgeeilt war. Dieser Name, den er angstvoll in den schlaflosen Stunden dieser Nacht mit den schaurigen Vorfällen in Zusammenhang gebracht hatte, die gestern geschehn waren.
»O dich kenn ich!« rief er grimmig und ballte die Fäuste. »Aber auch meine Stunde kommt. Wehe dir! Wehe dir!« Er glaubte seiner Drohung alle Macht, verschärfte sie böse und vergaß Anne-Dore fast völlig im Rausch seines Zorns. Aber alle heimlichen Schmähungen, die er aneinanderreihte, verwarf er, lenkte ein, verdoppelte sie wieder hämisch und suchte alle seine Erlebnisse mit Mark Enz herbei, um sie zu belegen. Aber schließlich stand er im heißen Widerstreit seiner Erkenntnisse vor einem bösen Nichts. Er blieb stehn und sagte laut:
»Das ist es alles nicht. Anne-Dore hat dich lieb. Wer bist du?«
Und unter dieser heißen Gewißheit, die wie eine unerkennbare, schleppende Krankheit schmerzte, sah er plötzlich das verhaßte Angesicht in einen Schein von Hoheit gelegt, in einer heldenhaften Feier über sein eigenes, armes Vermögen erhoben, und aller Liebe würdig. — Sein Haß schien ihn zu necken, aber er erlag dieser neuen Regung, sah sich selber traurig und arm, weit abgestellt, ein verschmähter Diener.
Doch, doch, das mußte jeder Neid dem andern lassen, er war stark, selbständig und eigenwillig. Was er wollte, erreichte er. Aber unwürdig war er doch, ein schlechter Sachwalter seiner Gaben, deren Reichtum er nicht verdiente, ein lässiger Verweser der Geschenke, mit denen ein unvernünftiges Schicksal ihn betraut hatte. Er hielt nichts auf sich, das war es. Und Friedberg wußte, beinahe beruhigt, eine Reihe von Ereignissen, die ihm seine Erkenntnis bekräftigten. Und keinen Stolz hat er, das soll man nicht vergessen. Wer etwas auf sich hält, kann sich nicht so rasch herbeilassen, folgt nicht so unbedacht jeder Regung des Herzens.
Und Friedberg langte eigen erhoben und neu gefestigt am Hause des Arztes an: er hält nichts auf sich. Er ist keiner Liebe wert. Ein reiches und großes Herz beugt sich dankbar unter die Gunst des Lebens und kann Empfangenes bewahren und achten.
Stärker als je wuchs der Wille in ihm empor, all seine Kräfte einzig in den Dienst nur einer Sache zu stellen: Anne-Dore aus diesen unwürdigen Händen zu reißen. Noch erschien es ihm nicht zu spät, und ein neues Geschick schien sich ihm grausam und doch liebevoll zu verbinden. — Aber seltsam gelassen schaute es ihn aus den Drohungen heraus an, die die bösen Begebenheiten enthielten, mit kalten, hellen Augen, die hart lächelten und verschwiegen triumphierten. Es kommt alles anders, wußte er plötzlich in einem Gefühl widerwärtiger und ruchloser Begierde, die die Zähne aufeinanderpressen ließ und das Blut peinvoll fühlbar machte, giftig und süß. —