Herr Sanitätsrat Claußen folgte dem Ruf erst gegen zehn Uhr am Vormittag. Das Vorfahren seines Wagens wirkte wie eine Lösung auf alle Wartenden. Lotte war inzwischen noch einmal geschickt worden, kehrte aber unverrichteter Sache heim, da der Arzt seine Wohnung schon verlassen hatte. Nun mußte man sich gedulden. Herr Missionar Wendel hatte still und eifrig mit kalten Umschlägen die heiße Stirn seiner Tochter gekühlt, ihre Hände gehalten, die sich nicht wehrten, und flehende Gebete vor den Thron seines Gottes geschickt, dessen Walten ihm in diesen unverständlichen Vorfällen unergründbar erschien.

Als der Wagen vor dem Garten hielt, eilte Herr Wendel selbst an die Haustür, um zu öffnen. Und nun, da der Arzt ohne viel Fragen, in einschüchternder Sachlichkeit und scheinbar grausam anteillos sich in Anne-Dores Zimmer hatte führen lassen, schritt er stumm, mit geneigtem Kopf und ruhlos besorgt in seinem kleinen Garten auf und ab.

Die Luft wartete auf Regen, es war nicht warm und nicht kalt und kein Wind bewegte die Zweige der Bäume, an denen die Früchte zu reifen begannen und die mit dem Land auf Regen zu hoffen schienen, geduldig und gut. Die Rosen neigten sich an ihren hohen, wohlgepflegten Stöcken, senkten die vollen Kelche und trugen Tautropfen, die kühl vom Wind der hellen Nacht waren.

Wie quälte die stille Geduld der Pflanzen und das graue Zögern des Himmels. Es überredete die Seele, aber vergeblich erhoben die großen Mahnungen der heilenden Natur sich vor der Qual dieses zitternden Herzens. Der alte Mann starrte mit schmerzvollem Gesicht in den Morgen hinaus. — Ein großäugiger Engel schien zögernd in den Frieden seines Heimes eingekehrt, herrschsüchtig und still. Er verriet der fragenden Seele nicht, ob sein Wesen Huld oder Strenge, Licht oder Finsternis barg, wie ein schweigender Bote eines nahenden Schicksals, der wider Willen verkündete, wer ihn gesandt hatte. Seine lautlose Gegenwart erinnerte das schwache Herz jählings daran, daß die Welt keine Zuflucht bietet, wenn ein Leid hereinbricht, und daß keine Macht im Himmel und auf der Erde den dunklen Zug der Schmerzen hindern kann, die die Seele eines Menschen erwählt haben.

Lange nach allen Ereignissen, spät und im Schatten seines Lebensabends, gedachte Herr Wendel dieser Stunden und alles Kommenden, in jener bösen und beinahe unversöhnbaren Deutlichkeit, die die einzigen und schwersten Ereignisse des ganzen Lebens behalten können. Und immer blieb in der Erinnerung etwas von jenem Schwindel, in die grausame und harte Schicksale ein Herz bringen können. Alle wilde Klarheit, die diese Geschehnisse aus der Welt seiner Vorstellungen und Erlebnisse rückte, ließ doch die seltsam bedrückende Angst im Herzen zurück, als wären seine Augen verbunden gewesen und als hätten die Sinne in einem schrecklichen, wachen Schlaf gelegen. Wie demütigte diese Huld einer fremden Güte tief, die mit den Menschen umging, als seien sie törichte Kinder, und die sie zugleich bewahrte, als seien sie törichte Kinder. —

»Mach mein Herz demütig«, betete er im stillen, als er ins Wohnzimmer eintrat, in das der Arzt ihn nun hatte bitten lassen, und in dem er erfahren sollte, wie es um sein Glück stand und um alle Freude seines Lebens.

Das Gesicht, in das er forschend schaute, verriet ihm nichts. Der Herr Sanitätsrat rückte ihm einen Stuhl hin. Es war ganz augenscheinlich, er kokettierte ein wenig mit der Macht, die ihm für kurz die Umstände einräumten, dieser Herr, der sich in seiner Gelassenheit wichtig fühlte und gefiel, und dem die bangende Hoffnung schmeichelte, die jetzt von seinem Ausspruch ihr Heil oder ihren Untergang erwartete.

Er wies Herrn Wendel mit sehr beherrschter und höflicher Gebärde auf den Stuhl, auf den jener sich sinken ließ, ohne recht zu wissen, daß er es tat, und immer die Blicke im Gesicht des andern. Seine hastige Frage schien jener zu überhören, er ordnete irgendein blinkendes, fremdartiges Instrument in ein Taschenetui ein und sagte:

»Sprechen wir mit viel Ruhe miteinander, lieber Herr Missionar, das ist in jedem ernsten Fall das erste Gebot Einsichtiger, die helfen möchten.«

Herr Wendel stand auf: