»Sagen Sie mir, ob meine Tochter in Gefahr ist oder nicht.«

»Bitte, beruhigen Sie sich. Ich müßte Ihnen die bedeutsamsten Einzelheiten vorenthalten, wenn ich Ihrer Gelassenheit kein Vertrauen schenken dürfte. Und in diesem Fall hängt viel von einer sachkundigen und besonnenen Behandlung ab. Zunächst bedarf es der Pflege einer geschulten Kraft, ich lasse Ihnen noch heute mittag eine barmherzige Schwester aus dem Ursula-Spital senden, unter den protestantischen Schwestern wird kaum eine abkömmlich sein. Es wird Ihnen nichts ausmachen, denke ich ...«

Er kritzelte, kurzsichtig vorgeneigt, auf seinem Rezeptblock. Eigentlich war genug gesagt. Herr Wendel zitterte so heftig, daß er nicht sprechen konnte, seine Hände flogen. Er preßte sie auf die Knie und wartete in heißer Angst.

»Der junge Herr, den Sie im Hause haben, hat mich über die Geschehnisse in Kenntnis gesetzt, die zurückliegen, und denen wir diesen bösen Fall verdanken. Es liegt eine so schwere Gehirnerschütterung zugrunde, daß beim Stand des heutigen Fiebers wohl kaum so bald auf eine Wiederkehr des Bewußtseins gerechnet werden kann.«

»Lieber, lieber Gott«, stöhnte Herr Wendel auf.

»Es liegt kein Grund vor, alle Hoffnung fahren zu lassen, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu unterrichten. Wir Ärzte machen in der Regel die übelsten Erfahrungen mit jedem falschen Trost, den wir gewähren ...«

Herr Wendel war aufgesprungen und taumelte im Zimmer umher, so daß der Arzt ihn stützen mußte, beinah erstaunt über soviel Mangel an Selbstbeherrschung, wo es doch galt, die Kräfte für ernste Hilfsbereitschaft zu sparen.

»Es ist nicht dies allein«, sagte er nachdenklich und scheinbar unentschlossen, während er, die Hände auf dem Rücken und die Stirn in strenge Falten gelegt, im Zimmer auf und ab schritt, immer an Herrn Wendel vorbei, der schwer und wie gebrochen, wortlos auf seinen Stuhl gesunken war. Nun war er auf dem Fußboden und man hörte seine wichtig knarrenden Stiefel, nun dämpfte der Teppich seinen Schritt. Nun war es umgekehrt.

»Sie peinigen mich«, sagte Herr Wendel leise. »Bitte, sprechen Sie ausführlich, sagen Sie mir alles, ich muß es ja tragen, wie es nun kommen soll.«

Er fuhr mit den Händen durch seinen grauen Bart, rang mühsam um Fassung und suchte sich den Anschein zu geben, als sei er wohl beherrscht und stark. Aber seine Gebärden waren beinahe drollig in ihrer Hilflosigkeit. Niemand führte sie und niemand verstand, was sie bekundeten.