»Es kommt noch etwas hinzu,« fuhr der Arzt in einem Tone fort, der nicht an die Bitte des andern anschloß, sondern nur seine Nachdenklichkeit verriet und sein Bewußtsein für den Ernst seines Berufs, »es kommt zu ungeeigneter Zeit und ist ein böses Zusammentreffen. Aber darüber spreche ich wohl besser mit der Mutter.«
Herr Wendel hob den Kopf.
»Meine Frau ist verreist .. sagen Sie es zu mir.«
»Sie wollen, daß ich es Ihnen sage? — Nun, es ist wohl auch meine Schuldigkeit: Ihre Tochter ist im dritten Monat schwanger.«
Er bereute es sofort, der Sanitätsrat, eigentlich schon, bevor er ausgeredet hatte. Man hätte, so gefahrvoll die Dinge nun einmal lagen, auch warten können. Aber nun war es mitgeteilt, nun mußte es ertragen werden.
»Was?« fragte der Mann vor ihm mit einem so trostlosen Ausdruck von Schreck und Angst in den Augen, daß der Arzt um seinen Verstand zu fürchten begann. Und noch einmal: »Was?« Aber er hatte verstanden.
Er erhob sich schaukelnd mit einem beinahe kindischen Lachen, winkte mit der Hand hoch in die Luft, als gäbe er jemanden den Rat, sich fern zu halten, und stotterte:
»Sie irren sich, mein Herr! Ärzte irren zuweilen ... es ist vorgekommen, daß Ärzte Irrtümer begangen haben. Was Sie sagen, ist ganz unmöglich, merken Sie es sich ...«
Aber er wußte schon selber, daß hier eine Wahrheit ausgesprochen worden war. Er wußte es plötzlich mit dem klaren Instinkt eines Liebenden, der lange in qualvollen Zweifeln gelitten hat, und der nun die furchtbare Wahrheit glauben muß, weil er mit allem Schmerz zugleich auch ihr Erlösendes fühlt, ihre befreiende Kraft von der schweren Finsternis einsamer Zweifel. Aber dann übermannte ihn doch jählings die ganze Bitternis dieser schrecklichen Wirklichkeit; mit trockenem, ruckweisem Schluchzen trat er vor, seine schwachen, zitternden Fäuste geballt, und blieb so vor dem Arzt stehn und mit bebenden Lippen schrie er lallend:
»Warum — haben Sie mir — das gesagt? — Nein, nein, nein, das durften Sie mir nicht sagen, das nicht. O später — wenn wir einmal vor Gott stehn, vor dem Thron Gottes, wir beide, dann sollen Sie mir Rede stehn, warum Sie mir das gesagt haben ...«