Die Ergriffenheit und die Verlegenheit des Arztes schlugen in Zorn um, weil er merkte, daß er nicht mehr gutmachen konnte, was er voreilig angerichtet hatte. Wie kam man ihm hier aber auch entgegen, ihm, dem Sanitätsrat Claußen! Ich bin ein Opfer meines schweren Berufs, dachte er und schritt aufgeregt im Zimmer umher. Hatte er etwa seine Pflicht vernachlässigt?
Erst als er sah, daß Herr Wendel still und gebrochen in seine Hände weinte, ohne den alten, drohenden Zorn und ohne Anklage, gewann er seine gelassene Ruhe wieder, versuchte zu trösten und zu erklären. Es wäre nun einmal so in der argen Welt und die Jungen machten es nicht besser, als früher die Alten es gemacht hätten. Aber alles sei menschlich und sähe sich nur anfangs so schlimm an. Ach, er glaube ja gar nicht, an wie vielerlei die Menschen sich gewöhnen könnten.
Nein, gegen dies ratlose Weinen kam niemand an. So gab denn der Arzt Herrn Friedberg und dem Dienstmädchen die nötigsten Anweisungen, versprach, die barmherzige Schwester selbst sofort zu bestellen und zu unterweisen, und sagte seinen erneuten Besuch für den Abend zu.
Vierzehntes Kapitel.
Dann kam jener klare kühle Sommermorgen, der strahlend und hell über Hildenrot heraufzog, den Mark Enz wie einen Blitz erkannte, als er jählings erwachte. Farbenreich, grün, rot und hoch und jubelnd vor Frische, eingetaucht in die blausilberne Seide der sinkenden Dämmerung, lag vor seinen weit offenen Fenstern die Welt.
Aber was war es, das ihn so wild emporgerissen hatte? Nun wieder: ein dumpfes Poltern, dann rief eine Stimme rauh, häßlich und heiser seinen Namen. Es wurde roh und stürmisch an seine Tür geschlagen, und als er emporsprang und sie aufriß, schaukelte derb und schwarz der Kandidat Friedberg ins Zimmer, rang mit lautem Keuchen nach Atem, fuchtelte mit den Armen durch die Luft und wies hinter sich:
»Anne-Dore stirbt!« schrie er.
Und nun half er Mark Enz beim Ankleiden, überhastig und völlig verstört, eher hinderlich als fördernd. Er trug ihm die Stiefel herbei und suchte seinen Rock, gab ihm den Hut und zog ihn förmlich mit sich heraus.
»Du mußt kommen, rasch, rasch! Sie will es«, keuchte er, als sie über die Waldwege liefen. »Sie hat mich gebeten, mich hat sie gebeten, dich zu holen. Ich habe es getan, nun .. das siehst du ja —. Aber bitte, versteh mich .... nur rasch, rasch!«