Er war völlig erschöpft und wie von Sinnen.

»Warum bist du nicht eher gekommen?« fragte Enzheim.

Da brach Friedberg mitten auf dem Wege zusammen und stöhnte wild. Er umklammerte die Knie des andern, der ihn aufrichten wollte, und wand sich wie ein Besessener.

»Vergib mir!« schrie er, »vergib! Auch dir wird man vergeben müssen, auch dir. Sei barmherzig, ich habe nicht gekonnt. Ich habe geglaubt, es meinem Gott schuldig zu sein, daß ich dich fernhielt. Ich weiß alles ... man hat mich beschuldigt, daher weiß ich, daß du ..., daß Anne-Dore Mutter wird. Höre mich zu Ende: Ich habe geschwiegen — sie — hat mich — schon vor — drei Tagen gebeten, auch nachts, dich zu holen, aber ich habe — sie belogen.«

Mark Enz wurde totenblaß. Er riß die Hände des Wimmernden von seinem Körper und sprang zurück, als fürchte er, sich an ihm zu vergreifen.

»Dein Gott mag dein Richter sein,« stotterte er in einem Grauen, das ihn schmerzte. Dann wandte er sich ab, kurz, hart, die Schultern flogen, und stürmte den Waldweg hinunter, wie auf der Jagd um sein Leben. —

Der unschuldige Wald ward wieder morgendlich still und voll heimlicher Feier, als habe er alles wohl vergessen, was Menschen in ihn hineingetragen. Helle Vogelstimmen in kurzen jubilierenden Lauten, die kein Lied mehr wurden, tönten aus dem niedrigen Buschwerk und hoch aus den feinbewegten Kronen. Langsam stieg die goldene Sonne höher, ihr Licht wurde weißer und alles verhieß einen langen, heißen Tag. — Quer über den schmalen, grauen Fußweg, das Gesicht und die Hände im Laub, lag dunkel und schwer ein großer junger Mensch, schwarz und still, als sei er tot. Nur die stoßende Brust verriet sein Leben, und ein wenig weiter, auf Missionar Wendels Landhaus zu, lag am Wegrand ein Hut im Gras.

Alle im Hause Wendel schienen vorbereitet, als nun Mark Enz es betrat. Er begegnete niemandem, als dem Dienstmädchen, das ihm weinend und stumm den Weg wies. Im Halbdunkel des Schlafzimmers sah er, wie schwarz, mit einer schimmernden weißen Haube, eine Krankenschwester sich wortlos erhob, dann Anne-Dore vorsichtig und schonend etwas zuflüsterte, die Tür hinter ihm zuzog und ihn mit dem Mädchen allein ließ. Auch die Schwester schien eingeweiht und mit den andern dem Schicksal ergeben, das dieser Mann über dies Haus heraufbeschworen hatte. Ja, sie war es gewesen, die Missionar Wendel überredet hatte, seinem sterbenskranken Kinde den Willen zu tun. Sie, die an manchem Bett gesessen, dessen Leidende sich ihr vertraut, sagte schluchzend zu dem alten Mann: »Sie versündigen sich, wenn Sie Ihrem Kinde nicht diesen Wunsch erfüllen, den letzten vielleicht. Sie bittet nicht mehr, das ist das Schreckliche. Aber ihre Augen, ihr Herz, ihre Hände — — Gott, es ist wahrhaftig so, als bluteten sie vor Verlangen.«

Da hatte Herr Wendel genickt, mit einem Gesicht, als sei ihm für immer seine Welt in einer neuen fremden versunken, in der sich sein Kopf nicht mehr zurechtfinden konnte, und noch weniger sein verarmtes Herz. —

Mark Enz hörte seinen Namen, ein Stöhnen, das ihn bedeuten sollte. Schmal und weiß tauchten zwei fiebernde Arme aus dem Dämmern empor und suchten ihn. Er beugte sich unter ihrem matten Liebesgruß und kniete an ihrem Bett.