Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhütte. In vergangenen Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte Speisevorräte und Getränke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr, wenn es sein mußte, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einöde und war so von Weiden, Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, daß es im Sommer niemand fand, der nicht darum wußte, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg, verriet es zuweilen.
Wie alt Onne war, wußte niemand, sie hatte längst die Jahre erreicht, nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt Menschen, die der Tod vergißt. Die Urenkel sehen solch ein Väterchen oder Mütterlein laufen und wissen, daß schon ihre Eltern sie nicht anders gekannt haben. Sie können nicht sterben, gut, so leben sie denn, und bisweilen mit unverständlicher Geistesfrische und wie in einer neuen Jugend der Seele.
Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte man lange darüber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas Unförmiges in grauer und brauner Tönung, in Farben, die sich der Umgebung angepaßt hatten, nahte sich in holperigen Sprüngen, übereifrig und doch langsam. Endlich erkannte man mühsam einen weißen Scheitel, unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die Krümmung des Rückens überragten ihn, und die Knie der Schreitenden schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berühren.
Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens, der ursprünglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier Räder alle von verschiedener Größe waren, es schien so, als habe sich der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepaßt.
Die Landleute nannten Onne »die Sackziege«. Wenn im Abendrot gegen den Horizont die merkwürdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen zu entschwinden, so wußte man, daß es ein Freitag gewesen war.
Onne war es übrigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, daß sie Anje kennen lernte. Die alte Frau war keineswegs lächerlich oder einfältig, wie diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten oder nach den Lästerungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat Freunde und Feinde, deren Regungen für und gegen sie, sich bis zur Liebe oder bis zum Haß gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines Menschen sicherer einzuschätzen, als nach kleinen Einzelzügen oder aus guten oder schlechten Eigenschaften. So gehörte sie auch durchaus nicht zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprüche oder Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte. So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei manchen auslöste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung, sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus dem Wert ihres Herzens.
Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit Gerom, und obgleich sie schweigsam und spöttisch war, ging ihr Einfluß weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekräftigung, wenn einer Meinung hinzugefügt wurde: Onne hat es gesagt. So hieß es, der letzte Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen müssen, niemand wußte recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt hatte. Es war ihm ein böser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit bittersüßem Lächeln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: »Unter Euch Gerechten gibt es nur drei Weltbürger, die hausen im Moor.« Da der Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften hatte, die die Obrigkeit der Dörfer zuweilen auszeichnet, so dachte er für die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll über solche Leute, wie etwa der Pfarrer sie unter »Weltbürgern« verstanden haben mochte.
Onne sagte zu Gerom: »Der Pfarrer hätte bleiben sollen, er war ein guter Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem Schwanz voranläuft?«
Es war übrigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu müssen, so gehörten nur sehr wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwählten. Sie sprudelte ihre Worte zunächst heraus, schien sie dann wieder einzufangen und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte sie sie durch eine große Zahnlücke nach links, dort mußte man aufpassen, denn nun waren sie am verständlichsten.
Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflößt, und die Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer großen Liebe geworden. Onne verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wußte, daß Menschen von selbständigen Kräften der Empfindung sich in ihrer Jugend nicht durch Beständigkeit oder Gleichmaß der Herzensregungen auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mädchen den hilflosen Unbestand der Empfänglichen.