An Vinzenz Gerom.

Ich muß sterben. Ich kann nicht mehr darüber sprechen, was du mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht würde ich auch nicht das Richtige sagen können, es sollen meine Hoffnungen und meine ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die über mich hereinbricht. Ich danke dir für die Lebensbarmherzigkeit, die ich für kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke dir für Anje, mein Kind, oh ich möchte dir danken ohne Ende. Ich will, daß du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu dir nimmst, höre mich an, ich will es. Ich fürchte nicht um sie, und weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind in deine Hände zu befehlen, denn ich weiß, daß du einmal in deinem Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen kannst, was die Menschen dir zugefügt haben.

Angelika.

Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhängenden Hand, ihm ward langsam in aufdämmernden Gewißheiten mehr und mehr zu Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von Bitternis gehüteten Träume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, daß jener verhängnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glück gebracht hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er hatte sich wieder und wieder klar gemacht, daß im Grunde ihre Liebe ihm gehören müsse, denn er konnte nicht glauben, daß die zärtlichen Gebärden einer so stürmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehören sollten. Aber nun fühlte er, daß aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks, hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter ihrem Manne für ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schloß sie ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus, die ihn allein hätte versöhnen können, und sie verwandelte sein Zugehörigkeitsgefühl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit.

Ich bin in Wahrheit ein Mörder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein gewalttätiger Hüter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese Tote mir durch ihr Vermächtnis den Frieden meines Daseins zertrümmert. Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine Genugtuung, vergeben zu können.

So beschloß Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfüllen, und sein Kind in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war stärker als sein Entschluß. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, daß irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten müsse, die Angelika gemeint hatte, der einfältige Ausgleich zum Bestand, der in den großen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief verfaßte, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hände und seine Lippen, und die neue Demütigung, die seine Liebe ihm auferlegte, überwältigte ihn zu Tränen, die über sein unbewegliches Gesicht in den ergrauten Bart tropften.


Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine großen Hände und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und nicht traurig, sein Gemüt schien kaum bewegt. Vergrämt forschte er in dem blassen Kindergesicht und strich endlich zögernd über das helle Haar. Da legte das von der weiten Reise ermüdete und geängstigte Kind hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die Wange an seine Schulter. –

Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines reichen und erträglichen Besitzes einen großen Landstrich der Einöde, den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort ließ er in den dichten Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem, was ein Einsiedlerleben möglich machte, nahm eines Tages sein Kind an die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frühlingsland seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war ein großer, häßlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein Kopf hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit dem eines Affen, und seine hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief unter den Stirnfalten und waren das Gutmütigste der Welt.

Wie Anje in der Einöde heranwuchs, wußte sich niemand recht zu erklären, hätte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht zuweilen des Kindes angenommen, so wäre die kleine Menschenblüte vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkümmert, in die Gerom sein düsteres Dasein hüllte. Er mied die Menschen in einem Haß, den Jahr um Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man ließ ihn in Furcht und Mitleid gewähren und vergaß ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken zitternd, aus dem Moor zurück, es seien dort draußen Wunder geschehen, das Land blühte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu stecken, wenn man ihm sein Kind nähme.